Nach dem Ausgang in Basel: Die Bar, dein Freund

Manche gehen nach dem Ausgang nach Hause, und manche gehen in die Friends Bar in Basel. Denn Heimat ist da, wo der Kopf auf die Tischplatte sinkt.

Zufluchtsort: In der Friends Bar mischt sich der Rest der Stadt, der noch auf den Füssen ist.

Zufluchtsort: In der Friends Bar mischt sich der Rest der Stadt, der noch auf den Füssen ist. (Bild: Roland Schmid)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnetz wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Wenn er es machen würde wie die anderen, sagt Mustafa Catar, dann gäbe es ihn nicht mehr. Mustafa ist Ende dreissig, raucht Marlboro rot, hat einen Sohn, knapp zwei Jahre alt. Seine Heimat war die Türkei. Jetzt ist es die Feldbergstrasse 45, von 15 bis 5 Uhr, jeden Tag, an Silvester und Weihnachten, im Ramadan und in den Sommerferien. Manchmal schläft er tagsüber, manchmal ist er am frühen Abend zu Hause, sonst ist er hier, an der Feldbergstrasse 45 in Basel. In der Friends Bar.

Die Friends Bar ist das Lokal mit den sechs lachenden Gesichtern an der Glasfassade, sechs Gesichter von jungen Menschen mit Ängsten und Ambitionen, und wie sie das so meistern, das Leben und die Liebe, davon erzählt die gleichnamige amerikanische TV-Seifenoper aus den Neunzigern. Die Bar aber ist eine Bar und nichts als eine Bar. Deren Leben erst beginnt, wenn die Stadt schläft.

Die Friends Bar hiess schon so, als Mustafa Catar sie übernommen hat, am 3. Januar 2005, sein Vorgänger hatte sie so getauft, denn junge Fernsehstars sind auch nur junge Menschen, und junge Menschen wollen ausgehen und andere treffen und zusammen trinken, und so sollte das schon klappen mit dieser Bar hier im Matthäusquartier, das man auch einfach nur «4057» nennt und man weiss, was gemeint ist: Die alternative Kreativfläche zwischen Kaserne, nt/Areal und dem Hafen, mit Clubs und Ateliers, mit Bars und Jungdesignershops, mit Proberäumen und billigen Wohnungen.

Doch die Leute kamen nicht, als Mustafa die Bar vor vier Jahren übernahm, weil die Konkurrenzlokale immer nur eine Ecke weiter sind, und so sass ab und an ein einzelner Taxifahrer in der Friends Bar und trank einen Kaffee vor Schichtbeginn oder die Prostituierten einen Drink nach Schichtende.

Manchmal sassen auch Mustafas Landsleute da und tranken Tee. Ansonsten war er oft allein hinter der Bar und schaute durch die Fenster zu, wie draussen die Leute vorbeizogen und manchmal durch die Scheibe reinschauten, was das denn für ein Ort sei im dunkelgelben Dämmerlicht mit den Gesichtern an der Fensterfront, und dann zogen sie weiter. Also ging Mustafa raus und holte sie.

Geschätzte hundert Gastronomiebetriebe gibt es in Basel, die jede Nacht bis fünf Uhr früh geöffnet haben, sagt das Bewilligungsbüro des Baudepartements. Sie verteilen sich über die ganze Stadt und arbeiten mit Sonderbewilligungen, die jeder Antragsteller erhält, wenn er die Regeln des Lärmschutzes achtet. Die Friends Bar ist ein solcher Ort. Wenn sie öffnet, ist es draussen hell, die 18 Stühle an den vier Tischen im vorderen Raum bleiben leer, am Flachbildfernseher über der Toilettentür flimmern Musikclips aus den Siebzigern, «The Rock Show». Der Ton ist aus, die Jukebox dröhnt. Mustafa steht hinter der Bar und raucht.

Acht Stunden später. Draussen tiefgefrorene Nacht, drinnen hängen Lametta und Tannenzweige an den Wänden, im Fernseher läuft nun «Never Mind The Classics», die Achtziger. An einem Tisch sitzt ein Pärchen in schwarzen Punkklamotten und stützt das Kinn auf den Arm, am Boden liegt ihr Hund. Er schaut regungslos zur Bar hoch. Mustafa bietet jeden Drink an, den man haben will, der Wochenhit ist Whiskey Cola für zehn Franken, aber jetzt trägt er sechs Becher Bier an einen Tisch mit sechs Studenten.

«Stadtforschung»

Elf Jahre hat Mustafa als Angestellter in einer Kneipe gearbeitet, und als er die Friends Bar übernahm, merkte er, dass keiner auf ihn gewartet hatte, dass er mit Kaffeetrinkern und dem Feierabendbier des Gastropersonals morgens um zwei Uhr nicht über die Runden kommen wird. Mustafa ging in die Bars und Clubs, in die Kaserne und aufs Schiff, verteilte Flyer und sprach die Leute an, wo sie hingehen, morgens um zwei Uhr, wenn die Restaurants und Bars schliessen, und als die sagten, wo sollen wir denn hin hier, hat ja alles zu, sagte er: Kommt zu mir.

