Basel

Modell mit Nebenwirkungen

Von Timm Eugster. Aktualisiert am 25.05.2011 55 Kommentare

Auch in Basel muss man bald einen Arbeitseinsatz absolvieren, bevor man Anrecht auf Sozialhilfe hat. Winterthur und Zürich loben ihr Modell – räumen aber ein, dass die Zugangshürde zur Sozialhilfe höher geworden ist.

Wer Sozialhilfe will, soll erst einen Arbeitseinsatz leisten - etwa bei der Stadtreinigung. Zürich kennt dieses System bereits, Basel will es einführen.

Wer Sozialhilfe will, soll erst einen Arbeitseinsatz leisten - etwa bei der Stadtreinigung. Zürich kennt dieses System bereits, Basel will es einführen.
Bild: Keystone

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Mit einer Petition wehren sich die in der Liste 13 organisierten Armutsbetroffenen und die Partei BastA! gegen die versuchsweise Einführung des Passage-Modells. Ab Spätsommer sollen alle Arbeitsfähigen einen einmonatigen Einsatz – etwa in der Stadtreinigung – absolvieren müssen, bevor sie Zugang zur Sozialhilfe erhalten. Das Modell ist vor zehn Jahren erstmals in Winterthur eingeführt worden; 2009 hat es Zürich und 2010 teilweise Bern übernommen. Die Basler Gegner kritisieren, Passage schrecke ab, verunsichere und diskriminiere in Not geratene Menschen.

Eine Kritik, für die selbst Ernst Schedler, Leiter der Sozialen Dienste Winterthur, ein «gewisses Verständnis» aufbringt: «Es besteht ein Restrisiko, dass die Latte für gewisse Leute zu hoch ist und sie in prekäre Lebensverhältnisse abgleiten.» Eine Gefahr, die eine Studie 2008 als «mittelgross» einschätzte, ohne sich auf Daten zu stützen. Klar ist nur, dass die Stadt pro Jahr rund 50 Sozialhilfefälle vermeidet und dadurch über eine Million Franken spart – vor allem, weil ein Drittel der Aufgebotenen gar nicht erst zum Einsatz erscheint. Was mit diesen Leuten geschehen ist, fanden die Studienautoren nicht heraus.

Im zweiten Anlauf

Um diese Gefahr zu mildern, hat Bern das Modell angepasst: Zum Einsatz aufgeboten wird nur, wenn Verdacht auf Schwarzarbeit besteht und wenn die Arbeitsmotivation oder -fähigkeit unklar ist. «Wir wollen den Zugang zur Sozialhilfe nicht generell erschweren», betont Sozialamtleiter Felix Wolffers. Auch in Zürich befürchteten gewisse Kreise, die neue Zugangshürde könnte dazu führen, dass viele Bedürftige durch alle Maschen fallen. Doch dies habe sich kaum bewahrheitet, sagt Mirjam Schlup Villaverde, Direktorin der Sozialen Dienste: «Im zweiten oder dritten Anlauf kommen die meisten doch ins Programm.» Die Zahl jener, die man aus den Augen verliert, liege im einstelligen Prozentbereich – von diesen seien wohl etliche weggezogen oder hätten einen Job gefunden.

Wissenschaftlich untersuchen lässt Zürich die Wirkungen des neuen Systems nicht. Es bewähre sich sehr, betont Schlup Villaverde: «Es ist wie ein Assessment – das hilft uns, jede Person anschliessend dem erfolgversprechendsten Programm zuzuweisen.» Ausserdem mache das Modell vom ersten Tag an klar, was mit dem «Gegenleistungsprinzip» gemeint ist: «Die Sozialhilfe ist keine Hängematte – sondern Unterstützung, damit man möglichst wieder auf eigenen Beinen stehen kann.»

Der Soziologe Peter Schallberger von der Fachhochschule St. Gallen hat Programme zur Aktivierung wissenschaftlich untersucht – und kommt bei Passage zu einem kritischen Schluss: Wenn das Verfahren mit der moralischen Unterstellung eröffnet werde, man habe es darauf abgesehen, auf Kosten der Allgemeinheit zu leben und nun müsse man zuerst mit einer Gegenleistung das Gegenteil beweisen, dann gefährde dies den Erfolg sozialer Arbeit: «Unter solchen Umständen verschliessen sich viele auch eigentlich sinnvollen Unterstützungsangeboten.» Am Anfang müsse immer die saubere Diagnose stehen: «Der Arzt sagt dem Beinbrüchigen ja auch nicht: ‹Humpeln Sie erst mal sieben Runden ums Haus, dann sehen wir, ob Sie meine teure Hilfe wirklich nötig haben.›» (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.05.2011, 06:48 Uhr

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55 Kommentare

Hanspeter Breitenstein

25.05.2011, 07:45 Uhr
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Jeder Sozialhilfebezüger müsste meines Erachtens einen regelmässigen Arbeitseinsatz leisten. Er wird finanziell von der Gesellschaft getragen. Umgekehrt sollte er deshalb einen symbolischen Beitrag als eine Art "Dankeschön" an die Gesellschaft zurückgeben. Warum dies bei uns bisher nicht praktiziert wird, ist mir ein Rätsel. Antworten


Pierre A. Sobol

25.05.2011, 08:34 Uhr
Melden 21 Empfehlung

Vor vielen Jahren, als es in Lausanne mal geschneit hatte, sollten die Arbeitslosen bei der Schneeräumung helfen. Dann würden sie Geld bekommen. Diejenigen die sich weigerten, mussten an diesem Tag auf Geld verzichten. Ein Riesenaufschrei! Warum auch immer jemand in die Arbeitslosigkeit geschlittert ist; wer Geld beziehen möchte, soll eine Gegenleistung erbringen. Ist grundsätzlich richtig. Antworten



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