Basel
Von Moçambique in die Basler Clubs
Interview: Joel Gernet. Aktualisiert am 01.04.2011
Über Viva con Agua
Viva con Agua ist ein gemeinnütziger Verein, der sich in der Schweiz seit 2009 für die Trinkwasserversorgung in Entwicklungsländern einsetzt. Begründet wurde die Initiative 2005 in Hamburg von Benjamin Adrion, einem ehemaligen Mittelfeldspieler des FC St. Pauli.
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Einen Tag vor der Basler Fasnacht ist Danielle Bürgin – bekannt als Musikchefin bei Radio Basilisk – aus Moçambique zurückgekehrt, wo sie mit ihrer Organisation Viva con Agua Schweiz (VcA) am Aufbau von Trinkwasserbrunnen beteiligt ist. Kurz nach der Afrika-Reise steht für die noch junge Organisation bereits das nächste Highlight an: Der zweite VcA-Geburtstag an der BScene.
Danielle Bürgin, am Freitag präsentiert Viva con Agua die BScene-Konzerte in der Reithalle der Kaserne mit den Indie-Bands Featherlike, Sheila She Loves You und Venetus Flos. Wie kommt es dazu?
«Viva con Agua» ist seit 2009 Partner der BScene. Wir sind alle Musikfans und wollen unsere Aktionen so häufig wie möglich mit Konzert- und Kultur-Events verbinden. Hinzu kommt, dass der Verein Viva con Agua Schweiz damals 2009 an der BScene offiziell gegründet wurde. Beim Konzert von Greis durften «Viva con Agua»-Gründer Benjamin Adrion – Ex-Profifussballer bei St. Pauli – und ich auf die Bühne. Wir haben damals das erste Mal vor Schweizer Publikum von unserer Trinkwasser-Initiative erzählt und so unsere Geburtsstunde in Basel gefeiert.
Neben den Konzerten in der Reithalle ist VcA in der Kaserne auch mit der Aktion «KEIN Wasser - KEIN Spass» präsent. Was hat es damit auf sich?
Wer kein Wasser hat – hat keinen Spass. Kaffee-Kochen ohne Wasser ist kein Spass. Die morgentliche Nass-Rasur ohne Wasser ist kein Spass. Und wie will man sich nach dem Joggen unter der Dusche abkühlen, wenn kein Wasser da ist? In der Schweiz kann sich niemand richtig vorstellen, wie es wäre, wenn kein Wasser aus dem Wasserhahn laufen würde. 900 Millionen Menschen weltweit leben jedoch ohne sauberes Wasser – müssen dreckiges Wasser trinken, das sie oft von weit her ins Dorf tragen. Ohne auf die Tränendrüse drücken zu wollen, möchten wir das den Menschen hier wieder ins Bewusstsein rufen. Sie sollen an der BScene bei unserem Shooting mitmachen und Szenen nachstellen, bei denen Wasser fehlt: Zum Beispiel Gummiboot-Fahren ohne Wasser, Spaghetti kochen ohne Wasser, in einen leeren Pool springen und so weiter.
Wie reagieren die Leute, wenn man sich an einem Konzert für eine Wohltätige Sache einsetzt?
Viva con Agua verbindet helfen immer mit Spass. Traurige Bilder von durstigen Kindern wollen wir nie verwenden. Wir wollen zeigen, dass das Resultat – also Trinkwasserprojekte – unser Ziel ist. Wir kämpfen nicht gegen den Durst, sondern für eine Welt ohne Durst. Wenn man den Leuten zeigt, dass sie an einem Festival sehr wohl tierischen Spass haben können und trotzdem was Gutes tun können, kommt das meistens gut an. Wir wollen mit originellen, spielerischen Aktionen die Leute motivieren, mitzumachen. Ein Beispiel ist unsere Jagd nach Depotbecher. Der Festivalbesucher wird aufgerufen, seinen Becher in unsere Sammel-Tonnen zu werfen – was meistens zu einer Art Basket-Ball-Spiel führt. Zwei Franken Depot sind bereits 3 Liter sauberes Trinkwasser...
Einen Tag von der Basler Fasnacht sind Sie, zusammen mit 12 weiteren VcA-Mitarbeitern, von Moçambique zurückgekehrt. Wie gross war der «Kulturschock» zwischen Afrika und Fasnacht?
Der Kulturschock war eigentlich gar nicht so gross: wir haben in Afrika ständig Musik in den Ohren gehabt – das ist ja an der Fasnacht auch so :-) Nachdenklich gestimmt hat mich eher der Überfluss hier: hunderte Liter Bier, die in einer Beiz ausgeschenkt werden, tausende von Würsten, die über den Grill wandern – so etwas fällt auf, wenn man vor kurzem noch Kinder beobachtet haben, die sich zu dritt ein kleines Stück Brot teilen.
Was war das Ziel der Reise?
