Basel

Polizist rappt über «Massaker in Basel»

Von Mischa Hauswirth. Aktualisiert am 15.09.2014 72 Kommentare

Die Musik von AZO, im zivilen Leben ein Basler Polizist, strotzt vor Gewalt, Rassismus und Homophobie. Für die Polizeileitung stellt das kein Problem dar.

Derbe Worte. In jüngeren Jahren hat der heutige Polizist gewaltverherrlichende und schwulenfeindliche Songs gerappt.<br>Quelle Youtube

Derbe Worte. In jüngeren Jahren hat der heutige Polizist gewaltverherrlichende und schwulenfeindliche Songs gerappt.
Quelle Youtube

AZO - Mein Vaterland (Bosna i Hercegovina)

Azo - Massaker in Basel

Azo - Bosnisches Bluet

Azo & Rici-G - Rapalarm

Azo & Rici-G feat. Plisa - Hoodlife

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Das Video zeigt zum Auftakt Rapper AZO (Name der Redaktion bekannt), wie er vor der bosnischen Fahne auf einer Treppe sitzt. Aus dem Off sind Schüsse zu hören, dazwischen werden Szenen aus dem Balkankrieg eingeblendet. Dann ein Szenenwechsel. Jetzt steht der Rapper an eine Wand gelehnt, raucht, es erscheinen zu melancholischen Klängen Bilder von Flab-Kanonen und feuernden Flugzeugen. So beginnt das Video «Vaterland», das im Internet und auf Youtube zu finden ist. Ein Video, das bei der Kantonspolizei Basel-Stadt zu reden gab, weil der Inhalt nicht ganz unheikel ist und sich negativ auf das Image der Polizei auswirken könnte. Denn hinter dem Rapper AZO, der ein T-Shirt mit der Aufschrift «Made in Bosnia» trägt, steht heute ein Basler Polizist.

AZO rappte gegen den Krieg in Bosnien zwischen 1992 und 1995, gegen das Leid, das die Bevölkerung zu ertragen hatte, die Tränen, die geflossen sind. Mit Sätzen wie «Diese Zeilen, dieser Song, das ist alles für dich. Ich liebe deine Strassen, es ist Liebe auf den ersten Blick. Bosna, Bosna ich würde sterben für dich», macht er deutlich, mit welchem Land er sich verbunden fühlt und auf welcher Seite er im Bosnien-Krieg gestanden wäre.

Im Video ist auch eine Moschee mit einem Minarett zu sehen, das erhaben inszeniert wird. Dazu sagt AZO in seinem Sprechgesang: «Trauer und Hoffnung, Allah ich bete zu dir, Bosna mein Vaterland, mein Herz tut mir weh.»

In einer Textstelle, die AZO auf Bosnisch singt, sagt er sinngemäss, alle Bosnier würden heute fliegen wie ein Vogel, aber dennoch werde das Volk nie vergessen, was in Srebrenica (dem Ort des Genozides, Anm. der Red.) geschehen ist. Das eigene Blut würde er für Bosnien geben und er f... das Land, das sich gegen Bosnien erhebt.

Im Fokus des Staatsschutzes

Als das Video entstand, hatte AZO im Justiz- und Sicherheitsdepartement eine Lehre als Automechaniker absolviert und war für Polizeifahrzeuge ­mitverantwortlich gewesen. Die Rapper-Songs sowie die Videos hat er in seiner Freizeit zum Teil selber produziert. Von der Existenz des Videos will die Polizeileitung gewusst haben. Die Texte empfinde der junge Mann aus heutiger Sicht – in seinen Worten – «als eher unreif», und er bedaure die Inhalte explizit, teilt Martin Schütz, Sprecher des Justiz- und Sicherheitsdepartementes Basel-Stadt, auf Anfrage mit. «Aus diesem Grund hat er die Videos auch von allen ihm zugänglichen Accounts gelöscht, auch den Rapsong mit dem Titel ‹Mein Vaterland›.» Die Versuche des Polizisten, das Video überall zu löschen, seien bislang erfolglos verlaufen, so Schütz. Wie die Polizei reagiert hätte, wenn ein Schweizer Polizist eine Schweizerfahne demonstrativ vor sich hingehalten und vom Vaterland gerappt hätte, muss offen bleiben.

