Wer ist diese nackte Frau?

Mit ihrer Nackt-Performance an der Art Basel hat sich die Schweizerin Milo Moiré erneut ins Rampenlicht katapultiert. Aber wer verbirgt sich hinter der wohlgeformten Kunstfigur? Der Versuch einer Annäherung.

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Milo Moiré hat sich entblösst und alle haben zugeguckt. Blossgestellt wurde aber nicht die Schweizer Konzeptkünstlerin, viel eher waren es die geifernden Gaffer, die Damen mit ihren giftigen Blicken und all jene, die in Anbetracht dieser wandelnden Venus einfach nur strahlten. Naja, die Medien natürlich auch.

Während Moiré ihre Nackt-Performance unbeirrt durchzog auf der Strasse, im Tram und vor den Hallen der Art Basel und dabei tat, als trage sie Kleider, kehrten die Passanten mit ihren verdutzten Gesichtern instinktiv ihr Innerstes nach Aussen. Zumindest für ein paar Sekunden. Ein krasser Kontrast zu Moiré, deren nackte Hülle im Zusammenspiel mit ihrer eisernen Miene wie ein Schutzpanzer wirkte, der alles abprallen lässt.

Moirés Schweizer Geheimnis

Wer ist diese nackte Frau, deren Äusseres unsere Aufmerksamkeit dermassen absorbiert, dass das Wesen hinter der Kulisse kaum erkennbar ist? Ein Redaktionskollege fragte mich, wie Moiré geduftet hat. Als hätte ich sie riechen können wie der Kannibale Hannibal Lecter das Geschlecht von Kommissarin Clarice Starling im Psycho-Thriller «Das Schweigen der Lämmer». Gerochen habe ich nichts ausser dem Schweiss der anderen Journalisten. Miro Moré wirke «antiseptisch», keim- und geruchlos, befand der Kollege schliesslich. Er hat recht. Der nackte Körper der 31-Jährigen wirkt künstlich wie eine plastifizierte Plastikhülle, desinfiziert durch die aufgemalten Wörter. Weder Blicke noch Bakterien können ihr was anhaben. Und wieder prallen wir am Schutzpanzer ab.

Fokussieren wir uns also auf das Gesagte. Milo Moiré kann nämlich auch reden. Sie tut dies mit einer Mischung aus künstlerischem Intellekt und kindlicher Naivität. Schweizerdeutsch spricht sie fliessend und sauber in einem Dialekt, der irgendwo in der Zentralschweiz angesiedelt werden könnte. Ihre genaue Herkunft will die Schweizerin mit Verweis auf ihre «Privatsphäre» nicht verraten. Dass die Künstlerin in Interviews lieber Hochdeutsch als Schwizerdütsch redet, sagt auch etwas aus. Zum Beispiel, dass sie auch die deutsche Kunstwelt erreichen will. Gelandet ist sie mit ihren Nackt-Aktionen aber vor allem auch im Boulevard, wo es eher um Künstlichkeit als um Kunst geht.

Die kleiderlose Akademikerin

Diesbezüglich weckt Moiré Erinnerungen an das deutsche Discountmodel Micaela Schäfer, früher bekannt als Kandidatin von Heidi Klums Topmodel-Show, heute eher dafür, ziemlich nackt in der Gegend rumzustelzen und ihre Schnabellippen im Blitzlicht zu sonnen. Der Vergleich hinkt nicht nur wegen den Worthülsen an Moirés Kunst-Körper. Im Gegensatz zur fast gleichaltrigen Schäfer kann die Schweizer Konzeptkünstlerin nicht nur ihre Kurven, sondern auch ihren Mund zu ihrem Vorteil einsetzen – und das ist jetzt nicht doppeldeutig gemeint.

Doch was ist dran an den blumigen Begriffen, mit denen Moiré ihre Basler Performance «The Script System» beschrieb? Wortwerke wie «Schwellenzustand», «stereotypes Handeln aufbrechen» oder «aus der Alltagsblindheit wachrütteln». Gemessen an den Reaktionen der Passanten ist dies Moiré durchaus gelungen. Aber mit welchem Hintergrund interpretiert die Konzeptkünstlerin ihre Aktionen? Moirés Homepage bietet Erhellendes. So erfährt man etwa, dass sie an der Uni Bern Psychologie mit Schwerpunkt Kognition, Wahrnehmung und Neuropsychologie studiert hat. Bestmöglich abgeschlossen mit dem Prädiukat magna cum laude.

