Basel

Umzingelt von «Sicherheitsexperten»

Von Markus Melzl. Aktualisiert am 22.10.2012 18 Kommentare

Vor den Wahlen überbieten sich die Kandidaten gegenseitig mit Vorschlägen, wie man die Sicherheitslage in Basel verbessern könnte. Doch wieso fragt niemand bei den echten Experten nach?

Sicheres Basel. Das Thema Sicherheit beschäftigt die Basler Politik: Noch-Sicherheitsdirektor Hanspeter Gass, Grossrätin Tanja Soland (SP), Sebastian Frehner (Präsident SVP Basel-Stadt) sowie die beiden FDP-Regierungsratskandidaten Baschi Dürr und Christophe Haller (von links).

Sicheres Basel. Das Thema Sicherheit beschäftigt die Basler Politik: Noch-Sicherheitsdirektor Hanspeter Gass, Grossrätin Tanja Soland (SP), Sebastian Frehner (Präsident SVP Basel-Stadt) sowie die beiden FDP-Regierungsratskandidaten Baschi Dürr und Christophe Haller (von links).

Markus Melzl ist ehemaliger Medienchef der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt und Kriminalkommissär. Er schreibt regelmässig in der BaZ über Kriminalität und Sicherheit.

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Nachdem sich viel zu lange unzählige Partei- und Politikverantwortliche der Sicherheitsdiskussion entzogen haben, mutieren nun gegen Ende des Wahlkampfes unzählige zu veritablen Sicherheitsspezialisten. Da wird den Bewohnerinnen und Bewohnern erklärt, wie die Sicherheit in Basel gewährleistet und dort, wo sie Mängel aufweist, wieder hergestellt werden kann. Es macht leider den Anschein, dass viele dieser «Experten» einfach mal auf diesen Zug aufspringen und irgendwelche Allerweltsmittel preisen, ohne sich je mit der Materie befasst zu haben. Die Diskussion geht so weit, dass eine Partei der anderen vorwirft, sie hätte ihr das Sicherheitsthema gestohlen. Frei nach dem Motto: «Dies ist mein Sandkasten und darin darfst du nicht spielen.»

Wenn jemand Regierungs- oder Grossrat werden möchte und sich um die Sicherheit der Bevölkerung Sorge macht, dann ist dies auf jeden Fall lobenswert. Lobenswert wäre es aber in Anbetracht dieser Erkenntnis, dass die oder der Interessierte effektiv mit den Verantwortlichen von Polizei und Staatsanwaltschaft Kontakt aufnimmt, welche tagtäglich für eben diese Sicherheit zu sorgen haben, um sich schlau zu machen, wie denn die Sicherheitslage nachhaltig verbessert werden könnte. Aber dies ist offensichtlich viel zu wenig spektakulär, weil man ja selbst der Menschheit die alles umfassende Lösung präsentieren möchte.

Bürgerwehren und Peffersprays

Da klärt uns eine Politikerin über das korrekte Vorgehen bei häuslicher Gewalt auf, während andere gratis Schrill-Alarme oder Pfeffersprays an die weibliche Bevölkerung abgeben möchten. Manche sehen die Lösung darin, kriminellen Ausländern das Mobiltelefon wegzunehmen und drohen mit Bürgerwehren, während andere Parteien Selbstverteidigungskurse anpreisen oder davon ausgehen, dass mit einer umfassenden Sozialpolitik sämtliche Sicherheitsprobleme auf einen Schlag gelöst werden könnten. Schlussendlich wird von einigen Personen und Medien die Meinung vertreten, dass die Kriminalitätsbedrohung ein aus der Luft gegriffenes Konstrukt wäre, welches vom politisch rechten Lager unlauter bewirtschaftet wird. Vermisst wird aber gerade während der heissen Wahlkampfphase der unaufgeregte Umgang mit den Themen Sicherheit und Kriminalität. Wieso fragen Politikerinnen und Politiker nicht die echten Experten, wie denn die Sicherheitslage – dazu gehört auch das subjektive Sicherheitsgefühl – zu verbessern wäre? Die Antwort könnte lauten, dass dies und jenes sehr wohl verbessert werden könnte, aber dass dafür mehr Personal zur Verfügung gestellt werden müsste. Da solche Budgetposten jeweils stark zu Buche schlagen, büsst das Sicherheitsthema spätestens dann massiv an Attraktivität ein. Mit ein paar gratis an Frauen verteilte Trillerpfeifen ists halt nicht getan.

