Basel
Pissoir-Pilotprojekt verlängert
Von Michael Bahnerth. Aktualisiert am 31.07.2012 7 Kommentare
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Das Basler Tiefbauamt geht davon aus, dass eine Komplettentleerung der männlichen Blase 0,4 Liter Urin freisetzt. Gehen wir jetzt einmal davon aus, dass von den rund 45'000 Männern im Kanton, die zwischen 15 und 50 Jahre alt sind, ein Drittel am Freitagabend in die Stadt geht, trinkt und dann zweimal pinkelt, kommen 36'000 Liter Urin zusammen.
Wie viel mehr oder weniger kontrolliert in ein WC oder ein Pissoir fliessen und wie viel wild abgesondert wird, ist unklar. Unklar ist auch die Zahl der «Wildpinkler» in Basel. Sowieso gänzlich im Dunklen bleibt die sozio-kulturelle Prägung von Wildurinierern. Klar scheint, dass Wildpinkeln eine Männerdomäne ist. Und gesichert ist, dass es in Basel einen verbrieften Nicht-Wildpinkler gibt. Es ist der LDP-Grossrat Heiner Vischer, der vor einem Jahr mittels eines Anzuges die Regierung bat, in Basel mehr Pissoirs aufzustellen.
Bis zum 12. Juli gab es in Basel rund 80 öffentliche stille Örtchen. Über die Hälfte sind konventionelle WC-Anlagen, sieben Pissoirssind darunter, vier Container und 31 selbstreinigende Anlagen. Pissoirs gab es einst mehr, aber aus Gleichstellungsgründen wurden geschlechtsneutrale WC-Anlagen ins Leben gerufen und Pissoirs reduziert.
Zu früh für ein Fazit
Seit dem 12. Juli gibt es drei Pissoirsmehr. Platziert an urin-neuralgischen Punkten: Oberer Rheinweg beim Floss, zwischen Barfüsserkirche und Stadtcasino und in der Elisabethenanlage. Es ist ein Pilotprojekt, in den Strom des Basler Lebens gebracht vom Tiefbaumt. Drei Wochen sollte die Versuchsphase dauern, also bis jetzt. Aber jetzt wird verlängert, «weil wir noch keine Schlussfolgerungen ziehen können», wie Marc Keller, Sprecher des Bau- und Verkehrsdepartements (BVD), sagt. Drei Wochen seien «zu wenig lang». Verlängert wird nun bis Ende Sommer. Dann soll klar sein, ob die aufgestellten Pissoir-Anlagen dazu führen, das Verhalten von Leuten zu beeinflussen. Und ob die Geruchsbelastung reduziert werden konnte. Ist dies der Fall, so werden Pissoir-Anlagen vom Provisorium zum Dauerzustand.
Ortsbegehung. 10.37 Uhr. Elisabethen-Anlage. Dort, wo die De-Wette- Strasse zwischen dem Schulhaus und dem Park die Elisabethenstrasse und den Aeschengraben verbindet. Das Pissoirist leer, sauber auch, riecht aber trotzdem streng. Nicht so, als ob eine Horde Paviane sich hier erleichtert hätte, aber doch. Platz bietet das luftige Häuschen ohne Sichtschutz zur Seite für acht Personen. Dann aber steht Mann jeweils in der Urinduftwolke des andern. Hinter dem Pissoirist ein Bäumchen mit ein wenig Gestrüpp darum herum. Dort liegt Toilettenpapier. Gebraucht.
4000 volle Blasen hätten sich hier inzwischen erleichtert, sagt das BVD. Das macht 1600 Liter Urin. Ob das viel ist, kann auch Keller nicht einschätzen. Es klingt nach viel. BaZ-Langzeitbeobachtungen ergaben, dass viel mehr Männer mit dem Velo durch das Pissoir durchfahren (drei in einer Stunde) als dort ihren Urin durchlaufen zu lassen (keiner). Kommt hinzu, dass die Pinkelstube derart einsehbar ist, dass, wie ein Passant meinte, «du dein Pfyffli auch direkt auf dem Barfi auspacken kannst».
