Über 40-Jährige gehören schon zum alten Eisen

Je älter, desto schwieriger: Während die Wirtschaft nach mehr Einwanderern ruft, finden Arbeitslose mitten im Leben kaum eine Stelle. Betroffene üben scharfe Kritik am Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV).

Altersnachteil: Viele Stellensuchende beklagen sich darüber, dass ihnen auf dem Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) nicht wirklich geholfen wird. (Symbolbild)

Altersnachteil: Viele Stellensuchende beklagen sich darüber, dass ihnen auf dem Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) nicht wirklich geholfen wird. (Symbolbild) Bild: Keystone

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Wirtschaftsvertreter beklagen sich bei jeder Gelegenheit über den Mangel an Arbeitskräften, gleichzeitig diskriminiert die Schweiz ältere Stellensuchende, indem jüngere bevorzugt werden. Dies kritisiert auch die OECD. Einer, der zurzeit genau das erlebt, ist Maurice (Name geändert), Jahrgang 1968, wohnhaft in Basel. Er ist am Ende seiner Unterstützung durch die Arbeitslosenkasse angekommen und muss sich jetzt bei der Sozialhilfe anmelden. Nach einer gescheiterten Ehe lebt er bei seiner Mutter. Dass er bis heute keinen neuen Job gefunden hat, führt er direkt auf sein Alter zurück.

«Bei 250 Bewerbungen habe ich aufgehört zu zählen. Ich würde alles machen, aber niemand gibt mir eine Chance», erzählt der 46-Jährige. Obwohl er drei abgeschlossene Ausbildungen und eine Anlehre im Pflegebereich hat, scheint ihn niemand zu wollen. Das mag einerseits mit der körperlichen Beeinträchtigung seiner Schulter zusammenhängen, aber nicht nur, sagt Maurice. «Nach 40 bist du den Arbeitgebern einfach zu teuer, die nehmen lieber billigere Bewerber aus dem EU-Raum.»

«Es ist die Altersguillotine»

Das Gleiche sagt Monika (Name geändert). «Ich bin eine 56-jährige Frau und auf Stellensuche. Die erste Qualifikation ist das Alter. Danach kommen die beruflichen Qualifikationen. Seit dem 1. Juni bin ich beim RAV angemeldet. Eine Beratung oder Vermittlung erhalte ich nicht.» Monika macht den Behörden den Vorwurf, dass man sich nicht wirklich um die Anliegen und Schwierigkeiten der älteren Stellensuchenden kümmere.

Auch Maurice bestätigt diese Erfahrung. Obwohl er mit Englisch, Deutsch und Französisch drei Sprachen fliessend spreche und schreibe, habe ihm das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) nicht einen einzigen Job anbieten können. «Es ist die Altersguillotine», sagt Maurice. Er habe sich auf zahlreiche Jobs beworben: Hausmeister, Automechaniker, Gipser, Wachmann, Tram-Chauffeur. «Ich habe meinem RAV-Betreuer vorgeschlagen, mir eine Umschulung zum Lastwagenchauffeur zu bezahlen – vergeblich.» Das RAV sei nicht bereit gewesen, ihm die Kosten zu bezahlen, sagt Maurice.

Keine Zeit für echte Vermittlung

Das Problem ist systembedingt. Zu diesem Schluss kommt ein ehemaliger Mitarbeiter des Basler Amtes für Arbeit, Wirtschaft und Soziales (AWA). Der Mann möchte anonym bleiben, erklärt der BaZ aber seine Version, warum die Arbeitssuchenden so gut wie keine individuelle Betreuung erhalten würden. «Dienst nach Vorschrift und ihre zehn Fälle pro Tag betreuen – so lautet das einzige Ziel der Betreuer. Sie trachten einfach danach, die von der Amtsleitung vorgegebenen Statistikziele zu erfüllen», sagt der Mann.

Der Staat bis hin zum Bundesamt für Wirtschaft (Seco) würde sich über abgewickelte Fallzahlen definieren und schliesslich auch Geld erhalten. Doch nur ein wirkliches Coaching würde gerade ältere Stellensuche zu einem neuen Arbeitgeber bringen. Die arbeitslose Monika schildert ein Erlebnis, das diese Darstellung stützt: «Ich habe den RAV-Berater direkt angesprochen und gefragt, wie er mich beraten und vermitteln kann. Er war sprachlos über meine direkte Frage – und er war überfordert.» Etwas anbieten könne er ihr nicht, aber penetrant die Nachweise für die Arbeitssuchenden verlangen und überprüfen, dafür habe er Zeit.

