Basel

«Kindergärtner haben mit Plüschvaginas und Holzpenissen nichts zu tun»

Von Joel Gernet. Aktualisiert am 12.01.2012 54 Kommentare

Drei Basler Elternpaare wollen vor Gericht bewirken, dass ihre Kinder sofort vom Sexualkundeunterricht dispensiert werden. Crispin Hugenschmidt vom Erziehungsdepartement erklärt, warum dies nicht so einfach geht.

Blick in die «Sexbox»: Insbesondere die Holz- und Plüsch-Genitalien erhitzen die Gemüter gewisser Eltern. Das hier ist das Unterrichtsmaterial für OS-Klassen, <i>nicht</i> für Primarschüler und Kindergartner.

Blick in die «Sexbox»: Insbesondere die Holz- und Plüsch-Genitalien erhitzen die Gemüter gewisser Eltern. Das hier ist das Unterrichtsmaterial für OS-Klassen, nicht für Primarschüler und Kindergartner.
Bild: Roland Schmid

Crispin Hugenschmidt, Generalsekretär des Basler Erziehungsdepartements.

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Eltern wollen ihre Kinder vom Sexualunterricht dispensieren lassen. Der Fall liegt nun beim Verwaltungsgericht. Finden Sie eine solche Dispensation in Ordnung?

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Der Sexualkundeunterricht an Basler Schulen und Kindergärten bewegt noch immer die Gemüter, wenn auch in kleinerem Rahmen als vergangenen Sommer. Damals wurde das Basler Erziehungsdepartement mit über 3000 Protestbriefen aus christlichen Kreisen eingedeckt. Diesmal sind es drei Elternpaare mit evangelikalem Hintergrund, welche sich gegen die schulische Aufklärung ihrer Kinder sträuben und vom Basler Verwaltungsgericht verlangen, dass ihre Kinder ab sofort vom Sexualkundeunterricht dispensiert werden. Die rekurrierenden Eltern möchten den entsprechenden Entscheid der Basler Regierung nicht abwarten, wie der Radiosender DRS 1 am Mittwoch vermeldete.

Stein des Anstosses war – und ist – die sogenannte «Sexbox», gefüllt mit Lehrbüchern sowie Holzpenissen und einer Plüsch-Vagina. Zur Diskussion rund um den «Sexkoffer» stellt Crispin Hugenschmidt, Generalsekretär des Basler Erziehungsdepartements, als erstes klar, dass es zwei unterschiedliche «Sexboxen» gibt: Eine für Schüler der Orientierungsstufe und eine für die unteren Stufen. «Kindergärtner und Primarschüler haben mit den berühmten Plüschvaginas und Holzpenissen nichts zu tun», beginnt Hugenschmidt zu erklären, noch bevor das Interview begonnen hat.

Crispin Hugenschmidt, an was stossen sich die Eltern, welche vor dem Verwaltungsgericht rekurrieren?
Das kann ich nicht sagen, weil das ein laufendes Verfahren ist und ich da keinen Einfluss nehmen darf. Ich kann ihnen nur sagen, dass es um das Thema Sexualkunde auf der Stufe Kindergarten und Primarschule geht und nicht um die Orientierungsschule. Wichtig ist dabei, dass man sich bewusst ist, dass es dabei um eine altersgerechte Behandlung des Themas Sexualität geht. Das hat nicht viel mit unserer Erwachsenenperspektive zu tun. Dass die protestierenden Eltern zum Teil aus evangelikalen Kreisen kommen, bezieht sich nicht unbedingt auf die konkreten Einzelfälle, sondern um die Diskussion, die uns seit dem Sommer 2011 beschäftigt und die vielen Protestkarten, welche uns erreicht haben.

Wie sind eigentlich die Reaktionen der Schüler und Kindergärtner selber? Das ZDF Auslandjournal hat einen Bericht über den Koffer und seinen Einsatz in den Schulen gemacht. Darin zeigt sich deutlich, dass die Kinder mit dem Thema Sexualität locker – mit einer gewissen Selbstverständlichkeit – umgehen. Es wird ausserdem deutlich, dass die Kinder froh sind, dass sie die Themen in der Schule besprechen können, weil sie sich daheim genieren.

Verglichen mit den über 3000 Protestschreiben, die das Erziehungsdepartement im Sommer erreicht hat, scheint der aktuelle Protest relativ klein zu sein.
Richtig. Es geht jetzt um drei Familien, die jetzt so unglücklich sind und rekurrieren. Da sind keine neuen mehr dazu gekommen. Diese Familien fühlen sich jetzt halt wirklich belastet, verletzt und eingeschränkt und dem muss man mit der nötigen Seriosität begegnen. Das wird nun gemacht mit dem Verfahren, dass diese drei Familien angestrengt haben. Was ich schätze ist, dass sie sich für diesen korrekten Weg entschieden haben und ihre Kinder nun nicht einfach der Schule entziehen. Ich bin zuversichtlich, dass dieser Entscheid – auch wenn es dann vielleicht ein höchstrichterlicher Entscheid ist – von den Eltern akzeptiert wird. Wann die Entscheide von Regierungsrat und Verwaltungsgericht gefällt werden, kann ich nicht sagen.

Gibt es auch Proteste aus anderen religiösen Kreisen?
Nein. Es gibt diese Petition des SVP-Politikers Ulrich Schlüer und dann diese Kärtli-Aktion, hinter der eine christliche Organisation steht, aber aus muslimischen Kreisen etwa gibt es keine Proteste.

