Keine Freizügigkeit im Basler Nachtleben

Geht es um Lärmschutz, Plakatieren oder Blitzableiter, sind die städtische Reglemente strikt. Doch Guy Morin signalisiert Bereitschaft, diese zu prüfen.

Vorschriften statt Partylaune: Feste können in Basel kaum noch gefeiert werden, wie sie fallen.

Vorschriften statt Partylaune: Feste können in Basel kaum noch gefeiert werden, wie sie fallen. Bild: Pino Covino

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Clubs sterben, Zwischennutzungen gehen zu Ende – aber warum kriechen neue Events und Lokale in Basel nur äusserst zögerlich hervor? «Es war schon immer schwer, in Basel einen Club zu betreiben und damit noch Geld zu verdienen», sagt Claude Gaçon, Geschäftsführer des Sud: Die Reglementierung hat es in sich – vom Kriterienkatalog abgewichen wird ungern.

Dass in einer Stadt verschiedene Interessen aufeinanderprallen, jene nach Ruhe oder einem regen Nachtleben beispielsweise, ist klar. «Es werden aber nicht beide Seiten gleich berücksichtigt», sagt Sandro Bernasconi, Co-Präsident des Vereins Kultur und Gastronomie. Beschwert sich ein Anwohner mehrmals über Lärmemissionen, müsse der Clubbetreiber handeln, obwohl die Lautstärke womöglich bereits der Auflage entspricht. Wie laut die Party in den Räumen des Klägers klingt, wird nicht geprüft. Das stört nicht nur Clubbesitzer: «Für uns Clubgänger wird es immer schwieriger: Viele Clubs gehen zu, wenig neue entstehen», sagt Jo Vergeat vom Team «Bebbi, wach uff!», das sich für ein junges, lebendiges Basel einsetzt. Die Gespräche, welche ihr Team bereits mit den betroffenen Clubbesitzern und Kulturschaffenden der Szene geführt hat, zeigen: «Von der Stadt wird kaum etwas zur Verfügung gestellt, weder finanzielle Mittel noch Kulanz bei Auflagen.»

Kein Mehrwert durch Auflagen

Während Clubs und Events fixe Fristen einzuhalten haben, wartet Bernasconi, auch Leiter des Openair Basel, seit Oktober auf die Bestätigung dafür, dass er sein Festival im August durchführen kann: «Wir gehen davon aus, dass wir dürfen. Wir haben uns sehr bemüht, alle Auflagen einzuhalten. Die Frage ist vor allem, wie lange wir wie laut Musik machen dürfen.» Das ist unterschiedlich: 2009 bis 2011 durfte das Openair bis Mitternacht laut sein, seit 2012 muss um 23.30 Uhr Ruhe einkehren.

Seit 2014 muss neben den regulären Lärmemissionen auch die Basslastigkeit der Musik gemessen werden. Dazu gibt es aktuell noch kein offizielles Gesetz, die Auflagen variieren darum – einen Mehrwert sehen die Betreiber für niemanden: «Wen der Bass stört, den stört er auch, wenn er etwas leiser ist.» Die bis in die Magengrube wummernden Bässe sollen nämlich nicht verstummen, nur weniger werden. Für Bernasconi heisst das: «Acts wie Bonobo, die letztes Jahr unser Festival rockten, können wir nicht mehr einladen. Es ist Ausdruck ihrer Kunst, dass man den Bass hört und fühlt» – und es ist, was die Besucher erwarten, weiss auch GaÇon: Beim Sud sei es ein schmaler Grat zwischen dem, was an Lärmemissionen nach aussen toleriert werde, und dem, was die Leute im Innern an Lautstärke fordern. «Bei uns sind 93 Dezibel erlaubt», sagt er. Das sei wenig, aber für ihn in Ordnung: «Wir befinden uns in einem Wohnquartier, wir können nicht grenzenlos rocken.» Man bemühe sich aber um Behörden und Anwohner, darum laufe aktuell auch alles gut: «Einen Club zu betreiben bedeutet aber, stets ein Damoklesschwert über dem Kopf zu haben, wenn die Ämter nämlich ihren Fokus auf einen richten, dann wird es rasch existenziell.»

Plakat-Monopol und Blitzableiter

Störten sich plötzlich die Anwohner, würde das Sud für 100'000 Franken seine Fenster neu isolieren müssen. Das Geld dazu ist nicht vorhanden, ebensowenig wie für mehr lokale Bands und Live-Acts. Denn: «Eine Party mit elekronischer Musik muss weniger beworben werden und spielt viel Geld ein», darum hätten Clubs wie die Balz-Bar auch so grossen Zulauf. «Wenn man allerdings gegen den Mainstream doch Live-Acts ins Haus holt, muss das zumindest gut beworben werden können.» Das geht aber wiederum nicht, «da nur über die beiden bewilligten Plakatierfirmen geworben werden kann», sagt Gaçon. Dazu hat die Stadt an drei Baustellen kleine Wände freigegeben, auf denen die Plakatierfirmen nun die Poster der Clubs gegen Entgelt aufhängen. «Diese Flächen reichen nicht für alle Clubs, also wurden Nutzerkreise eingeführt. Subventionierte Clubs beispielsweise gehören zum Nutzerkreis 1 und haben beim Plakatieren Priorität.» Für die Zugehörigkeit zu einem Nutzerkreis kann man sich bewerben – «wir müssen uns also gar fürs Plakate-Aufhängen einem Wettbewerb stellen». Selber Plakatieren bleibt aber so oder so verboten.

Auf alte Aluschilder wurde das Logo der Kaschemme gesprüht und ein Weilchen zierten die bunten Schilder dann das tagsüber verlassene Areal rund um den Club. Nun ist die Dekoration weg: Die Betreiber hätten für jedes der improvisierten «Werbeschilder» ein «Reklamebegehren» stellen müssen. Kostenpunkt je Schild: 600 Franken. Das ist nicht der einzige Fall, den Kaschemme-Mitbegründer Eres Oron der «Tages­Woche» schilderte: Weil sein Lokal mehr als Hundert Gästen Platz bietet, musste er einen besonderen Blitzschutz installieren – zweimal, weil die ersten Kernbohrungen dem Amt für Umwelt und Energie nicht genügten. «Solche Sachen haben uns viel Geld gekostet», sagt er. Auch Lärmschutzplatten mussten zentimetergenau angefertigt werden, dennoch kam die Lärmkontrolle – auf Kosten der Kaschemme – zweimal: Einmal wurde mit alter Soundanlage gemessen, einmal mit neuer. Im betreffenden Formular sei aber nirgends vermerkt, dass es bei der Messung um die Anlage gehe, so Oron. Bei Lautstärkemessungen wäre anzunehmen, dass die Isolation getestet wird; welche Anlage dabei die festgelegte Dezibelhöhe abspielt, scheint irrelevant – andernorts war sie das auch.

Die Probleme der Clubs scheinen – leider – nicht nur ein Sturm im Cocktailglas. Auf eine entsprechende Interpel­lation von Grossrätin Mirjam Ballmer antwortete Regierungspräsident Guy Morin nun, man sei gerne bereit, «vorhandene Regelungen einer Prüfung zu unterziehen». Na dann: Los! (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.04.2015, 10:44 Uhr

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