Steinhauer und Steinmetze müssen umdenken

Viele Leute verzichten auf Grabstein oder lassen die Asche von Verstorbenen verstreuen. Die Leidtragenden sind die Steinmetze, die weniger Aufträge erhalten.

Luxuxobjekt: Grabsteine sind je länger je weniger gefragt.

Luxuxobjekt: Grabsteine sind je länger je weniger gefragt. Bild: Kostas Maros

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Meist erachten wir den Tod als etwas, womit wir nicht konfrontiert werden möchten. Wer jedoch einmal in Ruhe über einen Friedhof schlendert, entdeckt anhand der Grabgestaltung zahlreiche spannende Geschichten von Menschen, die früher unter uns geweilt haben. Einige von ihnen hinterlassen Spuren in Form aufwendig geschaffener Grabmonumente. Bei anderen fiel die Wahl des Steins und die Form des Grabmals bewusst puristisch aus.

Um dieses Handwerk hochzuhalten, verleiht die Friedhofskommission jährlich die Auszeichnung für künstlerisch und handwerklich herausragende Grabsteine. Am Freitag fand diese Verleihung zum 18. Mal statt. Doch was früher ein einträgliches Geschäft war, wandelt sich nun aufgrund einer veränderten Bestattungskultur fast zum Nebenerwerb. Felix Forrer, Co-Präsident des Vereins Steinbildhauer und Steinmetze Nordwestschweiz: «Es gibt viel mehr Leute, die beispielsweise Gemeinschaftsgräber wünschen. Oder sie wählen ein Baumgrab. Andere wiederum lassen die Asche an einem früheren Lieblingsort verstreuen.» Die Aufträge seien noch da, doch etwas bescheidener als früher. Um wie viel Prozent das Friedhofsgeschäft zurückgegangen sei, kann Forrer nicht beziffern. «Doch vom Untergang bedroht sind wir noch nicht.»

Restauration als Zukunft

Die Stadt vergibt heute noch vereinzelt Aufträge an Bildhauer. So zum Beispiel Kaspar Hiltbrand von der Abteilung Bestattungswesen: «Ich habe pro Jahr 20'000 Franken zur Verfügung für die Restaurierung historisch und künstlerisch wertvoller Grabsteine auf dem Wolfgottesacker. Pro Jahr kann ich so rund sieben Aufträge vergeben. Kürzlich restaurierten wir den Grabstein des pharmazeutischen Forschers Dr. Emanuel Wybert, Erfinder des ‹Wybertli› und der Elmex-Zahnpasta.» Wybert führte die Goldene Apotheke Basel.

Noch rund 30 Steinmetz- und Steinbildhauer-Betriebe mit rund 150 Angestellten arbeiten in den beiden Basel. Die Branche wurde durch den Auftragsschwund zum Umdenken gezwungen. «Unser Berufsbild hat sich den aktuellen Gegebenheiten angepasst. Der Steinmetz arbeitet heute oft an der Erhaltung historischer Bausubstanz.»

Michelangelo gibts nicht mehr

Felix Forrer ist selber Steinbildhauer und Restaurator. Aktuell arbeitet er an der Restaurierung des Spalentors mit. In den 1950er- und 1960er-Jahren galt Basel fast als Mekka für Steinmetze und Steinbildhauer, erklärt Forrer: «Wir hatten eine andere Steinhauerkultur in der Region. Damals gab es namhafte Bildhauer, die von den zahlreichen Aufträgen der Stadt sehr gut lebten.» Einer von ihnen war der heute 81-jährige Bildhauer und Plastiker Ludwig Stocker. Seine Kunst im öffentlichen Raum prägte die Stadt nachhaltig. Von ihm stammt beispielsweise die Urnenanlage aus Beton und Marmor auf dem Friedhof Hörnli. Oder die Skulptur an der Wilhelm-­Klein-Strasse 27 in Basel mit dem Titel «Hergestellte, gefundene und wiedererkannte Wirklichkeit».

Diese Zeiten seien, so Felix Forrer, leider vorbei. Trotzdem: Die Nachfrage von Schulabgängern, dieses Handwerk zu erlernen, ist nach wie vor da, auch wenn die Vorstellung des Berufs nicht immer der Realität entspricht. Junge Leute träumen davon, sich fortan als Künstler verewigen zu können. «Wer allerdings als Bildhauer arbeitet, kann selten von der Kunst leben», stellt Forrer klar. Grosse Büsten zu fertigen, sei etwas Schönes. «Doch lediglich ein Prozent unserer Berufsleute kann von reiner Kunst leben.» Der Gedanke an Michelangelo sei verfehlt.

Konkurrenz aus dem Ausland

Wichtig sei deshalb die Weiterbildung. Man sollte nicht auf dem Grabsteinsektor stehen bleiben, sondern einen Schritt weiter gehen, beispielsweise in die Restaurierung. Felix Forrer gibt zu bedenken, dass die Konkurrenz aus dem Ausland nicht zu unterschätzen sei. Forrer: «Viele Wandergesellen im Steinmetzhandwerk sind derzeit unterwegs. Sie alle suchen Arbeit. Und ich bekomme in letzter Zeit vermehrt Bewerbungen aus Portugal und Spanien von sehr gut ausgebildeten Fachleuten.»

Der Steinmetzberuf ist einer der ältesten Berufe überhaupt. Die Basler Steinmetze schlossen sich erst ab Mitte 14. Jahrhundert der heutigen Zunft zu Spinnwettern an und gehörten somit nicht zu deren Gründungsmitgliedern von 1248. Die Steinmetze waren schon früh untereinander in Dombauhütten und Bruderschaften organisiert. Gut zu wissen: In den städtischen Zünften waren nur Meister zugelassen, die zur Zeit der Gotik zugleich als Architekten und Planer fungierten. Sie galten damals als die am besten bezahlten Handwerker.

Während der Barockzeit wich der Naturstein zunehmend einem Mauerwerk aus Putz und Stuck. Die Industrialisierung brachte schliesslich den Steinberufen gewisse Erleichterungen durch den Einsatz von Maschinen. Der Naturstein am zeitgenössischen Bau kommt heute meist nur noch im Innenausbau oder in Gärten zur Anwendung. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.11.2013, 13:55 Uhr

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