Basel

«Respektlosigkeit belastet die Polizisten»

Von Mischa Hauswirth und Valentin Kressler. Aktualisiert am 22.11.2011 49 Kommentare

Immer häufiger werden Polizisten beschimpft oder gar bedroht. Für den Präsident des Basler Polizeibeamtenverbands ist klar, dass sich etwas ändern muss.

Seit April 2009 vertritt der Anwalt David Gelzer (43) die Basler Polizisten in der Öffentlichkeit und gegenüber der Polizeileitung.

Seit April 2009 vertritt der Anwalt David Gelzer (43) die Basler Polizisten in der Öffentlichkeit und gegenüber der Polizeileitung.
Bild: Elena Monti

Umfrage

Der Präsident des Polizeibeamtenverbands Basel-Stadt beklagt die Respektlosigkeit gegenüber der Polizei. Ist die Klage berechtigt?

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Ob Kriminalität, Burn-out, Respektlosigkeit oder Rekrutierungsprobleme – die Polizei steht im Fokus der Öffentlichkeit wie selten. Erstmals nimmt der Präsident des Polizeibeamtenverbandes Basel-Stadt, David Gelzer, Stellung zur Sicherheitssituation, zur schwierig gewordenen Polizeiarbeit und der Frage, wie sehr sich Polizisten von der Politik unterstützt fühlen.

BaZ: Herr Gelzer, Sie sind Jurist und vertreten die Polizei. Wären Sie lieber ebenfalls Polizist geworden?
«David Gelzer:» Ich bin zufrieden mit dem, was ich tue. Aber ich habe grosse Achtung vor Polizisten und ihrem Beruf.

Wie gut kennen Sie die Polizeiarbeit denn wirklich?
Es ist bestimmt nicht vermessen, wenn ich «sehr gut» sage. Immerhin bin ich schon Jahre dabei und bin sehr gut informiert darüber, was Polizisten bewegt.

Kommen Polizisten auch direkt zu Ihnen, wenn sie Fragen oder Probleme haben?
Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter der Polizei kontaktieren mich einzeln, beispielsweise bei individuellen Rechtsfragen sowie Rechtsschutzfällen oder anderen Problemen. Soweit diese Inputs von allgemeinem Interesse sind, finden sie Eingang in die Vorstandsarbeit.

Polizisten stehen im Fokus der Öffentlichkeit. Wenn Sie die letzten 20 Jahre zurückschauen, was hat sich verändert?
Aus den verfügbaren Statistiken geht hervor, dass die polizeilich zu ahndenden Delikte in dieser Periode massiv zugenommen haben. So ist bei den Strafurteilen seit 1984 eine Verdoppelung festzustellen. Von Interesse ist dabei die langfristige Tendenz nach oben und nicht die irrelevanten jährlichen Schwankungen. Erschreckend ist besonders die Zunahme an Gewaltdelikten. Zudem sind zum eigentlichen Kerngeschäft zusätzliche Aufgaben dazugekommen wie die Einsätze rund um den FCB, die Kontrolle der Auswüchse der 24-Stunden-Gesellschaft mit Littering, Alkohol- und Drogenexzessen. Nicht nur die Quantität der Arbeit hat zugenommen, sie wurde auch qualitativ anspruchsvoller.

Polizisten kritisieren den mangelnden Respekt, der ihrer Arbeit entgegengebracht wird.
Es gibt diese zunehmende Respektlosigkeit. Der Polizist ist in der Wahrnehmung vieler nicht mehr das, was er einmal war. Heute gehört es zum Alltag, dass Polizistinnen und Polizisten angepöbelt, beleidigt, beschimpft oder angegriffen werden. Die Fälle von Gewalt und Drohung gegenüber Beamten nahmen in den letzten Jahren massiv zu.

Welche Auswirkungen hat diese Respektlosigkeit auf Polizisten?
Der Umstand belastet. Wenn jemand auf der Strasse seinen Dienst tut, ist es nicht angenehm, ständig mit allem rechnen zu müssen. Natürlich bekommen auch Polizisten Angst, wenn sie an Leib und Leben bedroht werden, wie dies zum Beispiel bei einer Meute randalierender Fussballfans der Fall ist. Der schwindende Respekt ist letztlich ein gesellschaftliches Problem, von dem die Polizisten direkt betroffen sind.

