Basel
Smash137: «Graffiti gehört in den öffentlichen Raum»
Von Joel Gernet. Aktualisiert am 18.02.2009 79 Kommentare
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Der renommierte Basler Graffitikünstler «Smash137» wurde für ein Graffiti auf dem Bahnareal verurteilt. Seit Jahrzehnten sind die Wände besprayt. Zu Ihrer Freude?
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baz.online: Das Basler Strafgericht verurteilte Sie wegen eines Bildes an der Basler Bahnhofseinfahrt zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 70 Franken und einer Busse von 100 Franken (baz.online berichtete). Sind Sie zufrieden mit dem Gerichtsurteil?
Smash137: Nein, ich wurde in beiden Anklagepunkten für schuldig gesprochen. Für mich ist jedoch nur das Urteil für das «Unbefugte Betreten des Bahnkörpers» gerecht. Auch die übertrieben aufwendig geführten Untersuchungskosten bleiben an mir haften, obwohl man in 30 Minuten googeln mehr über mich erfährt als mein Computer, Laptop und Telefon jemals hergeben könnten.
Hätten Sie den ganzen Medienrummel rund um ihre Verurteilung erwartet?
Anfangs nicht, als mich dann aber mein Anwalt darüber aufgeklärt hat, was ein offener Fall mit sich zieht, konnte ich es schon ahnen.
Können Sie sich vorstellen, dass sich gewisse Leute – vor allem Hausbesitzer – von Ihren Werken gestört fühlen?
Wenn die Hausbesitzer objektiv bleiben und mich als Individuum beurteilen würden, dann nein. Dass sie mich aber als Stellvertreter für alle Schmierereien an ihren Hausfassaden sehen wollen, kann ich mir sehr gut vorstellen. Mein Werkzeug ist die Sprühdose und mit dem selben Werkzeug werden auch ihre Häuser verunreinigt. Und wenn man da noch einen Tropfen Wut seitens der Hausbesitzer hinzugibt, wird es wohl sehr schwer, noch ein objektives Urteil abzugeben und zu unterscheiden. Meine Absicht war es immer, dass sich Menschen, denen es gefällt, an meinen Werken erfreuen können und diejenigen, denen es nicht zusagt, sich zumindest nicht daran gestört fühlen.
Sie sind einer der wenigen Sprayer, welcher seine Dosen vom Hersteller (Montana) gesponsert kriegt und mit dem «Montana Writer Team» rund um die Welt jetten darf. Haben Sie solche 'illegalen' Aktionen überhaupt nötig?
Graffiti gehört in den öffentlichen urbanen Raum, davon bin ich fest überzeugt. Dass die Werke zu den Leuten hinkommen - und nicht wie in den letzten Hunderten von Jahren die Leute in Kirchen, Museen und Gallerien gehen müssen, um die Werke zu betrachten - macht doch diese Ausdrucksform gerade so speziell. Dass viele den Sinn und die Ästhetik der sich ständig wiederholenden Wörter nicht sehen, spielt für mich keine Rolle. Ich glaube auch nicht, dass man ein kubistisches Bild verstehen kann, wenn man sich nicht mit dem Künstler und der damaligen Kunstbewegung auseinandersetzt. Der Tag, an dem Graffiti nur noch in geschlossenen Räumen stattfindet, ist auch der Tag, an dem ich das Interesse an Graffiti verlieren werde.
Wie wird man als Graffti-Sprayer in der Kunst- und Galleristenszene aufgenommen?
Wie im grössten Teil der Bevölkerung auch: Ältere und renommiertere Institutionen anerkennen einen nicht und nehmen einen auch nicht ernst, bis auf wenige Ausnahmen. Wobei neuere, jüngere Institutionen gerne fördern und sich ihren eigenen unabhängigen Markt schaffen.
Sie waren kürzlich mit dem «Montana Writer Team» in Dubai und haben an einem der grössten Graffitis der Welt mitgearbeitet – was kommt als Nächstes?
Für diesen Frühling sind erst einmal einige Ausstellungsprojekte in Vorbereitung, wie eine Solo-Show in der Gallerie Speerstra in Genf und eine weitere in der Vicious Gallerie in Hamburg. Diesen Freitag habe ich ausserdem eine Vernissage beim Kunstverein Heidelberg.
Möchten Sie abschliessend noch etwas loswerden?
Nachdem ihn bereits der Richter erwähnt hat, möchte ich ein Zitat von Salvador Dali aus dem Jahr 1935 anbringen: «Die Tatsache, dass ich selbst im Augenblick, wo ich male, die Bedeutung meiner Bilder nicht erkenne, will nicht heissen, dass sie keine Bedeutung hätten.»
