Pro Velo wird nach Unfällen aktiv

Die Einspurstrecke für Velofahrer soll weiter nach vorne versetzt werden. Die Infrastruktur müsse so ge­baut werden, dass menschliche Fehler verziehen würden, fordern Velo-Lobbyisten.

Möglich, dass sich die Velofahrer in falscher Sicherheit wiegten.

Möglich, dass sich die Velofahrer in falscher Sicherheit wiegten. Bild: Keystone

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Es sind zwei identische Einspurstrecken für Velofahrer auf Kreuzungen in Basel: Die eine liegt auf der Bäumli­hofstrasse nahe dem Badischen Bahnhof und mündet in die Schwarzwaldstrasse ein. Die andere befindet sich auf der Elsässerstrasse beim Fleischver­arbeiter Bell und leitet den Verkehr in Richtung Kohlestrasse. Auf beiden Einspurstrecken gibt es separate Spuren für Velos und Autos, und auf beiden Einspurstrecken präsentiert sich die Situation so, dass die Velofahrer vorne an der Ampel um rund anderthalb Meter nach vorne versetzt stehen.

Auf der Elsässerstrasse erfasste am 9. März ein Lastwagen einen Velofahrer mit einem 20 Monate alten Kleinkind, das auf den Rücken gebunden war. Beide verletzten sich beim Sturz. Gemäss Kantonspolizei kollidierte der Velofahrer beim Abbiegen mit der Lastwagenfront. Der Chauffeur übersah den Velofahrer, weil er sich im toten Winkel befand. Die Gestürzten überlebten glücklicherweise.

Ein glücklicher Ausgang nach einem ähnlichen Unfall blieb einem 62-jährigen Velofahrer am vergangenen Dienstag nicht vergönnt. Bei der Bäumlihofstrasse wollte er gemäss Kantonspolizei gerade­aus in die Wettsteinallee fahren. Dabei übersah ein 54-jähriger Lastwagen­fahrer, der nach rechts abbog, den Velofahrer. Dieser verlor beim tragischen Unfall das Leben. Die Gründe für das Unglück seien noch zu klären, heisst es bei der Kantonspolizei Basel-Stadt.

Trotz Spiegeln toter Winkel

Allgemein bekannt ist: Neben Last- und Lieferwagen zu fahren, kann lebensgefährlich sein. Man ist als Velofahrer oder E-Biker in jedem Fall der schwächere Verkehrsteilnehmer. Un­­klar ist bei den beiden Unfällen zudem, ob die Chauffeure geblinkt und damit die Richtungsänderung angezeigt haben. Oder ob sie losgefahren sind, ohne ein Zeichen zu geben. Möglich, dass sich die Velofahrer in falscher Sicherheit wiegten. Menschliches Ver­sagen ist daher nicht auszuschliessen.

Möglicherweise hat der Lastwagenfahrer in der Bäumlihofstrasse den Velofahrer analog zum Fall an der Elsässerstrasse nicht gesehen. Trotz neusten Einrichtungen und verschiedenen Spiegeln gibt es gemäss Peter Hari, Leiter Bereich Gefahrgut und Sicherheit beim Nutzfahrzeugverband Astag, immer uneinsehbare Bereiche um einen Lastwagen. «Die Velofahrer sollten sensibilisiert sein, dass sie nicht da hineinfahren. Wir zeigen Schülern anhand von Lastwagen, deren Kabinen sie besteigen können, wie die Sicht aus einem Lastwagen ist.» Zudem sei die Problematik des toten Winkels auch in Weiterbildungskursen von Chauffeuren ein Dauerthema. Je nach Höhe der Führerkabine eines Lastwagens sehe der Fahrer auch nicht vorne und vorne rechts hinunter. «Es gibt auch im Frontbereich einen toten Winkel.»

Auf beiden Kreuzungen sind die Velofahrer beim Einspuren gegenüber dem motorisierten Verkehr um rund anderthalb Meter nach vorne gesetzt. Die Lichtsignale schalten gemäss einem Augenschein vor Ort gleichzeitig von Rot über Orange auf Grün. Das heisst: Sowohl Lastwagen wie auch Velos dürfen zum selben Zeitpunkt losfahren.

Für Pro Velo beider Basel sind die beiden Unfälle jetzt mit ein Grund, aktiv zu werden. Präsident David Wüest-Rudin: «Die Unfälle gehen bei Velofahrern wie bei Fussgängern seit langem nicht mehr zurück. Wir möchten die Situation daher ganz allgemein anschauen, im Besonderen aber auch die Situation bei den Einspurstrecken.» Allenfalls müsse man sich zusammen mit der Polizei etwas überlegen, um eine Veränderung auf den Einspurstrecken herbeizuführen.

Möglich ist gemäss Wüest-Rudin, dass die Haltebalken für die Velofahrer gegenüber jenen der Autos noch weiter nach vorne geschoben werden. «Heute sind es gemäss gültiger Norm zwei Meter. Das ist zu wenig, weil so Last­wagenfahrer Velofahrer übersehen ­können. Aus unserer Sicht sollten es vier Meter sein.» Pro Velo sei sehr daran interessiert, Situationen an Kreuzungen für die Velofahrer zusammen mit der Verkehrspolizei zu optimieren. Wüest-­Rudin: «Die Infrastruktur muss so ge­baut werden, dass menschliche Fehler möglichst verziehen werden.»

Ob die verantwortliche Verkehrspolizei Basel-Stadt bei Kreuzungen bezüglich Velosicherheit Handlungsbedarf sieht, beantwortet Polizeisprecher Toprak Yerguz nicht. Er könne auf laufende Verfahren keine Auskunft geben.

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 10.04.2017, 07:07 Uhr

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