Basel
«Kreative müssen das Umdenken lernen»
Von Karen N. Gerig. Aktualisiert am 18.09.2010
DesignMarkt
Zur zweiten Ausgabe des Designmarkts wurden über 50 Labels aus den Bereichen Mode, Möbel und Produkte, Schmuck und Accessoires ausgewählt. Organisiert wird der Designmarkt vom Verein Trimart, gegründet von PR-Frau Monica Guarnaccia, Kunstlehrerin Anna-Flavia Barbier und Grafikerin Hanna Baur. Ziel des Vereins ist es, regionale Jungdesigner und das Kleingewerbe fördern. Wie letztes Jahr findet der Designmarkt in der Dreispitzhalle statt, dehnt sich allerdings neu über beide Hallenteile aus. Dadurch konnte die Anzahl von Ausstellern beinahe verdoppelt werden.
Dreispitzhalle, Helsinkistr. 5, Tor 13.
Sa 10–20, So 10–17 Uhr. Eintritt frei.
www.designmarkt.ch
BaZ: Wieso braucht Basel den Designmarkt?
Monica Guarnaccia: Basel hat ein ganz grosses kreatives Potenzial. Schon allein dank der Fachhochschule Nordwestschweiz. Der Designmarkt setzt dort an, wo es um die Wirtschaftlichkeit der Jungdesigner mit ihren Produkten geht. Diese Plattform soll Ihnen ermöglichen, ihre Kreationen direkt am Markt zu testen und allem voran ihr Netzwerk aufzubauen für die Zeit nach der Ausbildung. Ausserdem gibt es zahlreiche Beispiele von Untergrundorganisationen, von Vereinen, die aktiv sind in den gestalterischen Bereichen, auch in der Mode, in der Szenografie etc.
Aber es geht nicht darüber hinaus.
Hanna Baur: Genau. Die meisten Jungedesigner müssen nach der Ausbildung sehr hart kämpfen, und nur die wenigsten schaffen es auch wirklich. Oder sie wandern ab.
Was fehlt? Gibt es zuwenig Räume, fehlen die Netzwerke?
Guarnaccia: Ich glaube, es ist eine Kombination aus vielem. Einerseits wird es als Wirtschaftszweig ja erst seit sehr kurzer Zeit anerkannt – unter dem Label Kreativwirtschaft. Noch fehlt das Netzwerk, aber es fehlt auch die Förderung. Und es fehlt ein Weg, der die Studenten nach Vollendung der Ausbildung weiterbringt. Und genau an diesem Punkt der Wirtschaftlichkeit, bezüglich des Lebens nach der Schule – weil die ist ja da und sie ist hervorragend – da fehlt es. Die Wertschöpfung fehlt. Auch für die Bevölkerung, die nicht von dem, was hier wächst, profitieren kann.
Ihr Markt findet einmal jährlich statt. Unter dem Jahr aber fehlt die Infrastruktur für junge kreative Leute – abgesehen etwa vom Verein Stellwerk, der Ateliers im Bahnhof St. Johann für die Kreativwirtschaft ausschreibt, ist nicht viel vorhanden. Da wäre wohl auch die Politik gefragt...
Guarnaccia: Es ist natürlich schön zu sagen, die Politik muss jetzt machen, aber man muss ihr zuerst einmal aufzeigen, was es zu tun gibt.
Ist der Kreativwirtschaftsbericht, der im Mai erschienen ist, ein Schritt in die richtige Richtung?
Baur: Ja. Der Bericht zeigt, dass die Aufmerksamkeit da ist. Was daraus folgt, wird sich weisen.
Guarnaccia: Die Politik hat sicher ihre Aufgaben, die sie lösen muss, aber wir alle auch. Man muss sich auch präsentieren und engagieren können, dann findet idealerweise die Zusammenarbeit auch statt. So wünschen wir uns das zumindest, und es ist wohl auch nicht so unrealistisch.
