Basel
«Veganer sind toleranter als Fleisch-Esser»
Interview: Alexander Müller. Aktualisiert am 20.09.2012 117 Kommentare
Jens Hermes ist seit wenigen Monaten Veganer.
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Der Studierendenrat der Körperschaft der Universität Basel will durchsetzen, dass in der Mensa künftig weder Fleisch noch Fisch angeboten wird. Initiant dieser Idee, die derzeit auf baz.ch emotional diskutiert wird, ist der 29-jährige Chemiedoktorand Jens Hermes. Der Deutsche ist seit Mitte Januar überzeugter Veganer und will nun auch seine Kommilitonen an der Uni dazu motivieren, auf Fleisch und andere tierische Produkte zu verzichten.
Herr Hermes, warum braucht es ein Fleischverbot in der Uni-Mensa?
Wir sprechen nicht von einem Verbot, sondern von einem fleischfreien Angebot. Wir wollen den Leuten nicht grundsätzlich verbieten, Fleisch zu essen. Nur die Uni-Mensa soll es nicht mehr anbieten.
Faktisch ist es aber ein Verbot. Die Leute dürfen in der Mensa kein Fleisch mehr essen. Nochmals: Warum ist das nötig?
Wir haben schon mehrfach versucht, die Mensabetreiber zu bewegen, ein veganes Menu anzubieten. Bisher ohne Erfolg. Darum versuchen wir es jetzt auf diesem Weg. Ausserdem hat die Uni seit Januar 2012 eine Fachstelle für Nachhaltigkeit und es gibt sogar einen Master in nachhaltiger Entwicklung. Das Thema ist in aller Munde - die Uni kann mit einer vegan-vegetarische Mensa ein starkes Zeichen setzen.
Was bedeutet vegane Ernährung überhaupt?
Das bedeutet, dass durch meine Ernährung keine Tiere leiden und sterben müssen.
Wollen Sie nun ihren Lebensstil allen Kommilitonen verordnen?
Nein, überhaupt nicht. Wir möchten aber, dass die Mensa nachhaltiger produziert. Und dass die Mitstudenten ihren Lebensstil überdenken.
Waren Sie denn bisher durch ihren Lebensstil eingeschränkt?
Vegetarische Ernährung war bisher in der Mensa schon möglich. Aber wir Veganer waren beim aktuellen Angebot fast immer ausgeschlossen. Das vegetarische Angebot war zu 99 Prozent nicht vegan. Die Teigwaren zum Beispiel sind immer mit Ei.
Leiden Eier, wenn sie gegessen werden?
Nein, aber die Hühner, die sie produzieren. Die Eier, die in der Mensa verwendet werden stammen immer aus Bodenhaltung. Zudem werden die männlichen Küken gleich nach der Geburt aussortiert und vergast, weil sie nicht gebraucht werden. Oder sie landen im Mixer und werden lebendig zerhackt.
Hätte man nicht einfach auch fordern können, dass die Mensa biologischer und nach nachhaltigeren Kriterien einkauft?
Das reicht nicht. ‹Bio› betrifft vor allem das Futter, das verwendet wird und allenfalls die Haltung. Sonst ist nichts besser: Auch die Produktion von Biofleisch ist energieintensiv und braucht Unmengen von Wasser. Bei der Biohaltung ist das sogar noch schlimmer. Und: Auch Bio-Tiere werden geschlachtet. Und dabei sind viele Tiere noch bei vollem Bewusstsein, wie aktuelle Studien zeigen. Die Tiere bluten, zucken und kämpfen um ihr Leben. Das sind schreckliche Bilder.
Der Mensch ist von Natur aus ein Fleischfresser.
Jein. Wir sind Allesfresser. Von der Bauart des Magens und des Gebisses her deutlich näher an den Pflanzenfressern als an den Raubtieren dran. Auch die typischen Instinkte der Fleischesser fehlen uns. Wir können also Tiere essen, müssen aber nicht. Wie in allen anderen Lebensbereichen sollten wir uns auch bei der Ernährung für die gewaltfreie Option entscheiden. Wer Tierquälerei - d.h. die unnötige Gewalt gegen Tiere - ablehnt, kann keinem Tier zu unnötigen kulinarischen Zwecken ein Messer in die Kehle rammen lassen.
Sie essen auch keine Milchprodukte. Fordern sie demnächst ein Verbot von Fondue und Raclette?
(lacht) Nein, keine Sorge. Zwar wäre das konsequenter, aber für uns ist der Verbleib der Milchprodukte in der Mensa ein anzustrebender Kompromiss.