Kann es sein, dass Sie die Situation dramatisieren?
Nein, da sich die Entwicklung statistisch ohne Weiteres belegen lässt, zum Beispiel an der deutlichen Zunahme von Fällen von Drohungen und Gewalt gegen Polizisten. Der Verband Schweizerischer Polizeibeamter setzt sich daher aktuell mit einer schweizweiten Kampagne für mehr Respekt gegenüber den Polizisten ein.

Und Sie denken, dadurch wird sich die Situation ändern?
Kaum. Im Moment droht einem Ersttäter eine bedingte Geldstrafe, wenn er einen Polizisten bedroht. Das schreckt die Täter kaum ab. Es braucht härtere Sanktionen, kürzere Gefängnisstrafen sollten wieder möglich sein. Wir unterstützen daher die Bestrebungen in Bern, das Strafrecht diesbezüglich wieder zu verschärfen.

Für Polizisten, die aufgrund von Respektlosigkeit, Überlastung und Stress psychologische Probleme haben, gibt es den internen psychologischen Dienst. Trotzdem meiden viele Polizisten den Gang dorthin. Wissen Sie warum?
Die krankheitsbedingten Absenzen sowie die psychologischen Beratungen haben zugenommen, wobei die Personen, die intern Hilfe suchen, nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Dies deshalb, weil viele betroffene Personen Hemmungen haben, sich intern zu melden, da die hauseigenen Psychologen auch für Assessments im Zusammenhang mit Beförderungen zuständig sind. Die Polizisten befürchten daher, dass es – wenn sie diesen Dienst für sich in Anspruch nehmen – Folgen für ihre Karriere haben könnte.

Im Korps spricht man nur hinter vorgehaltener Hand von Stress, dem Gefühl, nicht mehr zu können, von Burn-out-Fällen. Was bekommen Sie davon mit?
Polizisten sind sehr pflichtbewusste Menschen. Auch wenn ein personeller Engpass besteht, möchte ein Polizist die Aufgaben, die ihm gestellt werden, erfüllen. Wer ständig am Anschlag läuft und sich nie richtig erholen kann, der ist in Gefahr, den normalen Alltagsstress nicht mehr richtig verarbeiten zu können und gesundheitliche Probleme zu bekommen. Offiziell wird er dann einfach ein Krankheitsfall.

Personalengpass ist ein Dauerbrenner bei der Kantonspolizei Basel-Stadt. 45 zusätzliche Stellen hat die Politik bewilligt. Sie hätten jedoch gerne deutlich mehr gehabt. Sind Sie zufrieden?
Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht mehr. Auch wenn der Mehrbedarf an Polizeikräften ausgewiesen ist, lässt sich eine Aufstockung um mehr als 45 Personen im Moment leider politisch nicht durchsetzen. Wir sagen uns, lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Es reicht aber bei Weitem nicht.

In einem Vorstoss fordert nun auch die SP mehr Polizisten in der Innenstadt, also genau das, was die SVP schon lange will. Sieht das nicht danach aus, dass ein Umdenken stattfindet?
Wir sind froh, dass sich die Parteien von links bis rechts einig sind, dass das Korps aufgestockt werden muss, und würden es begrüssen, wenn der Grosse Rat eine Aufstockung um mehr als die budgetierten 45 Stellen beschliessen würde. Es geht dabei nicht um die Frage der politischen Gesinnung, sondern vielmehr um die Frage, ob die Politik willens ist, der Polizei genügend Mittel zur Verfügung zu stellen, damit sie im öffentlichen Raum mehr Präsenz markieren kann.