Baur: Die Tools sind ja da, deswegen arbeiten wir beispielsweise auch eng mit dem Verein Stellwerk zusammen, damit sie unsere Plattform auch nutzen können. Wir profitieren ja dann wieder von den Produkten, die bei ihnen hergestellt werden. Wir können durch diese Zusammenarbeit zeigen, dass man nicht gegeneinander arbeiten muss, sondern dass man gemeinsam mehr erreichen kann.
Wie sind denn die Erfahrungen Ihrer letztjährigen Aussteller?
Baur: Grossartig. Es gab Designer, die vorher unsicher waren und am Schluss alles verkauft hatten – für die hat der Designmarkt wirklich einen Kick-Off bedeutet. Teilweise sind sie mit Aufträgen derart überhäuft worden, dass sie dieses Jahr keine Zeit mehr finden, erneut teilzunehmen.
Guarnaccia: Es ist insofern fast schade: Einige Perlen vom letzten Jahr haben wir jetzt nicht mehr dabei – dies sagen wir natürlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Innerlich spornt das aber an weiterzumachen.
Sehen Sie die Designmesse Blickfang, die im Frühling stattfindet, als Konkurrenz?
Baur: Nein. Die «Blickfang» ist ganz klar eine kommerzielle Messe. Und wenn ein Designer, der sich bei uns erstmals präsentiert hat, dort mitmachen darf, dann werten wir das als Erfolg.
Sie vergrössern sich in diesem Jahr – sind Sie überrannt worden?
Guarnaccia: Wir hatten dieses Mal deutlich mehr Auswahl, auch was die Qualität angeht. Gleichzeitig ist es uns extrem schwer gefallen, Leute auszumustern. Mehr als 50 bis 60 Stände verträgt die Halle aber nicht, weil dann jeder einzelne wieder zu wenig Platz erhält.
Ihre Idee scheint eine Lücke zu schliessen. Andere ähnlich gerichtete Events in Basel, die Modeschau des Kleinbasler Vereins Reh4 etwa, kämpfen dagegen mit einem Rückgang der Teilnehmer. Fehlt da halt doch übers Jahr hinweg der Rückhalt?
Barbier: Fixpunkte im Jahr sind sicher wichtig für die Designer, so dass sie entscheiden können, wo sie mitmachen wollen, was zu ihnen passt, zu ihrem Label. Viele haben ja noch ihren Brotjob nebenbei. Der Schritt zum eigenen Laden etwa ist da ein Level, den man sich erkämpfen muss.
An den Schulen kritisiert man immer wieder, dass sie das Handwerk liefern, aber nicht die Grundlagen zum Erstellen eines Businessplans...
Guarnaccia: ...deshalb finde ich das Wort «Kreativwirtschaft» sehr interessant. Es setzt voraus, dass man kreativ ist, es impliziert aber auch die Wirtschaftlichkeit. Oft ist man aber in den Kreativjobs so beschäftigt mit dem eigenen Produkt, dass an diese kaum ein Gedanke verschwendet wird. Da müssen die Kreativen auch das Umdenken lernen. Denn ohne geht es nicht. Es ist zwar eine schöne Ideologie, nur von der Kunst zu leben, aber in der Realität funktioniert das nicht. Das will der Designmarkt eben auch zeigen: Es ist zwar eine Förderplattform, aber das sind auch die ersten Schritte in die Welt der Wirtschaft hinaus – entweder dein Produkt kommt an, oder eben nicht. Langsam scheint das Bewusstsein dafür aber zu wachsen, bei den Machern, aber auch auf der politischen Seite.
...und das ist ja auch sehr wichtig, dass dort realisiert wurde, hier gibt es ein Potenzial, das wir nützen müssen.
Guarnaccia: Da hat sich wirklich einiges getan, und wir sind gespannt auf die Zukunft. Wir sind auch im Gespräch und schauen nicht einfach tatenlos zu. Wir können sicher noch mehr bewirken, indem wir im Gespräch die Aufmerksamkeit für unseren Bereich weiter erhöhen. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.09.2010, 09:56 Uhr
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