Wir wollten, dass die Aktivisten von Viva con Agua sehen, warum es sich lohnt, sich ehrenamtlich für so eine Organisation einzusetzen. Wenn man die Brunnen sieht, die wir finanziert haben. Wenn man sieht, wie sich die Menschen dort über das saubere Wasser freuen – dann steigt die Motivation, in der Schweiz weiter aktiv zu bleiben. Ziel war aber auch für die Spender, Transparenz zu schaffen. Die Bilder und Reiseberichte sind der Beweis, dass das Geld am richtigen Ort ankommt. Viva con Agua will so wenig wie möglich Geld in die Verwaltung stecken. Darum hat jeder Reiseteilnehmer auch seine Reise privat finanziert.
Wie realisiert man über diese Distanz den Bau von Brunnen? Der Schritt von der Spende an einem Schweizer Konzert bis zum fliessenden Trinkwasser in Moçambique ist ja kein kleiner.
Viva con Agua hat zum Grundsatz, dass es sich lohnt, für den Brunnenbau einen seriösen Projektpartner auszuwählen. In der Schweiz ist das Helvetas. Die Organisation hat seit über 40 Jahren Wasser als Schwerpunkt in der Entwicklungszusammenarbeit. Diese Erfahrung hilft uns, unsere Arbeit so effizient wie möglich ausführen zu können. Helvetas hat in Moçambique Spezialisten vor Ort. Leute aus der Schweiz, vor allem aber auch Experten aus dem Land. Die Zusammenarbeit mit den Leuten im Dorf ist wichtig: jeder soll fühlen, dass er mitverantwortlich ist, dass so ein Brunnen gebaut und später auch gepflegt wird. Für dies werden spezielle Brunnen-Kommitees gegründet.
Welche Eindrücke hat die Reise bei Ihnen hinterlassen?
Wahnsinnig viele. Wir haben die Leute kennengelernt, die aus «unseren» Brunnen trinken. Wir haben die Kultur und das Land kennengelernt. Das sind Dinge, die wichtig sind für das Verständnis und für unsere eigene Freude an der Arbeit. Weiter beeindruckt hat mich aber auch der Stolz dieser Menschen auf ihre Dorfgemeinschaft, auf ihre Kultur. Das ist etwas, wo wir uns ein Stück abschneiden können davon.
Ebenfalls zur Reisedelegation gehörte der Berner Rapper und Wahlbasler Greis. Was war seine Aufgabe?
Greis unterstützt Viva con Agua in der Schweiz seit seiner Entstehung. Er gibt Konzerte für uns, ruft zu Sammelaktionen auf und sensibilisiert die jungen Menschen auf das Thema Trinkwasserknappheit. Es war wichtig für ihn, zu sehen, dass die Depotbecher-Sammelaktion auf den Festivals tatsächlich direkt in Moçambique etwas bewirken. Wir wollten auch für ihn Transparenz schaffen. Er selber hat jedoch als Botschafter von Viva con Agua die Reise begleitet, hat sogar in unserem Namen ein Konzert vor über 2000 Menschen gegeben.
Und wie war dieses Konzert mit dem bekanntesten lokalen Rapper Azagaia?
Das Konzert war ein Feuerwerk. Auch wenn die Leute in Moçambique hauptsächlich portugiesisch sprechen und somit die Texte von Greis nicht verstanden, haben sie mitgefeiert und sind praktisch ausgeflippt. Der Auftritt von Azagaia war dann ebenso mitreissend. Azagaia und Greis haben sich prächtig verstanden: die Themen, die einen Schweizer Concient Rapper beschäftigen, sind zum Teil gar nicht so verschieden von den Themen, über die ein bewusster Rapper wie Azagaia rappt.
Wie waren die Begegnungen mit der Lokalbevölkerung? Gab es eine gewisse Zurückhaltung gegenüber den «Helfern aus der Schweiz»?
Wir wurden sofort offen empfangen. Die Menschen in Afrika sind nicht schüchtern. Sie sind stolz auf das, was sie haben, und teilen das gerne. Wir haben gemeinsam gegessen, haben gemeinsam getanzt und gefeiert und natürlich gemeinsam vom Wasser getrunken, welches aus den «Viva con Agua»-Brunnen fliesst. Wir haben aber auch direkt bei den Familien im Dorf übernachtet, was extrem spannend war. Der Tagesablauf im Dorf unterscheidet sich schon sehr von einem Büroalltag in Basel. Während ich hier meist nicht vor sieben aufstehe, wurde ich in Afrika zum Teil bereits um fünf wach, weil die ersten mit den ersten Arbeiten anfingen.
Wo haben Sie die grössten Parallelen zu uns Schweizern ausgemacht? Wo die bemerkenswertesten Differenzen?
Die Parallele war ganz klar, dass unsere «Delegation» eine enorme Begeisterung für Musik hat – gemeinsam ein Konzert zu geniessen und die Künstler abzufeiern – das verbindet. Unterschiede merkt man zum Teil, wenn es um die Geduld und das Zeitgefühl geht. Wir Menschen aus der Schweiz sind oft im Zeitdruck und lassen uns stressen. Dies ist in Afrika definitiv fehl am Platz. Mich hat beeindruckt, wie schnell ich mich dort wohl gefühlt habe. Wie gastfreundlich die Leute waren und dass Viva con Agua in Moçambique einen wunderschöner Platz Erde hat entdecken dürfen - für den es sich absolut lohnt zu kämpfen. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.04.2011, 13:06 Uhr
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