Um halb zwei in der Früh ist die Friends Bar erstmals voll. Die Luft ist zum Schneiden dick geraucht, im hinteren Raum bimmelt die elektronische Dartscheibe, vorne mischt sich der Rest der Stadt, der noch auf den Füssen ist. An einem Tisch zwei Türken im Anzug. Nebenan: die Punks, mittlerweile zu viert. Ansonsten: Studenten, Ex-Studenten, Studienabbrecher. 90 Prozent seiner Gäste, sagt Mustafa, haben schon mal eine Hochschule von innen gesehen.

Da ist Anna, Ende zwanzig, Sozialwissenschaftlerin, arbeitslos, geschieden. In der Friends Bar sucht und findet sie Männer. Da ist Stephan, dreifach studiert, in Basel, Holland und Amerika. In der Friends Bar findet er das letzte Bier, das doch nie das letzte bleibt. Da ist Tim, in einem medizinischen Beruf im Landkanton, in der Arbeit hoch konzentriert und verantwortungsbewusst, in der Friends Bar aber gebe er Vollgas, sagt er, weil er hier nie einen seiner Patienten zu Gesicht kriegen werde.

Manchmal gibt es eine Schlägerei, dann wirft Mustafa die Schläger auf die Strasse, manchmal zieht ein Betrunkener seine Unterhose über den Kopf, dann macht Mustafa ein Foto. Und manchmal, wenn er sich in den Abendstunden zu sehr langweilt, schnappt er sich den Hund der Punks und spaziert mit ihm die Feldbergstrasse rauf und runter.

Um die Feldbergstrasse hat sich aus den szenebewussten Bars und Kunsträumen und Fashionstores ein Verein gebildet, Reh4 heisst er, ein Forum der Alternativkultur, dessen Mitglieder auch gerne feiern gehen – «an Non-Orten», wie Angie Rufer sagt. Rufer ist die Präsidentin von Reh4. In der Friends Bar, sagt sie, habe sie schon viel gelacht. Reh4 hat dort Benefizabende veranstaltet, «Trinken hilft» hiessen die, ein paar DJs und ein paar Flyer und eine lange Nacht, und danach flossen zehn Prozent des Barumsatzes in ein moldawisches Kinderhilfswerk oder in einen neu eröffneten Kleiderladen.

«Stadtforschung» nennt sie das, unbekannte Orte vor der urbanen Haustür entdecken. Der Verein Reh4 habe die Friends Bar auf die Stadtkarte gebracht, und der Hype liess nicht lange auf sich warten. «20 Minuten» schrieb von einem «Szene-Spot», eine Praktikantenfeier von Herzog & de Meuron fand dort statt, und im vergangenen Jahr wurden einige Szenen der Schweizer Trash-Krimi-Filmkomödie «Geld oder Leben» dort gefilmt. Das war der kurze Sommer der Friends Bar, der eigentlich mehr ein Winter war. Seither ist sie okkupiert auf der Stadtkarte als Fluchtpunkt, wenn Basel ausgeht, und seither muss Mustafa Catar nicht mehr um die Einnahmen fürchten, dafür aber um die Bewilligung. Mehr Besucher bedeuten mehr Lärm, mehr Lärm bedeutet mehr Lärmklagen. Und Lärmklagen gefährden die Bewilligung bis fünf Uhr früh. Deshalb stellt sich Mustafa gut mit seinen Gästen und hält Hausverbote rigoros aufrecht.

Kurz vor fünf Uhr macht Mustafa das Licht heller, stellt die Musik leise, zapft den Bierhahn ab. Draussen rattert das erste Tram vorbei. Drinnen ist die Stimmung gedämpft. Die letzte Runde ist durch, die letzte Stunde auch. Vor der Tür wartet der kalte Winter. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.01.2009, 15:39 Uhr

KOMMENTAR SCHREIBEN ( Mit Bestätigungs-E-Mail )







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

1 KOMMENTAR

Rolf Hase

05.01.2009, 17:42 Uhr

Nicht mehr in Basel wohnhaft, überkommt mich bei diesem Artikel das Heimweh. Auf dem Weg nach Hause einfach mal in Musti's Bar reinschauen, reden, lachen oder nur so vor sich hinträumen, sich vom Jack verabschieden,und dann frische Gipfeli. Dies in einer bunten Schar, ohne Angst, Sicherheitsweste und Schutzhelm. Solche Lokale sind leider viel zu selten.



Meistgelesen in der Rubrik Basel

Umfrage

Im Baselbiet haben einige kleine Gemeinden finanzielle Probleme; die Ausgleichszahlungen steigen darum sprunghaft. Wären Gemeindefusionen die Lösung des Problems?

zur Story...




Verzeichnis

Werbung

Krankenkassen 2010

  • KrankenkassenvergleichFinden Sie hier die günstigste Prämie für Ihre Krankenkasse.
    Jetzt vergleichen und sparen.

Rausgehen: Unterwegs in der Region Basel

Mimpfeli


Best of Swiss Gastro

Voten Sie für Ihren Lieblingsgastro-Betrieb!

Sommer- und Herbstausflüge

Profitieren Sie von besonders günstigen Ausflugsangeboten.

Wohnraumfenster aus Kunststoff

Kunststofffenster unterstreichen jede Architektur und eröffnen neue Lebensräume.

Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Jobsuche

Kaum wird irgendwo ein Job frei, ist er auf jobwinner.ch.



© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten