Basel

Tausende Skelette zeugen von Pein und Gewalt

Von Mischa Hauswirth. Aktualisiert am 08.11.2010 1 Kommentar

Faule Zähne, Schädelverletzungen, Wirbelsäulen so krumm wie eine Banane und Quecksilberspuren an den Knochen. Ein Streifzug durch das gruselige Archiv des Naturhistorischen Museums.

1/7 Skelettarchiv im Naturhistorischen Museum: Anthropologe Gerhard Hotz zeigt, wie man an Hand von Knochenfrakturen die Geschichte von Toten rekonstruieren kann.
Bild: Tino Briner

ausende Skelette zeugen von Pein und Gewalt ausende Skelette zeugen von Pein und Gewalt

   

Zutritt zu den Räumen unter dem Naturhistorischen Museum haben nur Berechtigte. Grellweisses Neonröhrenlicht erhellt die vielen Reihen von Vitrinenschränken. Kurz kommt der Gedanke auf, in einer Bibliothek zu sein, dort, wo die Bücher aufbewahrt werden, die niemand lesen will. «Wir haben rund 10'000 menschliche Skelette hier», sagt Gerhard Hotz, Anthropologe und in wissenschaftlicher Weise Herr der Gebeine.

Basel hat eine der grössten Skelettsammlungen Europas. Bei konstant 18 Grad und 45 Prozent Luftfeuchtigkeit lagert hier, was in den vergangenen Jahrzehnten auf Kantonsgebiet bei Grabungen durch die Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt und bei Bauarbeiten gefunden wurde; Reste ganzer Friedhöfe lagern in den Gestellen. Hotz: «Wir haben immer wieder Forscher aus dem Ausland, die zu uns kommen.» Grund für das internationale Interesse sind Objekte aus den einzigartigen Sammlungen, wie die identifizierten Skelette aus dem Spitalfriedhof Basel (1845–1868).

Spagat zwischen Grusel und Wissenschaft

Die meisten menschlichen Überreste stammen aus Basels Böden, wenige aus Asien. Nüchterne Geister wie Hotz bezeichnen die Knochen als «wertvolles Bioarchiv», da Gebeine und Zähne viel über das Leben der Toten verraten: Ernährung, Verletzungen, manchmal sogar Todesursache. Dunkle Augenhöhlen, Zähne, die aus dem Kiefer fallen, ausgefranste Löcher auf Nasenhöhe – nirgends wird man mehr der eigenen Vergänglichkeit direkter in die Augen schauen. Wenn Hotz dann noch mit weissen Handschuhen einen Schädel in die Hand nimmt und aus dem Leben des Toten(-kopfes) zu erzählen beginnt, schaffen zarte Gemüter den Spagat zwischen Grusel und wissenschaftlicher Betrachtungsweise nicht mehr.

Bei einem männlichen Schädel zeigt Hotz auf ein kleines Loch im Kopf und spricht von den Folgen eines Schusses. Vermutlich wurde die Waffe unter dem Kinn angesetzt und abgefeuert. Ein weiterer Schädel aus dem Mittelalter mit einer Verletzung, ein dreieckiges Loch, verursacht von einer Stichwaffe oder einer Pfeilspitze. Hotz: «Der Mann hatte bestimmt starke Schmerzen. Aber er hat überlebt, sonst wären die Knochenränder nicht verwachsen.»

Wie ein skurril verdrehter Ast

Niemand will sich die Schmerzen vorstellen, die der Mann in einer Zeit ohne Ponstan 500 und Morphium durchgestanden haben muss. Der Mann wurde wie viele auf dem Barfüsserfriedhof beerdigt und nahm die Geschichte seiner Verletzung mit ins Grab. Bei der Untersuchung der Skelette der Barfüsserkirche wies jede achte Bestattung eine Verletzung auf. Gründe dafür können viele Bauunfälle und das Spital der Freien Strasse gewesen sein, das verstorbene Patienten dort begrub. Gewalttätige Auseinandersetzungen in der mittelalterlichen Stadt dürften ebenfalls zu vielen Verletzungen geführt haben.

Ein Männeroberschenkelknochen, gebrochen bei einem Sturz von einem Baugerüst oder von einem Pferd. Die Knochenteile wuchsen wieder zusammen, wenn auch gut zehn Zentimeter versetzt. Sieht irgendwie aus wie ein skurril verdrehter Ast. Gehen war damit bestimmt keine Freude, aber der Mann lebte. Normalerweise waren solche Verletzungen ein Todesurteil. Zum Beweis dieser Aussage präsentiert Hotz zwei weitere Stücke von Oberschenkelknochen, die nicht mehr zusammengewachsen sind. Die Knochen zeugen aber nicht nur von Gewalt. Die Folgen von Gebrechen und den damit verbundenen Schmerzen sind manchmal lange nach dem Tod noch zu erkennen: Eine stark s-förmig gebogene weibliche Wirbelsäule lässt erahnen, dass aufrechtes Gehen damit unmöglich gewesen war. Nur schon den Kopf in gewohnter vertikaler Stellung zu halten, dürfte der Frau unmöglich gewesen sein. «Knochenschwund», sagt Hotz.

Tödliches Quecksilber im Magen

Ein paar Klümpchen Quecksilber an einem 150-jährigen Skelett gab Wissenschaftlern Rätsel auf, die erst Jahre später die zugehörige Krankengeschichte lüften konnte. Die Ärzte hatten der Frau, die an Darmverschluss litt, das giftige Schwermetall verabreicht. Nicht, um sie zu töten, sondern weil sie laut damaligen Medizinkenntnissen glaubten, dass das Gewicht des Quecksilbers den Verschluss löse.

Ein weiteres Kapitel, das schon beim Zuhören Schmerzen verursacht, heisst Zahnpflege. Faule Zähne kannte praktisch jeder Mund. Füllungen oder Stiftzähne, dazu Zahnarztbehandlung unter Betäubung, so etwas gab es vor 200 Jahren noch nicht. Marode Zähne wurden einfach mit einer Art Haken ausgerissen. Und nicht selten war der Eingriff so brachial, dass sogar Stücke des Kiefers mit ausgerissen wurden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.11.2010, 16:40 Uhr

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1 Kommentar

Martin Lienert

09.11.2010, 09:02 Uhr
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