Mietautos generieren mehr Fahrten

Eine deutsche Studie und der VCS bezweifeln, dass das neue Carsharing-Angebot Catch a Car zu weniger Autoverkehr führt.

Konkurrenz in der Stadt: Da die sogenannten Free-Floating-Wagen für Kurzstrecken ausgelegt sind, stehen sie auch mit Velos im Wettbewerb.

Konkurrenz in der Stadt: Da die sogenannten Free-Floating-Wagen für Kurzstrecken ausgelegt sind, stehen sie auch mit Velos im Wettbewerb. Bild: Martin Regenass

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Ob Carsharing wie Catch a Car zur Verringerung des städtischen Verkehrs beiträgt, wie es sich das Bau- und Verkehrsdepartement vorstellt, ist fraglich. Das Carsharing könnte sich auch als niederschwellige Einstiegsdroge für das Autofahren erweisen. Seit einer Woche stehen in Basel 100 kleine weisse VW, die das Privatauto überflüssig machen sollen (wir berichteten). Das Angebot von Catch a Car ist schweizweit ein Versuchsprojekt.

In Deutschland wird dieser sogenannte Free-Floating-Dienst, bei dem man sich per App ein Auto auf einem beliebigen Parkplatz in der Nähe reservieren kann, in Städten wie Hamburg oder Berlin von Autoherstellern wie BMW oder Daimler bereits angeboten. Wie eine Studie des deutschen Beratungsunternehmens für öffentliche Dienstleistungen, Civity, nun behauptet, tragen Angebote wie Catch a Car aber nicht dazu bei, das Verkehrsproblem in Städten zu lösen. Carsharing, so die These von Civity, helfe vielmehr, umweltfreundliche Fortbewegungsmittel wie das Velo zu verdrängen, und sorge damit für noch mehr Autoverkehr auf den Strassen.

Zwiespalt beim VCS

Laut der Studie, die auf Spiegel Online publiziert wurde, werde ein Leihwagen in Berlin durchschnittlich 62 Minuten am Tag gebraucht – das sei kaum mehr als ein Fahrzeug in Privatbesitz. Zudem werde Carsharing für Fahrten mit vergleichsweise geringen Entfernungen genutzt. In Berlin liege der Durchschnitt für eine Strecke bei 5,8 Kilometern – Distanzen, die innerhalb der Stadt auch ohne Auto zurückgelegt werden könnten. Der deutsche Bundesverband Carsharing (BCS), der sich aus Carsharing-Anbietern mit fixen Parkplätzen zusammensetzt, bezweifelt, dass wegen der Free-­Floating-Dienste insgesamt weniger Auto gefahren werde. Dazu sei die Nutzung solcher Dienste zu bequem. Die Civity-Analyse betrachtet der Verband aber kritisch, da von der Nutzungsdauer alleine nicht auf das generelle Fahrverhalten geschlossen werden könne. Bei Catch a Car zahlt der Kunde, auch wenn das Auto während des Einkaufs steht.

Eine zwiespältige Haltung gegenüber dem Modell Catch a Car hat auch Stephanie Fuchs, Geschäftsführerin des Verkehrs-Clubs der Schweiz, Sektion beider Basel. Grundsätzlich befürwortet der VCS das Carsharing als Anreiz, kein eigenes Auto einzulösen. Die 100 Autos von Catch a Car seien aber explizit für kurze, innerstädtische Fahrten gedacht. «Wir sind der Meinung, dass Kurzstrecken in der Stadt mit dem Velo, Tram oder Bus für die meisten zumutbar sind. Es gibt ohnehin wenig zwingende Gründe, innerorts mit dem Auto unterwegs zu sein», sagt Fuchs. Sie könne sich schlecht vorstellen, wer mit diesen Autos fahren würde und zu welchem Zweck. Der Transport von sperrigen Gütern wie Möbeln liege jedenfalls mit den Kleinwagen nicht drin. Auch wäre es nicht sinnvoll, wenn diese Autos bisherige Tram- und Busfahrten ersetzen würden, sagt Fuchs. Damit das Modell effektiv Autoverkehr einspare, seien Begleitmassnahmen nötig. Laut den Initianten von Catch a Car ersetzt jedes ihrer Autos neun individuelle Fahrzeuge. «Also sollen für jedes Auto entsprechend Allmend-Parkplätze aufgehoben werden», schlägt Fuchs vor.

Regierung hebelt Verordnung aus

Auch nicht zufrieden mit Catch a Car ist der Präsident des Touring Clubs Schweiz, Sektion beider Basel, Christophe Haller. Er sieht im Basler Modell eine ungerechte Marktverzerrung: «Die Firma zahlt für die Parkplätze nicht den vollen Preis und wird von den Behörden subventioniert.» Für LDP-Grossrat André Auderset stellt sich die Frage, ob die Anzahl der Autos zu hoch sei: «70 Stück stehen vielleicht nur herum. Die Firma wird die Zahl aber wohl schnell senken, sollte das Angebot nicht gut genutzt werden.» Auderset stört, dass die VWs, die auf sämtlichen Parkplätzen in der Stadt abgestellt werden dürfen, die Parkplatzsituation verschärften. «Die Autos konkurrenzieren und verknappen die Anwohnerparkplätze, die in gewissen Quartieren alles andere als luxuriös vorhanden sind», sagt Auderset, der das Thema in seiner Partei ansprechen will.

Für die Parkkarte, die in den Autos liegt, hat der Regierungsrat übrigens per Beschluss die gültige Parkraumverordnung ausgehebelt. Diese verbietet Anwohnern Parkkarten für mehr als zwei Postleitzahlkreise zu lösen. Nur ein an den Wohnort angrenzender Kreis, der nicht auf der anderen Rheinseite liegt, ist möglich. Catch a Car zieht nach der ersten Woche eine positive Bilanz: «Die Neukundengewinnung verläuft sehr positiv und übertrifft unsere Erwartungen», sagt Alain Barmettler, Marketingleiter bei der Genossenschaft Mobility. Das Angebot werde genutzt und das Carsharing-Unternehmen erhalte positive Rückmeldungen der Kunden. Zahlen und Daten zur Auslastung würden allerdings nicht bekannt gegeben. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 05.09.2014, 06:39 Uhr)

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100 Kleinwagen eines Carsharing-Unternehmens sollen den Verkehr in der Innenstadt reduzieren. Ist Carsharing sinnvoll?

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