Vor vielen Jahren arbeitete ich als junger Kriminalist beim Betäubungsmitteldezernat als Rauschgiftermittler. Da uns nur ein einziges Dienstfahrzeug zur Verfügung stand, beantragten wir ein zweites Auto, das uns die Politik aus Budgetgründen nicht bewilligte. Einige Zeit später übergab man uns ungefragt einen funkelnagelneuen Roller der Marke Vespa – wohl als Trostpflaster für den budgetpolitischen Entscheid. Und da bestaunten wir «Rauschgiftler» das Geschenk im Wissen, dass dieses unbrauchbar ist. Den festgenommenen Drogenhändler für die Fahrt ins Gefängnis einfach mal schnell auf den Sozius zu verfrachten, wäre wohl etwas gar abenteuerlich gewesen. So setzten wir die Vespa äusserst selten für gelegentliche Botenfahrten ein, bis schliesslich ein Arbeitskollege, wohl wegen fehlender Fahrroutine, stürzte und sich verletzte. Von da an gammelte das Gefährt vor sich hin und musste irgendwann in aller Stille entsorgt werden.

Mehraufwand zahlt sich aus

Dieses Geld hätte man sich sparen können, wenn die Finanzverantwortlichen nicht zu überheblich gewesen wären, die Praktiker von der Front in die Entscheidungsfindung miteinzubeziehen. Mit diesem Beispiel will ich aufzeigen, dass man keine Modelle entwerfen sollte, von denen man nicht weiss, ob diese in der Praxis auch wirklich etwas taugen. Politikerinnen und Politiker müssten sich von den Spezialisten der Polizei aufzeigen lassen, wo Sicherheitsdefizite bestehen und wie diese behoben werden können. Ganz unaufgeregt, ohne die Situation zu bagatel­lisieren oder aufzubauschen.

Eines muss jedoch bedacht werden: Auf diese Weise aufgeklärte Politiker könnten dann plötzlich Widersprüchlichkeiten in ihren Parteiprogrammen erkennen und müssten wohl da und dort ihre Linientreue hinterfragen. Schaden würde es nichts, und der Dank der Bevölkerung wäre ihnen gewiss. Sicherheit gibt es nie zum Nulltarif, wobei sich der finanzielle Mehraufwand garantiert auszahlen wird. Dieser Nutzen dürfte weitaus höher ausfallen als die damals eingesparte Differenz zwischen dem Kaufpreis eines Autos und unserer «Rauschgift-Vespa». (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.10.2012, 13:43 Uhr

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18 Kommentare

Imsail Tütüncü

22.10.2012, 14:13 Uhr
Melden 81 Empfehlung 9

Gewisse Politiker verschliessen schon seit Jahren aus parteiplotischen Gründen ihre AUgen vor der Realität. Die wollen gar nicht von wahren Experten informiert werden, sonst müssten sie ihre eigene Partei in Frage stellen oder gar ihre Partei wechseln. Antworten


Wolfgang Fuerst

22.10.2012, 15:44 Uhr
Melden 56 Empfehlung 23

Mehr kriminelle ausschaffen=weniger kriminelle die hier frei herumlaufen=weniger verbrechen die hier passieren=weniger opfer von verbrechen(weniger vergewaltigte Frauen,weniger verprügelte Leute,weniger einbruchs opfer,wenier mord opfer etc.)=mehr sicherheit für uns alle und eine erhöhung der lebensqualität für uns alle. Antworten



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