Leben mit Hampe Wessels

Hans-Peter Wessels kann nicht zurücktreten, weil damit sein ganzes Selbst finalen Schiffbruch erleiden würde.

Hans-Peter Wessels: Die Unfähigkeit zum Rücktritt liegt in seiner Sozialisation.

Hans-Peter Wessels: Die Unfähigkeit zum Rücktritt liegt in seiner Sozialisation. Bild: Kostas Maros

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Ich weiss nicht, welche Gedanken sich Hans-Peter Wessels oben an der Ostsee macht, wo er seine Ferien verbringt. Aber ich kann berichten von meinen Gedanken über ihn, die ich mir unten im Süden des Peloppones mache. Ich kenne die Ostsee gut, die Brackwasser, die Strände, der popelige deutsche Sandalen-Mittelstand, der dort hingeht, und all die Ossis auch, die hoffen, in den letzten Sandburgen des Sozialismus ein wenig Vergangenheit spielen zu können. Was macht ein Mann dort im Auge des Hurrikans seines Lebens, der nicht wahrhaben will, dass er verloren hat und der nur noch ein bisschen auf die Zeit und ein wenig auf ein Wunder hoffen kann? Es gibt Männer, die würden trinken in dieser Situation, tagsüber Bier, vor Sonnenuntergang das erste Doppelkorn und dann zuerst sich selbst und dann allen andern eingestehn, dass sie es verkackt haben und dann würden sie in Würde und ganz nüchtern gehen. Aber so ein Mann ist Wessels nicht.

Vor ein paar Jahren traf ich mich mit ihm, um ein Porträt über ihn zu schreiben. Es sprach davon, dass er sich problemlos vorstellen könne, auch etwas anderes zu tun, was offenbar nur so dahergesagt war, und er sagte einen Satz, den er in der Zwischenzeit wohl ganz vergessen hat: «Es ist relativ bedeutungslos, ob ich auf der Welt bin.» Es ist, vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse klar, dass er das, wie alle Narzissten, in einem ausschliesslich universellen und koketten Kontext meinte. Einige vermuten, dass Wessels nicht geht, weil er verliebt in die Macht sei. Das mag ein wenig stimmen, aber so einfach ist es nicht. Wessels kann vielmehr nicht zurücktreten, weil damit sein ganzes Selbst finalen Schiffbruch erleiden würde. Die Unfähigkeit zum Rücktritt liegt nicht in seinen Genen, sie liegt in seiner Sozialisation.

Er wäre ein Mann mit nichts mehr als dem Pimmel in der Hand.

Als Wessels von Kanada her nach dem Unfalltod seines Vaters in die Schweiz kam, war er ein grosses, dickes und gescheites Kind, das die Sprache noch nicht konnte und das bei den Pfadfindern den Namen «Bimbo» bekam, weil die St. Galler Kinder ihn für einen Elefanten aus einem Trickfilm hielten. Damals begann Wessels mit dem Lachen. Um Freunde zu finden und Kränkungen zu übertönen, und es funktionierte. Die Sprache kam nach einem Jahr hinzu, und jetzt war es da, dieses Selbst als Strategie aus Geselligkeit und Lachen und Intellekt, und klein Hampe kam gut an, und je mehr andere ihn mochten, desto mehr verliebte er sich in sich selbst. Später verlor Hampe seine Wampe beim Judo, er lernte kämpfen. Er lernte, dass man aufstehen muss, wenn man verloren hat. Und dass man nie aufgibt, weil es immer einen nächsten Kampf gibt, den man gewinnen kann. Ich glaube, Wessels ist in seinem Judomodus und wahrscheinlich überlegt er an der Ostsee, wie er, bei seinem allerletzten und, das ist seine Tragödie, bereits verlorenen Kampf den Gegner auf den Boden kriegt.

Der Gegner aber, das ist inzwischen ganz Basel. Würde Wessels jetzt zurücktreten, kapitulierte er vor sich selbst, vor seiner Lebensstrategie, die ihn dahin gebracht hat, wo er jetzt ist, und das ist ja nicht nichts. Es käme einer inneren Selbstauslöschung gleich, und er wäre ein Mann mit nichts mehr als dem Pimmel in der Hand, wie man so sagt. Die einzige Möglichkeit, damit er ohne Gesichtsverlust und gekränktem Narzissmus zurücktreten könnte, wäre ihm ein Angebot zu machen, dass er nicht ausschlagen kann: Gebt ihm, dem ehemaligen Zellforscher, den VR-Posten des Biozentrums. Das könnte funktionieren. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.07.2017, 13:44 Uhr

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