Die zahlreichen Leser-Kommentare zum Smash137-Artikel zeigen, dass die baz.online-Leserinnen und Leser die Verurteilung von Smash137 sowie Graffiti in Basel unterschiedlich wahrnehmen. Smash137 hat es sich nicht nehmen lassen, auf einige Leser-Kommenatre einzugehen:
Priska Arnold: Diese Busse ist einfach lächerlich. Mindestens hätte man verlangen sollen, dass er auf eigene Kosten die Wand wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt.
Smash137: Das würde dann bedeuten, dass ich gar nichts machen müsste, ausser mich hinzusetzen und zu warten bis die Wand verstaubt, schimmelt und schlussendlich wieder vom Moos in Besitz genommen wird.
Pat Suter: Ein weiterer Beweis dafür, dass Laienrichter nicht nur auf einem Auge blind sind. Was bewirken sie mit Strafen, die aus dem Portokässeli bezahlt werden??? Für möchtegerne Künstler eine weitere Einladung ihrer Zerstörungswut freien Lauf zu lassen.
Herr/Frau Suter war zu diesem Zeitpunkt wohl nicht über die hohen Verfahrenskosten meinerseits im Bilde (7400 Franken, Anm. d. Red.) oder hat einfach ein «Portokässeli», das ich für erstrebenswert halte.
Nicolas Saameli: Die Basler «Line» ist einer der Orte welche der «Kulturstadt» Basel einen Charakter verleihen und sollte unter Denkmalschutz gestellt werden, stattdessen werden International bekannte Künstler wie Smash137 für ihre Kunst bestraft...
Herr Saameli, wo kann ich unterschreiben?
Roland Horni: Was mich aber weit mehr stört ist, dass diese Künstler sich erlauben, ungefragt überall dort, wo sie es für gut finden ihre «Duftmarken» anbringen.
Ich gehe davon aus, dass Herr Horni hier von «Tags» spricht (diese kleinen, einfarbigen Schriftzügen, die einer Unterschrift sehr ähnlich kommen). Diesen Missmut kann ich gut verstehen, alleine schon aus dem Aspekt, dass der grösste Teil dieser Tags unausgereift und zudem schlecht platziert ist.
Andreas Noll: Basel ergraut in Engstirnigkeit und wird so zum Altersheim der Schweiz. Die Jungen - nicht nur Künster, sondern auch hochqualifizierte Arbeitskräfte - ziehen weg: nach Zürich, das die vielgerühmte Basler Weltoffenheit längst an Esprit überflügelt hat. Mal sehen, wie lange die Art in Basel bleibt.
Ich hoffe sie bleibt, ein Hotelzimmer in Zürich während der Art werde ich mir wohl nicht leisten können.
Peter Graf: Ich bin nicht mehr der Jüngste (67), finde aber Graffiti wunderbar dort, wo hässliche Bahnhofseinfahrten, noch hässlichere Betonmauern an irgendwelchen gesichtslosen Gebäuden usw. angebracht wird. Der Spass hört bei mir jedoch da auf, wenn stilvoll renovierte, schöne alte Häuser (z.B. Jugendstil) versprayt werden. Das hat keinen Stil, und das sind dann auch bloss noch Schmierereien. Also bitte...
Erstens möchte ich mich bei Herrn Graf für das Kompliment an unserer Bahnlinie bedanken und zweitens stimme ich Ihnen beim Punkt «wo der Spass aufhört» voll und ganz zu. Dass Graffiti im Ursprung und zum grössten Teil einer Kultur entspringt, die sich um Einverständnisse Dritter nicht weiter kümmert, will ich nicht leugnen. Dass aber eine starke Minderheit dieser Kultur vor solch oben genannten Bauwerken keinen Halt macht, bedaure ich zutiefst. Ich schäme mich auch dafür, mit solchen Leuten in ein Boot gesteckt zu werden.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 18.02.2009, 17:50 Uhr
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79 Kommentare
Ich bin nicht mehr der Jüngste (67), finde aber Graffiti wunderbar dort, wo hässliche Bahnhofseinfahrten, noch hässlichere Betonmauern an irgendwelchen gesichtslosen Gebäuden usw. angebracht wird. Der Spass hört bei mir jedoch da auf, wenn stilvoll renovierte, schöne alte Häuser (z.B. Jugendstil) versprayt werden. Das hat keinen Stil, und das sind dann auch bloss noch Schmierereien. Also bitte... Antworten
Man kann sich über "smash's" Qualität streiten, wie man sich auch im Zusammenhang mit Dalì mit Recht streiten kann. Aber die Stelle wo er sich einmal mehr "verwirklicht" hat ist schon "künstlerisch" genutzt. Was also soll der Aufstand? Antworten
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