Basel

Lieber grün statt zwölf Wohntürme

Von Mischa Hauswirth. Aktualisiert am 29.09.2014 43 Kommentare

Riehen bodigte das gigantische Bauprojekt Basel Ost und machte die Natur zum Sieger. Baudirektor Hans-Peter Wessels warnt vor den Folgen des Entscheids.

Fröhliche Gesichter. Die Gegner der Siedlungsentwicklung strahlten, als die Information über ein Nein zu den Bauprojekten erschien.

Fröhliche Gesichter. Die Gegner der Siedlungsentwicklung strahlten, als die Information über ein Nein zu den Bauprojekten erschien.
Bild: Pino Covino

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Am Ende wurde es knapp, die geplanten Siedlungsprojekte in Basel Süd und Basel Ost fanden allerdings keine Mehrheit. Die Gegner der Bauprojekte im Osten gewannen den Abstimmungskampf mit einem dünnen Vorsprung von 842 Stimmen. Ausschlaggebend war Riehen. Die Landgemeinde stimmte mit fast 62 Prozent gegen die Bauprojekte. In Basel selbst fiel das Resultat zugunsten der zwölf 72-Meter-Türme im Osten zwar deutlicher aus (siehe Tabelle unten), richtig gross war der Vorsprung aber auch dort nicht: 1128 Stimmen betrug die Differenz. Die Überbauung auf dem Bruderholz hingegen fand weder in Basel noch in Riehen noch in Bettingen eine Mehrheit.

Zu den grossen Verlierern am gestrigen Sonntag gehörte Baudirektor Hans-Peter Wessels (SP). Er hat die «Stadtrandentwicklung» lanciert und mit einer starken Ja-Kampagne begleitet. «Das Votum heute wird dazu führen, dass sich die Wohnungsnot weiter verschärfen wird, dass die Wohnungspreise weiter steigen und noch mehr Leute, die lieber in der Stadt wohnen möchten, aus der Stadt wegziehen werden», sagt Wessels. Auch werde es zu einer Zunahme des Pendlerverkehrs kommen.

Für ihn ist klar, wer Schuld an seiner Niederlage hat: Die Stimmenden in Riehen. «Das Wohnungsnotproblem wird in Riehen offenbar nicht so wahrgenommen wie in Basel», sagt Wessels. «Ich hoffe, dass es nicht einfach darum ging, die schöne Aussicht von Riehen zu bewahren.»

Basler wollen Grünräume erhalten

Zu den Gewinnern des Referendums gehören vor allem zwei Umweltverbände – Grün statt Grau von Peter A. Vogt und Jost Müller, Geschäftsführer des WWF Region Basel. Beide Gruppen haben bis in die letzte Minute Abstimmungskampf geführt und viele Flugblätter in Briefkästen verteilt. Müller ist Riehen denn auch dankbar, dass die Gemeinde das Steuer noch herumgerissen hat. «Der Gartenrotschwanz hat heute gewonnen, ebenso die Geburtshelferkröte, denn ihr Lebensraum im Osten wird nicht durch Wohntürme zerstört», sagt Müller.

Die Annahme der Bauprojekte hätte aber auch aus einem anderen Grund eine Verschlechterung für Basel-Stadt bedeutet, sagt er. Das Volk hätte nachher bei der Bauausführung kein Mitspracherecht mehr gehabt. «Es ist eine investorenfreundliche Demokratie, die hier hätte installiert werden sollen», sagt Müller. «Jetzt sind die Siedlungsränder gesichert und niemand baut mehr ins Grüne.»

Müller hat während der Abstimmung immer gesagt, dass der WWF sich sehr wohl des Problems des knappen Wohnraumes bewusst sei. Aber um dieses Problem zu lösen, brauche es keine weiteren Häuser und schon gar keine hohen Türme auf grüner Wiese. «Man muss dazu auch nicht Quartiere durch Aufstockung zerstören. Das zu erschliessende Potenzial liegt bei den Industrie- und Bahnarealen wie zum Beispiel auf dem Lyssbüchelareal. Dort haben 3000 bis 4000 Leute Platz, die dort wohnen könnten», sagt Müller.

Dass sich eine Mehrheit in Basel-Stadt wie schon bei der Landhofabstimmung oder den beiden Bäumlihof-­Abstimmungen gegen die Überbauungspläne und für die Natur ausgesprochen hat, hat für Müller einen ganz bestimmten Grund: Die Basler wollten ihre letzten verbliebenen Grünräume erhalten, nur die Verwaltung und die Politiker wollen dies nicht akzeptieren. In diesem Punkt bestehe «ein klarer Bruch zwischen der Planungsabteilung und dem, was die Bevölkerung will», sagt Müller.

Rasch Umnutzung vorantreiben

Einfach nur auf die Umnutzung von Büroräumen in Wohnungen zu setzen, wie das die «Stadtrandentwicklungs»-Gegner verlangen, löst aus Sicht von Hans-Peter Wessels das Problem nicht: «Das ist ein Tropfen auf den heissen Stein», sagt er. Die Gegner der Vorlage würden zwar immer wieder ein Bekenntnis zur Notwendigkeit der inneren Verdichtung abgeben, aber dann werde häufig von diesen Kreisen dagegen opponiert, so Wessels.

Zu diesen «Kreisen» gehört Thomas Grossenbacher von den Grünen Basel-Stadt. Er hat die «Stadtrandentwicklung» bekämpft, bietet der Regierung nun allerdings Hand, um möglichst rasch unproblematische politische Lösungen zu finden, wie Wohnraum durch Umnutzung von Büros entstehen kann. «Wir werden diese Verantwortung übernehmen und aktiv mithelfen, dass jetzt die Büroflächen in Wohnungen umgenutzt werden können», sagt Grossenbacher.

Zu den Verlieren gehört auch Patricia von Falkenstein, Präsidentin der LDP Basel-Stadt. Wie interpretiert sie das Nein zur «Stadtrandentwicklung»? «Riehen wollte sich räumlich abgrenzen und setzte sich dafür ein, dass der grüne Gürtel unangetastet bleibt. Viele Leute waren zudem skeptisch gegenüber den Hochhäusern.» Wie Wessels setzt auch von Falkenstein Fragezeichen hinter die Umnutzungsstrategie, denn private Bürobesitzer könnten nicht einfach dazu gedrängt werden, ihre Gebäude künftig als Wohnungen zu nutzen.

Aus Gewerbesicht sei das Resultat bedenklich, da der Umnutzungsdruck auf Gewerbeflächen nun noch weiter zunehmen werde, sagt Marcel Schweizer, Präsident des Gewerbeverbandes Basel-Stadt. Er fordert, die bestehenden Gewerbeflächen zu erhalten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.09.2014, 06:52 Uhr

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43 Kommentare

Messerli Thomas

29.09.2014, 08:56 Uhr
Melden 151 Empfehlung 28

Da predigt Herr Wessel Wasser und trinkt selbst Wein. Autofahrer verteufeln aber Grünflächen verbauen... Danke Basler Volk für die Ablehnung des Bauprojektes. Der Erste Schritt in die Richtige Richtung. Antworten


Fredy Brauchli

29.09.2014, 08:39 Uhr
Melden 147 Empfehlung 26

Wer so sinnlose und kostspielige Projekte wie bspw. den Rückbau der Lörracherstrasse in Riehen lostritt, braucht sich nicht zu wundern, wenn das Volk anders entscheidet. Antworten



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