Marktfahrer klagen über teure Stromanschlüsse

Die hohen Gebühren der Industriellen Werke Basel (IWB) stossen zunehmend auf Unverständnis bei Messebetreibern.

650 Franken für einen Anschluss bei 25 Franken Stromkosten. Marktfahrer auf dem Petersplatz wollen eine Aussprache mit den Messebetreibern.

650 Franken für einen Anschluss bei 25 Franken Stromkosten. Marktfahrer auf dem Petersplatz wollen eine Aussprache mit den Messebetreibern. Bild: Christoph Jaeggi

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Rund 385 000 Personen besuchen jährlich die Basler Herbstmesse. Sie lassen sich von der Jahrmarktstimmung nicht nur einmal begeistern, sondern statistisch betrachtet 2,6-mal, wie das Basler Präsidialdepartement auf der Basis einer Umfrage berechnet hat. Gesamthaft ergeben sich so eine Million Besucher.

Pro Messebesuch werden 74.50 Franken ausgegeben. Dies entspricht durchschnittlichen Gesamtausgaben pro Besucher von 193.70 Franken. Gesamthaft erreicht der Messeumsatz somit rund 200 Million Franken. Für Jürg Diriwächter, Präsident des Schweizerischen Marktverbandes, ist die Herbstmesse deshalb einer der drei Top-Anlässe in der Schweiz. Sie konkurriert mit der Olma in St. Gallen um den Spitzenplatz. Die BEA in Bern folgt erst auf dem dritten Platz.

Etwas weniger wichtig ist die Basler Herbstmesse für die Schausteller. Deren Verbandspräsident, Peter Howald, gibt ihr einen Platz unter den zehn wichtigsten Messen in der Schweiz. Mit Blick auf die drei Wochenenden und der Länge der Herbstmesse hellt sich das Bild aber auf. «Die Wochenenden gehören zu den besten schweizweit», sagt er.

Obwohl an der Herbstmesse noch immer gutes Geld verdient werden kann, sind Schausteller und Marktfahrer unzufrieden. In der Kritik stehen die Industriellen Werke Basel (IWB) mit ihren Anschlussgebühren für den Strombezug. Deren Kosten werden als exorbitant bezeichnet. «Je nach Grösse des Betriebes werden bis zu 2000 Franken verlangt», sagt Howald. «Das ist eindeutig zu viel, da der gebrauchte Strom zusätzlich abgerechnet wird.»

Ähnlich klingt es auch bei Diriwächter: «Die Gebühren entsprechen eindeutig nicht dem Aufwand, der mit der Installation verbunden ist.» Gemessen an den 150 Franken, die für einen Wasser­anschluss bezahlt werden müssten, seien die Ansätze beim Strom zu hoch. Ein kleiner Standbesitzer auf dem Petersplatz, der Süsses anbietet, bezahlt beispielsweise für den Anschluss 650 Franken – und das bei effektiven Stromkosten von 25 Franken, wie die BaZ herausgefunden hat.

Deutlich teurer als an der Olma

Mit Blick auf die Olma in St. Gallen fällt auf, dass dort maximal 240 Franken für einen Stromanschluss bezahlt werden müssen. Bei diversen Stand­typen ist der Anschluss inbegriffen. An der BEA in Bern sind die Kosten für den Strom (Anschluss und Konsum) in den Standmieten ebenfalls enthalten.

In der «Gebührenverordnung betreffend Messen und Märkte in der Stadt Basel» vom 11. August 2009 ist zwar detailliert aufgelistet, wer welche Standplatzgebühren zu entrichten hat. Wenn es aber um die Gebühren geht, dann wird das Gesetz löchrig. Unter Paragraf 2 ist lediglich festgehalten, dass «zusätzliche Leistungen (…) selbst zu organisieren und zu bezahlen» sind. Dazu gehören etwa Werbung, Administration, Logistik, aber auch die Energie, Reinigung, Indstandstellung, Wasser- und Abwasserleitungen sowie die Abfall­entsorgung. Bei den IWB weist man die Kritik der Schausteller und Marktfahrer zurück. «Für die meisten Standbetreiber fallen für den Strom­anschluss 130 bis 356 Franken an», sagt IWB-Sprecher Erik Rummer.

Nur grössere Fahrgeschäfte, die eine hohe Leistung benötigten, müssten bis zu 2000 Franken bezahlen. Die Er­stellung der Wasseranschlüsse besorge seit 2008 ein privater Installationsbetrieb. «Die IWB stellen dazu Stand­rohre zur Verfügung, die 150 Franken Miete kosten. An ein Standrohr können jedoch viele Wasseranschlüsse angeschlossen werden», betont Rummer.

Im Sinne einer verursachergerechten und transparenten Abrechnung und im Interesse aller Kunden stellten die IWB allen Standbetreibern die jeweils in Anspruch genommenen Leistungen in Rechnung, betont IWB-Sprecher Rummer weiter. Für jedes Schaugeschäft, jeden Verkaufsstand und jeden Wohnwagen werde ein Grundpreis für den Energieanschluss erhoben. Dieser decke die Kosten für die Bereitstellung der benötigten Anschlussleistung, die benötigten Anschlusspunkte und die Zählerbewirtschaftung sowie die Kosten der Administration ab.