Fühlen sich die Polizisten eigentlich getragen von der Departementsspitze?
2010, also noch vor der beschlossenen Aufstockung um 45 Personen, gab es eine breit abgestützte Mitarbeiterbefragung. Dort beklagte sich eine grosse Mehrheit der Polizistinnen und Polizisten darüber, dass die Politik sie zu wenig unterstützen und mittragen würde. Polizeiintern lässt sich festhalten, dass der Polizist die Leitung im positiven Sinne gerne mehr spüren würde und sich mehr Wertschätzung und Einbezug in Entscheidungsprozesse wünscht. Diesbezüglich besteht seitens der Polizeileitung durchaus noch Entwicklungspotenzial. Leider lässt manchmal auch die Informationspolitik der Kantonspolizei zu wünschen übrig.

Was sprechen Sie an?
Ein bedauerlicher Patzer, der im Korps ganz schlecht ankam, war die Äusserung von Kommandant Lips im Zusammenhang mit den Ausschreitungen beim Voltaplatz. Er hat dabei seinen eigenen Mitarbeitern sinngemäss vorgeworfen, dass sie die Entscheidungen der Polizeileitung und der Regierung nur deshalb nicht nachvollziehen könnten, weil sie die Zusammenhänge nicht erkennen könnten. Die Information über die Vorgänge am Voltaplatz und bei der Villa Rosenau ist vollständig missglückt. Der Verband hofft, dass die Polizeileitung und die Regierung künftig in vergleichbaren Situationen von Anfang an offen, ehrlich, selbstkritisch und nicht nur tröpfchenweise informieren. Alles andere schadet der Polizei, weil in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, es gäbe etwas zu verbergen.

Die von Ihnen angesprochene Anerkennung hat Justizdirektor Hanspeter Gass (FDP) im Mai vermissen lassen, als er absichtlich nicht an die Generalversammlung Ihres Verbandes gekommen ist, so wie es eigentlich die Tradition will. Welches Verhältnis hat der Verband zu Hanspeter Gass?
Wir haben wenig Kontakt mit dem Justizdirektor. Das lässt sich damit erklären, dass wir vor allem im guten Austausch mit Kommandant Gerhard Lips stehen und er unser direkter Ansprechpartner ist. Bei den medialen Auftritten von Herrn Gass stellen wir jedoch immer wieder fest, dass er die Tendenz hat, die Situation zu beschönigen, anstatt offen und ehrlich über die bestehenden Probleme zu sprechen.

Die Polizei leidet an Nachwuchsmangel. Welche Rolle spielen hier Überstunden, Schichtarbeit und das Gefühl, ständige Zielscheibe von Beschimpfungen, Bedrohungen oder Angriffen zu sein?
Die jungen Leute überlegen sich heute ganz genau, was es für sie bringt, Polizist zu werden. Schichtarbeit schreckt ab, die Ausbildung ist anspruchsvoll und verlangt viel Engagement. Dazu kommen die angesprochene Respektlosigkeit und natürlich die Lohnfrage; Polizisten sind zumindest im Vergleich mit dem Kanton Basel-Landschaft nach wie vor unterbezahlt. Junge kommen oft zum Schluss, dass sich die Strapazen nicht lohnen, und wählen dann einen weniger anstrengenden Beruf.

Wenn Sie einen Werbeslogan für den Polizeiberuf verfassen dürften, welche Botschaft würde dieser haben?
Wer einen äussert abwechslungsreichen und spannenden Beruf sucht und gerne in einem Team arbeitet, soll sich noch heute bei der Polizeileitung für die nächste Polizeischule anmelden. Man wird es nicht bereuen! (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.11.2011, 07:28 Uhr

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49 Kommentare

Fabio Bonina

22.11.2011, 08:30 Uhr
Melden 46 Empfehlung

Wundert sich noch jemand dass die Polizei keinen Respekt mehr verdient? Kein Wunder! Solange unsere Rechtssprechung eine derartige Kuschel-Tour fährt wird sich dies auch nicht ändern! Die Polizei darf ja nicht mal einem Verbrecher die Handschellen anziehen wenn diese zu locker montiert wurden. Dann heisst es gleich Folter, etc etc! Eine Sauerei eine bodenlose ist dass! Antworten


Beat bannier

22.11.2011, 09:17 Uhr
Melden 35 Empfehlung

"Immer häufiger werden Polizisten beschimpft oder gar bedroht", genau wie der grosse Teil der anständigen Bevölkerung, Herr Gass. Antworten



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