Basel

Kollegen, was soll das?

Von Kurt W. Zimmermann. Aktualisiert am 30.10.2011 61 Kommentare

Enttäuschend an der neuen «TagesWoche» ist nicht so sehr, dass sie schlecht aus den Startlöchern gekommen ist. Enttäuschend ist, dass sie bisher nicht den Mut zu mutigem Journalismus hatte, schreibt Kurt W. Zimmermann in einem Gastbeitrag.

Seit Freitag im Umlauf: Die erste Ausgabe der «TagesWoche» stösst auf unterschiedliche Resonanz.

Seit Freitag im Umlauf: Die erste Ausgabe der «TagesWoche» stösst auf unterschiedliche Resonanz.
Bild: Keystone

Kurt W. Zimmermann war Chefredaktor der «SonntagsZeitung» und «Facts»-Herausgeber. Er gehörte der Konzernleitung der Tamedia an. Heute ist er Verleger eines Magazins in Italien und Kolumnist.

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Man schlägt also die «TagesWoche» auf, die einem so viel versprochen hat, und man denkt, jetzt kommts. Als Erstes kommt im Blatt eine Story über einen Pizzaiolo aus Pratteln und seine Teigprobleme. Die Teigprobleme sind leider von Langeweile. Was soll das, denkt man, aber jetzt kommts. Als zweite Story im Blatt kommt eine Analyse der vergangenen Parlamentswahlen und deren möglichen Auswirkungen auf die Energie-, Sozial- und Aussenpolitik. Die Analyse ist leider ebenfalls nicht aufregend. Was soll das, denkt man, aber jetzt kommts.

Jetzt muss es kommen, denn jetzt kommt in der «TagesWoche» der Basler Teil. Jetzt kommt die so oft versprochene Gegeninformation, auf welche die Stadt und der Kanton gewartet haben. Es folgt nun das ersehnte journalistische Alternativprogramm. Ich kann es kurz machen. Der Basler Teil der «TagesWoche» ist voller weichgespülter Harmlosigkeit und voller ängstlicher Entpolitisierung. Wir lesen über eine Chilbi-Schaustellerin, ein geplantes Böötli-Drämmli, über das Pilzeln im Wald, über erfolgreiche Kleinunternehmen und über den obligatorischen Jahrestag von Schweizerhalle, den wir fast identisch auch schon in anderen Medien serviert bekamen. Das wars.

Betrachtungsjournalismus

Einst hat es eine Zeitschrift mit dem Titel «Gartenlaube» gegeben. Überspitzt gesagt wäre das der bessere Name für die «TagesWoche». Sie tut so, als ob rund um Basel Politik und öffentliche Diskussion verboten wären. Sie tut so, als ob es keinen Streit um die Villa Rosenau und keinen Hauskrach im Freisinn gäbe. Sogar den neuesten Stellenabbau von Novartis tut man in einem Kurzkommentar als nebensächlich ab.

Ich bin mit einigen der Journalisten der «TagesWoche» per Du, darum sage ich es ganz direkt: Kollegen, was soll das? Von Euch erwartet man nicht diese hausfrauentauglichen Wohlfühlthemen und diesen unverbindlichen Betrachtungsjournalismus. Von Euch erwartet man harte Recherchen, zackige Geschichten und bissige Denkanstösse. Die Zahnlosigkeit der ersten Ausgabe bricht leider auch in der zweiten Blatthälfte nicht ab, im Gegenteil. Es folgen Themen wie die griechischen Familienclans, die Pflege unserer Babys, die Probleme der Basler Galeristen, ein liebdienerisches Interview mit Eveline Widmer-Schlumpf, eine grosse Reportage über den Alltag der Pakistanis. Wollte ich bösartig sein, dann würde ich sagen: Eigentlich fehlen bei Euch nur noch ein paar Büsi-Bilder im Blatt.

Es kann noch werden

Nun muss ich fairerweise einräumen, dass die erste Nummer eines Blattes oft danebengeht. Auch die erste Nummer von «20 Minuten», des «Sonntag» und der Schweizer «Zeit»-Ausgabe waren nicht das Gelbe vom Ei. Es kann also noch werden. Fairerweise muss man auch sagen, dass man den täglichen Internetauftritt noch nicht beurteilen kann. Und gerne sage ich auch, dass das Blatt äusserlich sehr hübsch und luftig daherkommt. Doch mit der Verpackung gewinnt man in der Medienbranche keine Medaille. Die gewinnt man nur mit dem Inhalt. Vielleicht ist die neue Zeitung fürs Erste an sich selber gescheitert.

Die Vorerwartungen, zusätzlich angepeitscht durch diese enthemmten «Rettet Basel»-Scharfmacher, waren extrem hoch. Zuerst haben die Redaktion und die Entourage der Zeitungssponsorin und Roche-Erbin Beatrice Oeri diese Erwartungen noch angeheizt. Erst in den letzten Tagen haben sie dann überall kleinlaut verkündet, man wolle um Himmels willen keine «Anti-Basler-Zeitung» sein. Das ist dieses betuliche Heft namens «TagesWoche» tatsächlich nicht. Enttäuschend an der «TagesWoche» ist nicht einmal so sehr, dass sie schlecht aus den Startlöchern gekommen ist. Enttäuschend ist, dass sie bisher nicht den Mut zu mutigem Journalismus hatte. (Basler Zeitung)

Erstellt: 30.10.2011, 08:26 Uhr

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61 Kommentare

Brigitte Wenger

30.10.2011, 11:00 Uhr
Melden 95 Empfehlung

Tja der Herr Zimmermann kann sich die Finger wund schreiben. Solange er Begriffe wie "hausfrauentaugliche Wohlfühlthemen" einstreut, ist er bei mir eh unten durch.
Mann muss nicht Hausmann sein, um mit Anstand und Respekt mit allen Bevölkerungsgruppen umzugehen, aber manchen "Herren" täte es gut, mal den Staubsauger spazieren zu führen.
Ich finde die Vernetzung der Leserschaft der tw interessant!
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Beat Wilhelm

30.10.2011, 10:51 Uhr
Melden 86 Empfehlung

Zugegeben, es war nicht "das gelbe vom Ei" was man da vorgesetzt bekam. Aber hättet ihr in eurem Verriss nicht neun Mal betont um welche Zeitung es sich da handelt, dann hätte ich spontan auf die BaZ getippt...
Zeigt nicht mit dem Finger auf die Anderen, solange ihr es auch nicht besser hinkriegt, bitte!
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