Um die administrativen Kosten zu senken, könne für kleine Anschlüsse wie für Verkaufsstände, Wohnwagen oder ähnliche Einrichtungen sogar eine Bezugspauschale verrechnet werden. Zur Vorbereitung der Herbstmesse seien drei Wochen vor der Messe bis zu zehn IWB-Fachleute mit dem Erstellen der notwendigen temporären Stromanschlüsse beschäftigt. Gleich lange sei man danach mit dem Abbau des bereitgestellten Materials und Instandsetzungsarbeiten beschäftigt.

Kanton verdient mit

Obwohl die IWB beschwichtigen, wollen die Marktfahrer um bessere Konditionen kämpfen. Die Sektion Nordwestschweiz hat vom Verband den Auftrag erhalten, bessere Konditionen auszuhandeln. Tatsächlich ist das Stromgeschäft an der Herbstmesse für die IWB ein gutes Geschäft. Bei 506 Jahrmarktbuden, Bahnen und anderen Attraktionen, die ihre Energiekosten separat abrechnen müssen, ergeben sich für die IWB Einnahmen im sechsstelligen Bereich. Hinzu kommen die Einnahmen aus dem Wassergeschäft. Auch der Kanton muss nicht darben. «Die Einnahmen der Standmieten betragen pro Jahr rund 2,1 Millionen Franken», bestätigt Sabine Horvath, Leiterin Aussenbeziehungen und Standortmarketing, und verweist darauf, dass diese «im Einzelnen einen marginalen Teil des Gesamtumsatzes ausmachen».

Auf der anderen Seite, bei Schaustellern und Marktfahrern, werden die Standmieten jedoch keineswegs als marginal empfunden. «Basel ist teurer als andere Messen», gibt Diriwächter zu verstehen. Verglichen mit der Olma in St. Gallen hätten Marktfahrer 30 Prozent mehr für ihre Standmieten zu entrichten. Hinzu kämen Kosten für Hotel und Parkplatz, sagt er. «Die Standmieten sind an der oberen Grenze», pflichtet ihm Howald bei. Einzelne Schausteller, die an prominenter Lage viel Platz benötigen, müssten bis zu 20 000 Franken hinblättern. In der Gebührenverordnung sind abgestufte Gebühren enthalten. Am meisten bezahlen Verpflegungs- und Süsswarengeschäfte. Die ersten 20 Quadratmeter werden mit 450 Franken belastet, anschliessend fallen noch 400 Franken an. Handelsgeschäfte werden mit bis zu 210 Franken pro Quadratmeter zur Kasse gebeten zuzüglich Mehrwertsteuer. Bei kleineren Geschäften sinkt dieser Ansatz auf 150 Franken.

Schiess- und Spielgeschäfte bezahlen 130 bis 150 Franken pro Quadratmeter. Fahrgeschäfte müssen pro Qua­dratmeter 100 Franken zahlen. Je grös­ser die gemietete Fläche wird, umso tiefer fallen die Quadratmeterpreise aus. Kindergeschäfte geniessen Preisvorteile. Sie werden mit 50 Franken pro Quadratmeter belastet. Insgesamt umfasst die Herbstmesse 38 000 Quadratmeter vermietete Fläche auf sieben verschiedenen Plätzen und in der Halle.

Unruhe wegen «Indianern»

Um ein Fahrgeschäft mit einem jährlichen Umsatz von 1,5 bis zwei Millionen Franken erfolgreich betreiben zu können, müssen an der Herbstmesse bis zu 300 000 Franken Umsatz erzielt werden. Dies werde immer schwieriger, da die Kosten eines Betriebes laufend steigen würden, sagt Howald. Zum Beispiel müssten neu sämtliche Anlagen jedes zweite Jahr von den zuständigen Behörden geprüft werden. «Früher war dies nicht der Fall, und es ist auch zu keinen Unfällen gekommen», kritisiert Howald die neuen Auflagen. Gleichzeitig könnten die Mehrkosten nicht mit Preis­anpassungen aufgefangen werden, da man sich bereits am Limit bewege. «Wer mehr verlangt, verliert Kunden», ist Howald überzeugt.

Auch bei den Marktfahrern gilt der Grundsatz, dass Preise immer häufiger in Stein gemeisselt sind. Diriwächter gibt ein persönliches Beispiel: «1975 bezahlte man bei uns für fünf Öpfelkiechli 4.50 Franken. Heute sind es acht Franken.» Esswaren, sofern in guter Qualität frisch zubereitet, seien zwar weiterhin ein gutes Geschäft. Vor allem für die Warenmärkte sei die Situation jedoch angespannt. «Auch Marktfahrer leiden unter dem Einkaufstourismus», sagt er. Hinzu komme der Onlineverkauf, der die Umsätze ebenfalls belaste.

Wenig Freude haben er und seine Verbandskollegen an «Indianern», wie Marktfahrer mit spanischen oder deutschen Nummernschildern an ihren Fahrzeugen in der Branche heissen. Diese spekulieren darauf, dass Marktfahrer ihre Teilnahme absagen, oder nutzen freien Raum, um in der Grauzone Ramschprodukte wie überteuerte Handyhüllen an den Mann zu bringen. Bereits stammen sieben Prozent der Aussteller aus dem Ausland, wie Horvath bestätigt. Der überwiegende Teil, nämlich 77 Prozent, ist jedoch weiterhin in der Nordwestschweiz domiziliert. «In diesem Jahr mussten bei 1024 Bewerbungen insgesamt 518 Absagen erteilt werden», bestätigt sie. (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.10.2016, 00:50 Uhr

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