«Es geht schon lange nicht mehr um Beratung»

Weil die Mitarbeiter nur stramm nach Schema «Vorgabe und Statistik» arbeiten, kommt es mitunter zu skurrilen Szenen, wie neulich auf dem Basler Arbeitslosenamt: Ein Italiener hatte einen Termin, konnte aber kein Deutsch. Die Betreuerin leierte die Vorschriften auf Deutsch herunter und sagte, die Übersetzung sei nicht ihre Angelegenheit. In den acht Minuten, die sie für das «persönliche Gespräch» eingeplant hatte, ging es nur um das Erläutern von Formalitäten und das starre Hinweisen auf Vorschriften. Dann wurde der Mann wieder hinausgewiesen. Die Übersetzung musste er sich selber organisieren.

Es stellt sich die Frage, wie in einem solchen Umfeld eine persönliche Beratung möglich wäre. Der ehemalige AWA-Mitarbeiter sagt, es bräuchte eine Reduktion der Fälle pro Mitarbeiter und wieder eine echte Vermittlung. Dazu wäre aber neben einem Gesinnungswandel ein funktionierendes Netz des RAV zu KMU-Betrieben, zu Unternehmen, zu Gast- und Hotelgewerblern, zu Firmenchefs und in die Personalabteilungen der Betriebe notwendig. «Doch das ist gar nicht gewünscht», sagt der Insider. «Es geht schon lange nicht mehr um Beratung, sondern die Stellensuchenden werden einfach verwaltet.

Sobald ein RAV-Mitarbeiter über zu viele gute Kontakte in die Arbeitswelt verfügt, wird er abgezogen und in die RAV-Aussendienstabteilung versetzt.» Diese Stelle kümmere sich um Kontakte zu Arbeitgebern, zu denen Stellensuchende vermittelt werden sollen. So verunmögliche das System eine Vertrauensbildung zwischen Firmen und dem RAV, sagt der Insider und fügt hinzu: «Vermittlung braucht Zeit und Arbeit.»

Neue Finanzspritzen geplant

Auch das RAV stellt fest, zunehmend Schwierigkeiten zu haben, Personen ab 42 Jahren zu vermitteln. Hansjürg Dolder, Leiter des Amtes für Wirtschaft und Arbeit, bestätigt dies, sieht es aber weniger dramatisch. «Die allermeisten der älteren Stellensuchenden finden innert des bis zwei Jahre dauernden Leistungsbezuges bei der Arbeitslosenversicherung eine neue Anstellung», sagt er. «Allerdings können mit zunehmendem Alter Qualifikationen veralten, dies führt dann zu mehr Schwierigkeiten, eine neue Anstellung zu finden.» Dabei spiele der Lohn eine nicht untergeordnete Rolle. Konkret: Ältere Stellensuchende sind der Wirtschaft schlicht zu teuer, die Unternehmen rufen stattdessen lieber nach mehr Einwanderern.

Dass Maurice keine Umschulung zum Lastwagenchauffeur bewilligt bekam, macht für Dolder Sinn. Erstens gebe es schon genügend arbeitslose Lastwagenchauffeure, mit Fahrausweis und Berufserfahrung. Andererseits sei dieser Job mit körperlichem Einsatz verbunden, was für einen Mann Schulterhandicap nicht ideal sei.

Mit einem Fonds zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit will die basel-städ­tische Regierung Gegensteuer geben. Eine Finanzspritze von 10,5 Millionen Franken soll helfen, mittels Projekten und Massnahmen die Jugendarbeits­losigkeit zu senken sowie die Re­­integration von Langzeitarbeitslosen zu fördern. Trotz Geld bleibt die Auflage bestehen, arbeitsmarktliche Massnahmen nur dann zu finanzieren, wenn sich dadurch die Chancen auf eine Stelle erhöhen.

Für den ehemaligen AWA-Mitarbeiter klingt das zwar gut, aber in der Praxis würde das selten eingehalten. «Ich sehe nicht ein, warum ein 59-jähriger Italiener, der sein Leben auf dem Bau verbracht hat und kaum Deutsch kann, plötzlich Deutschkurse belegen muss. Dieser Mann ist kaum zu vermitteln, und man sollte mit ihm mehr in Richtung Pensionierung arbeiten», sagt er. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.11.2014, 07:33 Uhr

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