Basel
Rentner auf Kaffeefahrten im Elsass abgezockt
Von Markus Prazeller. Aktualisiert am 28.08.2010 33 Kommentare
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Unter falschen Angaben werden Rentner auf Verkaufsfahrten ins benachbarte Ausland eingeladen. Dort werden ihnen zu überhöhten Preisen Produkte verkauft. Sind die Käufer selber schuld?
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2519 Stimmen
Ich kann mich nicht mehr beherrschen. Eigentlich habe ich mir ja vorgenommen, den ganzen Tag so unauffällig wie möglich in meinem Stuhl zu sitzen. Doch ein Schmunzeln macht den Herrn mit dem Schnauzer und dem friesischen Akzent stutzig. «Hey Kollege, was ist dein Problem?», schnauzt er mich an. «Sie sind ein Spassvogel», entfährt es mir. «Noch ein Wort und du verlässt diesen Saal durchs Fenster», droht er. «Mit meinem Bus fährst du nicht mehr nach Hause.» Wenige Worte später finde ich mich auf dem Parkplatz eines heruntergekommenen Gasthofes wieder. Irgendwo zwischen Mulhouse und Colmar. Das nächste Dorf mit Busanschluss ist zu Fuss eine Stunde entfernt.
Die «Gewinnauszahlung» hat ein jähes Ende gefunden. Das «halbe Schwein» und die 4500 Franken, die mir versprochen wurden, habe ich nie gesehen. Am Anfang war dieses Schreiben. «Wichtige Mitteilungen», hiess es auf dem Briefkopf. Ein gewisser Herr Peter Stieler teilt mit, dass ich eine Stange Geld gewonnen hätte. «Ja, Sie lesen richtig, Sie haben wirklich gewonnen!» Der Hauptgewinn und weitere Geschenke wie ein dreiteiliges Werkzeugset und natürlich das halbe Schwein würden mir anlässlich eines Tagesausfluges überreicht. Frühstück und Mittagessen inklusive.
«Das heisst nicht, dass Sie mit leeren Händen nach Hause gehen»
Ich steige also in aller Herrgottsfrühe in Arlesheim in den alten Car. Drinnen sitzen ein gutes Dutzend Personen, die meisten im Rentenalter. Auch sie haben gewonnen, auch sie wurden eingeladen, heute ihren Gewinn abzuholen. Nach eineinhalbstündiger Fahrt durch elsässische Weinreben treffen wir im Landgasthof «La Vallée Noble» ein. Dort werden wir bereits erwartet, von einem bulligen Norddeutschen mit Bürstenschnitt. Wir seien herzlich zum Essen eingeladen, sagt er: «Alles Weitere besprechen wir dann später.»
Nach dem «reichhaltigen Frühstück», das aus Brot, Lyoner und ein paar Scheiben Käse besteht, tritt Frank, wie er sich nennt, vor uns glückliche Gewinner. Der Mann ist sehr überzeugend. Wortreich erklärt er uns, wieso wir die 4500 Franken nicht gewonnen hätten. Im Kleingedruckten des Briefes heisst es: «Auszahlungsbescheid für Gewinnanteil vom Bargeld-Jackpot». Stille im Saal. «Das heisst aber nicht, dass Sie mit leeren Händen nach Hause gehen», tröstet uns Frank und streckt dem älteren Herrn in der ersten Reihe einen Handstaubsauger entgegen. Und sowieso: «Das Frühstück hat Ihnen doch geschmeckt, oder?»
Eloquent, überzeugend und manipulativ
Es folgt ein zweistündiger Vortrag über das marode Gesundheitswesen, überteuerte Krankenkassenprämien und korrupte Ärzte. «Die sind alle von der Pharmaindustrie gekauft», wettert Frank, der völlig in seiner Rolle aufgeht. Seinen Vortrag unterbricht er nur selten, dann, um den älteren Damen mit charmanten Bemerkungen zu schmeicheln und sich seine Ausführungen mit einem Nicken quittieren zu lassen. Mit seinen Worten spricht er denen aus der Seele, die seit Jahren von einer bescheidenen Rente leben müssen. Von ihnen hat es einige hier.
Frank ist ein gewiefter Kerl, eloquent, überzeugend und manipulativ. Kritische Fragen von skeptischen Gästen beantwortet er mit spitzen Gegenfragen. «Sie fahren kostenlos hierher, essen und trinken, werden beschenkt. Ist es da zu viel verlangt, dass Sie mir aufmerksam zuhören?» Immer wieder verweist er auf «später, wenn ich ein paar von Ihnen sehr glücklich mache». Wir sitzen mittlerweile seit mehreren Stunden in der abgestandenen Luft, als Frank endlich konkret wird: «Mit diesem Magnetfeld-Unterbett schützen Sie sich vor Krankheiten», lüftet er das Geheimnis. Aha, es geht also um eine Matratze.
3000 Franken für ein «heilendes Magnetfeld»
Nach dem Mittagessen – es gibt Ente mit Risotto – steigt Frank in die zweite Runde. Er spricht von Elektrosmog und gesundheitsgefährdenden Nachttischlampen. Wieder trifft er die Ängste und Unsicherheiten der Anwesenden punktgenau. Und wieder heisst seine Lösung «Magnetfeld-Unterbett». Zwei geschlagene Stunden geht das so. Bis Frank wieder konkret wird: Er lässt darüber abstimmen, was das Wichtigste im Leben ist. Die einhellige Antwort: die Gesundheit. Frank spielt den Verdutzten. «Nein, liebe Gäste, viel wichtiger ist Ihnen das Geld. Wäre Ihnen nämlich die Gesundheit das Wichtigste, wären Sie auch bereit, in Ihre Gesundheit zu investieren.»
Jetzt ist es raus: 3000 Franken kostet das «heilende Magnetfeld». Die Anwesenden schlucken leer. Frank nutzt das betretene Schweigen, um sich mit einem Stapel Mappen zu bewaffnen, die er nur an «Ausgewählte» verteilen wird. «Alle, die jetzt keine Mappe wollen, werden sich später in den Hintern beissen. Wenn Sie eines Tages aufwachen und neben sich Ihren Partner sehen, der in der Nacht einen Schlaganfall erlitten hat, werden Sie an mich denken.»
Bedauern über den Ausschluss
Die Einschüchterung wirkt. Acht der rund dreissig Anwesenden lassen sich eine Mappe geben. Darin finden sie 1300 Franken in bar. Der Haken: Das Geld ist «zweckgebunden» und muss in die Gesundheit investiert werden, genauer: ins Magnetfeld-Unterbett.
An dieser Stelle kommt mein verräterisches Lächeln. Nachdem ich den Raum um sechs Uhr abends verlassen habe, geht die Veranstaltung noch zwei Stunden weiter. Bevor ich ins herbeigerufene Taxi steigen kann, haut mich «Sascha» an, einer von Franks Mitarbeitern. Es tue ihm leid, dass ich ausgeschlossen wurde. Ob er kein schlechtes Gewissen habe, will ich wissen. «Es ist halt ein Job. Aber ich verstehe Ihre Bedenken.» Frank hat an diesem Tag fünf Matratzen verkauft. (Basler Zeitung)
Erstellt: 28.08.2010, 04:01 Uhr
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Basel
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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