3000 Liter Urin jede Woche
Im Pissoir klebt eine Telefonnummer. Firma Deocab. Arlesheim. Oh, welch ein Service, denkt man, gleich mal anrufen und sagen kommt mal her, Jungs, Geruch wegmachen. Herr Kunz nimmt ab. Junior-Chef. «Was putzen? Das ist meine Firma und meine Urinalstation.» O.k. Normalerweise vermietet Kunz seine drei Urinalstationen für Gartenpartys, Open Airs und solche Sachen. Damit Männer einmal nicht in die Rabatten pinkeln und nicht jede Frau dabei zuschauen muss. «Aber die Station ist doch offen an den Seiten.» «Ja. Aber stellen Sie sich vor, was da drin los wäre, wenn man sie schliessen könnte. Meine abschliessbaren WCs auf alle Fälle sind jeweils voller Spritzen und so.»
Das ist das Dilemma. Keine Pissoirs = selber schuld, dann nehm ich halt die Wand. Pissoirs an neuralgischen Punkten ohne Sichtschutz = gehts noch, da sieht ja jeder zu. Abschliessbare Pissoirs = sehr schmutzig und im schlimmsten Fall mit einem zusammengebrochenen Fixer.
Aber es ist zu früh, um vor dem Phänomen des freien Urinierens zu kapitulieren. Herr Kunz rechnet vor: «Die Tanks meiner Urinalstationen fassen maximal 600 Liter. Zusammen mit den Behörden saugen wir die Tanks jeweils montags und freitags ab. Das macht für alle drei Anlagen zwei Mal 1500 Liter Urin. Das sind 3000 Liter, die jede Woche nicht auf und in der Erde Basels landen.»
Der Kampf wird nicht kurz sein
In der ganzen bisherigen Projektphase übrigens wurden am Oberen Rheinweg 2000 Liter und auf dem Barfi 1500 Liter Urin gesammelt. Das heisst nicht, dass die Stadt nun duftet wie frisch gewaschen. Peter Oppliger, Manager vom Café Des Arts, sagt, «dass es wohl e bitz öppis bringen mag», seine Terrasse aber immer noch vollgepinkelt werde. «Ich finds ja gut, dass die Stadt was tut. Aber wenn einer voll ist mit zehn Dosen Bier, pinkelt er natürlich einfach dort, wo er gerade ist.»
Man braucht kein Prophet zu sein, um vorherzusagen, dass der Kampf gegen die gelben Fluten kein kurzer sein wird. Wildpinkler in Basel scheinen wild entschlossen, weiter frei zu pinkeln, und es gibt, wenn man so will, an jeder Hausecke eine Wand, aber nicht bei jeder Wand ein Pissoir. Das ist das Dilemma. Und auch Paragraf 26 des kantonalen Übertretungsstrafgesetzes, «Pissen auf Almend», wie das im Polizeijargon heisst, scheint keinen Spontanurinierer abzuschrecken, solange keine Polizei da ist.
Ende Sommer weiss Basel, ob es nächsten Sommer mehr Pissoirs haben wird. Zuerst aber wird es wahrscheinlich eines weniger haben. Jenes vor dem De-Wette-Schulhaus wird nach den Sommerferien entfernt – um die Schüler nicht zu belästigen und umgekehrt. Ob es anderswo aufgestellt wird, ist noch unklar. (Basler Zeitung)
Erstellt: 31.07.2012, 10:29 Uhr
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7 Kommentare
Ganz ehrlich, ich war auch schon gottenfroh um das gratis-Pieselkabäuschen am Flora Beach. Dasjenige zum Bezahlen war übrigens defekt. Ich finde es richtig, wenn wir als Stadt die Einrichtungen den menschlichen Bedürfnissen anpassen und in der Zeit, wo sich die Leute vermehrt draussen aufhalten, halt dort dafür sorgen, dass man ohne grössere Schweinerei mal eben ein Wässerchen lösen kann. Antworten
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