Was bedeutet persönliche Freiheit für Sie? Zählt das noch etwas?
Ja, auf jeden Fall. Die Freiheit des Einzelnen hört aber dort auf, wo die Freiheit eines Anderen eingeschränkt wird. Zu den Anderen gehören für mich aber auch die Tiere. Wenn die Mensa Fleisch anbietet, wird die Freiheit der Tiere massiv beschnitten.
Früher kämpften Studenten für Toleranz und Offenheit. Nun rufen sogar die Studierenden nach Regulierung, Verboten und Bevormundung. Wollen Sie eine Verbotsgesellschaft?
Für mich sind Tiere empfindungsfähige Wesen. Warum glauben so viele Menschen, dass Tiere nicht fühlen können und keine Persönlichkeit haben? Schweine können sich sogar im Spiegel erkennen. Tiere haben unglaublich viele Fähigkeiten. Gerade weil wir Tierleid verhindern wollen, sind wir toleranter – nämlich den Tieren gegenüber. Jeder ist doch heute gegen Tierquälerei. Warum dürfen wir dann Tiere essen? Es gibt keine Gründe, die das rechtfertigen.
Warum müssen alle Fleischliebhaber wegen ein paar Veganer ihren Lebensstil umstellen?
Müssen Sie ja gar nicht. Sie müssen die Mensa deswegen nicht meiden. Nur dass es kein Fleisch gibt, heisst ja nicht, dass das Essen in der Mensa schlechter wird. In zwei Jahren wird es für alle normal sein, dass es hier kein Fleisch gibt. Es würde Ihnen nicht einmal auffallen. Ich bin fest davon überzeugt, dass das neue Mensakonzept auf Begeisterung stossen wird.
Tiere schlachten ist böse. Der Gemüseanbau ist auch nicht über alle Zweifel erhaben. Stichworte: Dünger, Monokultur und Wasserverbrauch. Und der Transport von Tomaten oder Bananen verschmutzt die Umwelt. Essen wir künftig nur noch Kartoffeln und Lauch aus dem eigenen Garten?
Es wäre schön, wenn die Mensa saisonal und nachhaltig einkaufen würde. Im Sommer ist das sicher kein Problem. Im Winter wäre die Auswahl aber wirklich etwas dünner. Doch das soll die Mensa selbst entscheiden. Der grösste Effekt auf die Nachhaltigkeit hat man aber durch den Verzicht auf Fleisch. Auch Organisationen wie UNO und WWF betonen, dass der Fleischkonsum reduziert werden muss, damit wir unser Energie- und Wasserproblem auf dem Planeten in den Griff kriegen.
Ist nicht das eigentlich Problem, dass es zu viele Menschen gibt? Soll bald das Kinderkriegen verboten werden?
Das ist eine abwegige Idee und würde das Problem nicht lösen. Der Mensch würde auch dann noch über die Stränge schlagen, wenn wir die Weltpopulation halbieren würden. Es geht nur über ein verändertes Verhalten.
Sie haben mit ihrer Forderung in ein Wespennest gestochen.
Ja, durchaus. Wir haben aber mehrheitlich gute Reaktionen. Viele sind froh, dass wir ihnen mit unserer Aktion einen Denkanstoss geben.
Sind sie nicht ein wenig über das Ziel hinausgeschossen?
Im Gegenteil. Die Leute beschäftigen sich damit. Das ist sehr gut. am liebsten hätten wir natürlich, wenn die Mensa gleich komplett auf tierische Produkte verzichten würde. Aber uns ist bewusst, dass dies im Moment eine zu grosse Umstellung bedeuten würde. Deshalb sind wir auch mit einer ‹nur› vegetarischen Mensa zufrieden. Ich glaube, diese Veränderung wird von den Studierenden gut angenommen. Je mehr Leute sich mit dem Thema beschäftigen, desto mehr werden unsere Argumente überzeugend finden. Die Argumente sind einfach erschlagend.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.09.2012, 15:02 Uhr
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117 Kommentare
Wenn Minderheiten über die Mehrheit bestimmt wird's ungemütlich. Aus der EU-, Bankenkrise, und den vielen Religionskriegen nichts gelernt. Extremisten, egal welcher Gesinnung, bringen die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht.
In Teilen von London dürfen keine christlichen Symbole ausgestellt werden, an der Uni darf kein Fleisch mehr gegessen werden... das sind ja tolle Aussichten.
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