Schon als Kind habe sie lieber gemalt, als mit Puppen zu spielen. Heute ist Moiré selber eine Art Kunstpuppe. Weiter erfahren wir, dass die Schweizerin mit spanisch-slovakischen Wurzeln 2006 ein Erweckungserlebnis hatte, als sie ein Radiointerview mit Marina Abramovic hörte. Das ist die Übermutter aller Performance-Künstlerinnen. Deren Mut und künstlerische Kraft beeinflussten Moiré so nachhaltig, dass sie kaum ein Interview gibt, ohne auf Abramovic zu verweisen. Genauso gut könnte sich Moiré auch auf Lady Gaga beziehen. Wie die extrovertierte Popikone ist die Schweizerin fasziniert vom Sonderbaren und vom Verhalten der Mitmenschen – insbesondere von deren Reaktionen.

Die Muse und der Filmer

«Die Werke von Milo Moiré sind inspiriert von satirischen Bildern der Sexualität, geprägt vom Gefühl des Andersseins und der Bewunderung für moralische Distanz», heisst es auf der Künstlerpage weiter. Das zeigt sich auch in Moirés Bildern. Ja, die 31-Jährige malt auch Bilder. Und zwar nicht nur mit Farb-Eiern, die aus ihrer Vagina plumpsen. Viele ihrer krakeligen Skizzen sind ein scheinbar willkürlich angeordnetes Gewirr an Strichen, in dem man auf den zweiten Blick diverse frivole Anspielungen ausmacht. Es sind die gleichen Körperteile, die bei der Performance in der Basler Innenstadt für Furore gesorgt haben – mit ihrer Abstraktheit sind die Bilder quasi die Antipode zur plakativen Provokation von Moirés Performances.

Im Gegensatz zu ihrer Schweizer Herkunft macht die Künstlerin aus ihrem aktuellen Wohnort kein Geheimnis: Sie lebt und arbeitet in Düsseldorf. Gemeinsam mit ihrem Lover, dem deutschen Fotografen Peter Palm (das ist sein Kunstname), der ihre Aktionen mit der Kamera begleitet und der Moiré als seine Muse bezeichnet. Irgendwie wirkt das Gespann wie Tenniscrack Patty Schnyder und ihr Trainer, Liebhaber und «Heiler» Rainer Harnecker, damals, als sie noch ein Herz und eine Seele waren.

Mit drei Performances ins Rampenlicht

Anfang 2013 war Milo Moiré eine weitgehend unbekannte Künstlerin mit abgeschlossenem Studium und langjähriger Kunsterfahrung. Heute, drei aufsehenerregende FKK-Performances später, kennen Menschen aus aller Welt ihre wohloperierten Brüste und ihren perfekten Po. Vielleicht sogar ihre Kunst. Hier zeigt sich die Krux von Moiré: Die Nacktheit beschert ihr zwar unerhört viel Aufmerksamkeit und Medienpräsenz. Gleichzeitig aber rückt die Aussage ihrer Aktionen komplett in den Hintergrund. Es ist, als ob der Schutzpanzer ihrer nackten Hülle auch das Vordringen zum Kern ihrer Kunst verhindert.

Auch wenn der Nackten der Eintritt in die heiligen Hallen der weltweit wichtigsten Kunstmesse verwehrt blieb, profitiert hat Moiré trotzdem: An der Art Basel ist Kunst Kommerz und Künstler sind Marken. Alle stehen sie im Kampf um Aufmerksamkeit. Zumindest am Donnerstagmorgen hat die Schweizer Konzeptkünstlerin diesen Kampf gewonnen. Gegen all die stummen Werke, die Zeit und Muse einfordern, um begriffen zu werden. Kunst entsteht im Kopf, der Rest ist Natur, Umwelt, Baustelle und Boulevard. Und was ist Moiré? (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.06.2014, 13:15 Uhr

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