Neue Männer braucht das Land

In der Basler Abteilung für Gleichstellung arbeitet nur ein Mann unter sechs Frauen. Markus Theunert, der abgetretene Zürcher Männerbeauftragte, fordert männliche Verstärkung für Basel.

Mit vereinten Kräften: Auch Männer sollen Pfleger sein können, ohne als Weicheier zu gelten. Das fordern Männerlobby wie Gleichstellungsfrauen.

Mit vereinten Kräften: Auch Männer sollen Pfleger sein können, ohne als Weicheier zu gelten. Das fordern Männerlobby wie Gleichstellungsfrauen. Bild: iStock

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Kaum im Amt, tritt er schon wieder ab, der erste männliche Gleichstellungsbeauftragte der Schweiz überhaupt, Markus Theunert. Vor ein paar Tagen hat der in Basel aufgewachsene 39-Jährige seine Stelle bei der Fachstelle für Gleichstellung des Kantons Zürich gekündigt (die BaZ berichtete). Angetreten hatte er sie am 1. Juli. Sein Amt als Vereinspräsident von männer.ch und seine Stelle beim Kanton liessen sich offenbar nicht vereinbaren. Theunert entschied sich für männer.ch. Im Herbst soll Theunerts Stelle mit einem neuen Mannbesetzt werden.

In den Medienberichten der letzten Tage bekam man den Eindruck: Hier fiel ein Mann der weiblichen Mehrheit der Schweizer Gleichstellungsbeauftragten zum Opfer. «20 Minuten» titelte am Mittwoch: «Feministinnen stürzen Männer-Lobbyisten». Im «Tages-Anzeiger» hiess es gestern: «Wollten ihn die weiblichen Gleichstellungsbeauftragten loswerden?» Es scheint: Männerpolitiker und Feministinnen streiten darum, wer bei der Männerpolitik das Sagen hat. Wie sieht es hier in Basel aus?

Projekte für beide Geschlechter

In der Abteilung Gleichstellung für Männer und Frauen arbeiten sechs Frauen und ein Mann. Laut Leila Straumann, Leiterin Abteilung Gleichstellung, hat der männliche Gleichstellungsbeauftragte Männer und Buben als Schwerpunkt in seiner Arbeit. Nur trage er keine spezifische Bezeichnung. «Wir sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abteilung Gleichstellung.» Basel hat also keine Frauenbeauftragten nur für Frauen. Und auch keinen Männerbeauftragten nur für Männer.

Laut Theunert bräuchte es den aber. Mit der bisherigen Strategie sei es nicht gelungen, die Männer für Gleichstellungsfragen zu begeistern. Theunerts Kollege Paul Gemperle, Vizepräsident von männer.ch, findet zudem, es brauche nicht nur spezifische Männerbeauftragte, sondern grundsätzlich mehr Männer in den Gleichstellungsbüros. Die Schweiz sei in den letzten Jahren nicht viel weitergekommen punkto Gleichstellung. «Männer gelten nach wie vor als Ernährer und können im Kader kaum Teilzeit arbeiten», sagt er. Es brauche Anreize für Arbeitgeber, um für sich ein familienorientiertes Umfeld zu schaffen. «Auch ein Chef soll einmal um fünf gehen können, um seine Kinder aus dem Tagesheim zu holen», sagt Gemperle. «Frauen können Männerthemen nur beschränkt vertreten.»

Das gelte auch für die Knabenarbeit in der Schule, zum Beispiel, wenn es um die Berufswahl gehe. Theunert sagt: «Es ist schwierig, einem Knaben zu verkaufen, dass es cool und männlich ist, Krankenpfleger zu werden.» Dazu sei das Know-how aus der Buben-, Männer- und Väterarbeit nötig.

Laut Straumann ist das in der Abteilung Gleichstellung längst klar: «Alle unsere Projekte richten sich seit Jahren an beide Geschlechter. Bei der Erarbeitung und Umsetzung unserer Projekte für Männer und Buben wirken immer Männer mit.» Ein Beispiel sei der Round Table Familienfreundliche Wirtschaftsregion Basel, bei dem sie mit Unternehmern Lösungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie diskutieren würden. «Es sind vorwiegend Männer, die die Seite der Privatwirtschaft vertreten», sagt Straumann.

«Männer sind Einzelkämpfer»

Wenn man Theunert, Gemperle und Straumann hört, scheint der Graben zwischen Frau und Manngar nicht so gross, was die Gleichstellung betrifft. Alle drei möchten Teilzeitstellen für Männer und die typischen Frauenberufe für Knaben öffnen. Sie alle schätzen männliche Gleichstellungsbeauftragte. Herrscht also gar kein Streit zwischen männlichen und weiblichen Gleichstellungsexperten?

Martin Schoch vom Männerbüro Basel spricht sich gegen Fronten aus: «Gleichstellung soll nicht spezifisch für Männer oder Frauen angestrebt werden, sondern für alle Menschen», sagt der Männerberater.

Allerdings wünscht auch Schoch sich mehr als einen Mann im Gleichstellungsbüro Basel. Doch die Schuld für die Untervertretung gibt er nicht den Frauen: «Männer sind einfach immer noch Einzelkämpfer und interessieren sich nicht für derartige Posten», sagt er.

Männlichkeit unter Beweisdruck

Laut Schoch braucht es mehr Solidarität unter Männern. «Heute ist es so, dass Frauen alles dürfen, Männer gelten schnell als unmännlich, wenn sie beispielsweise Hausmann werden», sagt er. Das lerne ein Knabe schon als Kind. «Männlichkeit muss man beweisen, Frau ist man einfach», sagt Schoch. Auch wenn es archaisch töne, die Männlichkeitsforschung decke das auf.

Leider gebe es zu wenig Männer, die in Gleichstellungsfragen gut ausgebildet seien. Damit gibt Schoch Straumann Rückendeckung. Sie hatte gegenüber dem «Tages Anzeiger» gesagt, viele Männerhätten keine Erfahrung in der Gleichstellungsarbeit und kämen deshalb gar nicht für die Stellen infrage. Theunert sieht das anders. «Hier spiegelt sich die Machtfrage», sagt er und fragt: «Wer definiert, was es bedeutet, in Gleichstellungsfragen qualifiziert zu sein?» Es gebe Männer, die etwa in der schulischen Bubenarbeit tätig seien. «Das wird aber zu wenig als relevantes Know-how anerkannt», sagt Theunert.

Überhaupt nicht diskriminiert fühlen sich offenbar die Männerin der Politik – weder die Rechten noch die Linken. Wenn es nach Grossrat Alexander Gröflin von der Jungen SVP ginge, bräuchte es gar keine Gleichstellungsbeauftragten, weder für Männernoch für Frauen. Da beschäftige sich die Verwaltung nur mit sich selber, findet er. Dass Männernicht Kindergärtner werden wollen, sei eine natürliche Entwicklung. «Das muss jeder selbst entscheiden.»

SP-Grossrat Jörg Vitelli dagegen zweifelt nicht an der Gleichstellungsarbeit an sich. «Die Abteilung macht gute Arbeit», sagt er. Zwischen Männer- und Frauenbeauftragten zu unterscheiden, findet er aber schlecht. «Frauen und Männer müssen zusammenarbeiten – so, wie sie das jeden Tag tun, in der Familie und im Arbeitsleben.»

In der Abteilung Gleichstellung Basel wird eine Stelle neu besetzt. Männliche Bewerber waren erwünscht. Ob ein passender dabei war, wird sich zeigen. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 27.07.2012, 07:43 Uhr)

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