Basel
Nachbarn verärgert über Wagenleute
Von Martin Regenass. Aktualisiert am 14.08.2012 12 Kommentare
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Seit rund einem halben Jahr leben die Wagenleute in einem Hinterhof an der Freiburgerstrasse 7 in Kleinhüningen. Die BaZ hätte gerne mit ihnen geredet und nachgefragt, wie es sich da so leben lässt, um etwas über die Leute und deren Lebenseinstellungen und Ideen zu erfahren. Die Frage, ob dies möglich sei, beantwortet ein Bewohner, der anonym bleiben will, folgendermassen: «Mit der BaZ wollen wir eigentlich nicht reden. Wir ziehen die ‹Tageswoche› vor, aber ich werde es einmal im Plenum ansprechen.» Eine klare Absage. Dieselbe Antwort gabs auch schon im Frühjahr auf mehrmaliges Anfragen, als die Wagenleute sich noch auf dem nt/Areal befanden.
Nun gut. Die Leute haben das Recht, zu schweigen. Dennoch traten die Wagenleute im Februar an die Öffentlichkeit, mit Forderungen nach einem Wagenplatz in der Stadt. Nachfragen ist also erlaubt. Auskunftsfreudiger als die Wagenleuteselber zeigen sich die Nachbarn. Anonym bleiben wollen allerdings auch sie. Sie wollen im Grunde genommen keinen Streit mit den Wagenleuten. Aber glücklich sind die Anwohner nicht mit der Situation.
«Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben, dann nehmen sie keine Rücksicht auf uns», sagt A. K., ein langjähriger Bewohner in unmittelbarer Nähe. Als Beispiel nennt er Konzerte oder Partys mit Musik, welche die Wagenbewohner veranstalten. «Dann halten sich im Hof zwanzig bis dreissig Leute bis in die frühen Morgenstunden auf. Ruhig wird es erst weit nach Mitternacht», sagt A. K. Schlimm sei das für seinen Sohn, der morgens zur Arbeit müsse und sein Schlafzimmer Richtung Innenhof habe. «Der muss manchmal auf der Couch vorne heraus schlafen.»
Am Sonntag gehämmert
Am 1. Juli gaben die Berliner Punker Princessin Hans auf dem Wagenplatz ein Konzert. Ein Kommentator schreibt auf der Webseite der Wagenleute nach dem Konzert: «Princessin Hans war wundervoll – ein wunderbarer Auftritt hat uns dem Regen trotzen lassen.»
Veranstalten die Wagenleute solche Anlässe, dann informieren sie die Nachbarschaft mit einem Flugblatt. «Sie laden einen dann manchmal zum Imbiss ein», sagt A. K. Teilgenommen habe er aber noch nie: «Ich passe nicht dorthin. Vielleicht sind wir zu pingelig, das zu verstehen, wie die da leben.»
A. K. schätzt, dass der harte Kern der Wagenleute – mehrheitlich männlichen Geschlechts im Alter zwischen 25 und 35 Jahren – etwa aus zehn Bewohnern besteht, die in rund einem Dutzend Wagen leben, die eng zusammengepfercht im Hinterhof stehen. A. K. hat das Gefühl, dass viele der Wagenleute einer normalen Arbeit nachgehen, was er aus seinen Beobachtungen schliesst. Er sagt, dass sie grosses handwerkliches Geschick hätten. Das habe er gesehen, als sie die Wagen restaurierten. Rücksicht genommen hätten sie aber auch dabei nicht. A. K.: «Sie haben am Sonntag und über die Mittagszeit gesägt, gehämmert und gearbeitet.»
Für Anwohner B. M. sind neben dem Lärm vor allem die Heizungen der Wagen in der kalten Jahreszeit sowie gelegentliche Feuer im Freien ein Ärgernis. «An ein Öffnen der Fenster ist dann nicht zu denken. Der Rauch gelangt bis in die Wohnung», sagt B. M. Kontakt zu den Wagenleuten pflegt er kaum. «Wir sagen uns einfach Grüezi und Adieu.»
Nicht reibungslos findet C. L. das Nebeneinander zwischen sich und den Wagenleuten. Auch sie beklagt sich über Rauch und laute Musik, hält aber fest, dass die Wagenleutegegenüber der Anfangszeit, als sie in den Hof zogen, rücksichtsvoller geworden seien: «Ich habe einmal mit ihnen geschimpft.»
Konstruktive Gespräche
Die Wagenleute gaben bereits im vergangenen Herbst an der Freiburgerstrasse ein kurzes Gastspiel. Zuvor hatten sie das Ex-Esso-Areal an der Uferstrasse besetzt. Die Polizei drohte ihnen mit einer Räumung. Danach haben sie ihre Wagen auf das nt/Areal verschoben, mit der Begründung, der Hinterhof an der Freiburgerstrasse sei zu eng, zu schattig und wegen der Bahngleise und Strassen zu lärmig. Zurückkommen mussten sie, weil der Platz auf dem nt/Areal unter Naturschutz steht und Pro Natura Basel Rekurs einlegte. Das war im März. Zuvor suchten die Wagenleute mithilfe des Präsidialdepartements nach einer anderen Lösung für ihre Wohnform auf dem Kantonsgebiet. Sie stellten Forderungen nach einem Platz in der Sonne, der 1500 Quadratmeter gross ist. Fündig wurden sie nicht. In der Zwischenzeit ist das Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt verantwortlich, weil das Haus an der Freiburgerstrasse 7 von der Sozialhilfe gemietet wird. Asylbewerber sind dort einquartiert. Einst befand sich dort das Restaurant Freiburgerhof und später ein Nachtclub.
Die Sozialhilfe weiss nicht, wie viele Leute auf dem Wagenplatz leben, aber das Verhältnis zwischen dem Amt und den Bewohnern sei völlig unproblematisch, sagt Jacqueline Lätsch, Stellvertretende Amtsleiterin: «Wenn ein Wagen den Parkplatz eines Anwohners blockiert, stellen sie ihn diskussionslos weg. Wenn es etwas mit uns zu besprechen gibt, sind die Gespräche konstruktiv.»
Platzmiete bezahlen müssen die Wagenleute nicht, den Strom und das Wasser aber schon. «Es hiess einmal, dass es sich beim Hof um eine Zwischenlösung handelt, und das mit den Kosten wurde so ausgemacht», sagt Lätsch. Ein Zeitfenster, wie lange diese Zwischenlösung andauere, sei nicht festgelegt und die Sozialhilfe müsse sich damit befassen, wie das geregelt würde, falls die Wagenleutelänger dort bleiben wollten. (Basler Zeitung)
Erstellt: 14.08.2012, 10:52 Uhr
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12 Kommentare
"Sie stellten Forderungen nach einem Platz in der Sonne, der 1500 Quadratmeter gross ist."
"Platzmiete bezahlen müssen die Wagenleute nicht."
An wen muss ich solche Forderungen richten? Ich hätte gerne Gratisland im Baurecht. Ich habe kein Verständnis für solche Egoisten, die sich nicht an die Regeln halten.
Antworten
Wenn Ruhestörungen oder Geruchsimmissionen oder andere Regelwidrigkeiten wiederholt vorkommen, gibt es für die Anwohner durchaus die Option, jedesmal die Polizei anzurufen. Man wird dann vielleicht als "Bünzli" eingestuft, aber genau so wenig wie sich die Wagenleute offenbar mit Rücksicht um die Nachbarn scheren, müssen die Anwohner ein schlechtes Image fürchten wenn sie die Polizei einschalten. Antworten
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