Das alles ist tatsächlich wenig problematisch, vergleicht man das Video mit den Songs, die AZO zusammen mit seinen Rapper-Kollegen aufgenommen hat. Möglicherweise waren auch sie der Grund, warum sich der Staatsschutz für AZO interessiert hat, wie die BaZ aus zuverlässiger Quelle erfahren hat.

In diesen Songs geht es weniger um die Glorifizierung von Heimatland und den bosnischen Widerstand gegen Ungerechtigkeiten, sondern die Texte enthalten schwulenfeindliche und sexistische Äusserungen, sind frauendiskriminierend und strotzen vor verbaler Gewalt. In einem Song wird einem Rapper einer anderen Gruppe gedroht, «ich schlacht dich ab wie ein Metzger und gib dir einen Stich in den Magen». Und einen Homosexuellen, für den er einen beleidigenden Ausdruck verwendet, warnt er, «sag ein falsches Wort, und du wirst vor mir heute noch Blei schlucken». Im gleichen Song wird ein Homosexueller aufgefordert, sein Geld zu geben, wenn er nicht niedergeschlagen werden will. AZO und sein Kumpane Rici G reden vom «Butterfly-Effekt» (Übername für ein Klappmesser), der jetzt mit ihnen über Basel komme, und versprechen, dass Rapper «jetzt arm dran» seien. Konkret wird damit gedroht, mit einer Trennscheibe Konkurrenz-Rappern den Kopf abzuschneiden.

«Gute Leistungen»

AZO und seine Mit-Rapper Äusserungen machen auch Äusserungen, dass sie keine zehn Stunden ohne Kokain sein können, im Kleinbasel Cannabis dealen, Schutzgelder erpressen und es ihnen ein Leichtes wäre, jemanden «in die Gaszelle» zu sperren.

Die Polizeileitung hakt so etwas unter jugendlichem Übermut und künstlerischer Freiheit ab. Der Mitarbeiter habe sich nach der Rekrutenschule für die Polizeiausbildung beworben und die Polizeischule mit guten Leistungen abgeschlossen, sagt Schütz. Dass es während eines Einsatzes in Stresssituationen mit dem ehemaligen Rapper zu Problemen kommen könnte, zum Beispiel wenn er Serben, Kroaten oder Homosexuelle festnehmen muss, scheint das JSD nicht zu befürchten.

Für die Polizeileitung ist klar, dass die Polizisten während ihrer Ausbildung lernen, ihre «Pflichten ohne Ansehen der Person, vorurteilslos und unbestechlich, nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen». So verlange es das Gelübde, das die Polizisten gemäss Artikel 22 des Polizeigesetzes ablegen würden, sagt Mediensprecher Martin Schütz. «Die Leitung und das Kader der Kantonspolizei Basel-Stadt legen grossen Wert darauf, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diese Grundhaltung, namentlich die Gleichbehandlung aller Personen, leben.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.09.2014, 07:17 Uhr

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72 Kommentare

Ernesto Flores

15.09.2014, 08:19 Uhr
Melden 323 Empfehlung 73

Unglaubliche Geschichte. Wie kann man nur so blauäugig sein und so einen Typen als Polizist akzeptieren. Glauben die Verantwortlichen wirklich, dass ein "Gelübde" den Charakter und die Einstellung eines solchen Menschen verändern? Wir werden ja sehen, hoffentlich ist es dann nicht zu spät. Antworten


Peter Müller

15.09.2014, 08:33 Uhr
Melden 310 Empfehlung 67

Mich wundert rein gar nichts mehr, in Basel ist zu vieles aus dem Lot...glaubt mir, das wird eines Tages sehr böse enden! Antworten



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