Kann die Diskussion auf juristischer Ebene verglichen werden mit der Kontroverse rund um die Dispension muslimischer Mädchen vom Schwimmunterricht?
Die Schwierigkeit ist, dass der Schwimmunterricht eine fest eingeplante, abgeschlossene Einheit ist – im Gegensatz zum Sexualkundeunterricht in Kindergarten und Primarschule. Dort wird die Aufklärung nicht via Stundenplan verordnet, sondern geschieht reaktiv wenn das Thema auftaucht. Das kann theoretisch sogar im Zusammenhang mit dem Lösen einer Rechnungsaufgabe sein. Man kann zwar die Dispensation von einem Fach beantragen, aber hier sind wir bei der Dispensation von einem Thema. Das ist sehr schwierig – und nicht vorgesehen.

In welchem Kontext werden denn die «Sexboxen» eingesetzt?
Zuerst muss man festhalten, dass diese Box keine Kiste ist, um welche die Kinder im Kreis herumsitzen, reingreifen und mit irgendwelchen Sachen spielen. Es ist eine Materialkiste für die Lehrpersonen, aus welcher diese situationsgerecht das geeignete Lehrmaterial herausholen können – je nachdem, was sie thematisieren wollen oder müssen. Bei einer Gruppe von Fünfjährigen nimmt man logischerweise etwas anderes zur Hand als bei Zehnjährigen. Dafür sind die Lehrpersonen ja auch geschult. Diese können auch entscheiden, wenn sie mit einem gewissen Instrument nicht arbeiten wollen. Das sind ja auch keine neuen Sachen – und auf Grund des Inputs aus der öffentlichen Diskussion wurden die Materialien ja nun auch teilweise überarbeitet.

Wird Sexualität in den Kindergärten und Schulen auf jeden Fall thematisiert – oder nur, wenn entsprechende Fragen der Kinder aufkommen?
Sie können sich mit hundertprozentiger Sicherheit darauf verlassen, dass diese Fragen in Kindergarten und Primarschule auftauchen (lacht). Die Handhabung ist also reaktiv und nicht etwa systematisch mit einem Zeitfenster im Stundenplan. Man reagiert auf Anliegen, Fragen und Problemstellungen, die aus dem Kreis der Kinder kommen – zum Beispiel, wenn die Kindergärtnerin schwanger ist. Einer der Gründe für diese Aufklärung – und das darf nicht vergessen gehen – ist, dass man sexuellen Missbrauch verhindern möchte. Kinder sollen sagen können, «Nein, ich will das nicht!». Dafür müssen sie erstens aber wissen, dass sie das Recht haben, nein zu sagen, und zweitens, dass sie autonom über ihren Körper bestimmen können. Darum müssen sie auch benennen können, was sie erlebt haben, wo sie angefasst wurden oder was ihnen droht. Natürlich kann man sich fragen, ob das Thema Sexualität schon im Kindergarten oder in der Primarschule nötig ist. Für mich ist die Antwort klar ja, denn diejenigen, welche solche Übergriffe machen fragen auch nicht nach der Schulstufe.

Nehmen die Eltern ihre Verantwortung in Sachen Aufklärung nicht wahr?
Das ist eine geteilte Zuständigkeit. Sicher sind die Eltern auch in der Verantwortung und diese will man ihnen nicht wegnehmen. Es muss aber sichergestellt werden, dass tatsächlich aufgeklärt wird und – sind wir ehrlich – wir können uns nicht darauf verlassen, dass dies alle Eltern auch zum richtigen Zeitpunkt machen oder ob sie sich vielleicht überfordert fühlen. Darum ist es wichtig, dass die Schule hier unterstützend eingreift und diese Funktionen mitübernimmt. Stellen sie sich vor, ich hätte eine Tochter und wäre der Auffassung, dass diese erst mit 16 aufgeklärt wird weil es vorher ja sexuell nicht aktiv ist. Das ist zwar eine mögliche Position. Im wirklichen Leben kann sich die Situation aber anders darstellen: Vielleicht wird die Tochter ja bereits früher mit Sexualität konfrontiert, sei es durch eine Bedrängung oder weil sie sich bereits mit 14 verliebt. Als Vater wäre es mir dann auch recht, wenn mein Kind nicht schwanger wird. Da bin ich froh, wenn meine Tochter schon einmal etwas von Verhütung und sexuell übertragbaren Krankheiten gehört hat und entsprechend vorsichtig ist. Da habe ich mehr davon, als von einer schwangeren Teenager-Tochter.

Mehr zum Thema in der BaZ von Freitag. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.01.2012, 15:50 Uhr

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54 Kommentare

Jakob Müller

12.01.2012, 19:04 Uhr
Melden 41 Empfehlung 1

Wären es meine Kinder würde ich den zuständigen Lehrer Anzeigen, dafür gibt es genug Gesetzte. Bei uns wird da sowieso in 5-8Jahren ein Richter entscheiden müssen. Religiös bin ich nicht, aber wozu muss ein 4-Jähriger wissen wie man Sex macht??? Unter altersgerecht verstehe ich was anderes. Antworten


Andrea Strahm

13.01.2012, 08:33 Uhr
Melden 33 Empfehlung 0

Es sind genau die Kinder solcher weltfremder Leute, die im Teenageralter schwanger werden. Man kann Kinder sachlich durchaus schon im Kindergartenalter anfangen aufzuklären, sie sehen schliesslich selber, wie ein Meersäuli aufs andere springt und wollen wissen, was das da macht und woher die Kinder kommen. Deswegen muss man noch lange nicht von Sado-Maso oder Bondage reden. Alles zu seiner Zeit. Antworten



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