Basel
Wer züchtet, muss auch töten
Von David Weber. Aktualisiert am 24.07.2010 29 Kommentare
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Trotz intensivem Austausch zwischen den Zoos muss der Basler Zolli immer wieder Jungtiere töten, für die er keinen Platz hat. Soll die Zucht eingeschränkt werden?
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Bären und Löwen
Die Nachricht, dass Nilpferd Farasi getötet und verfüttert werden könnte, sorgte im November 2008 für Empörung. Ein halbes Dutzend Facebook-Gruppen setzt sich für die Rettung des Hippos ein; die grösste hat 11'500 Mitglieder. In letzter Zeit ist es um Farasi ruhiger geworden. Dafür sorgen derzeit die beiden Braunbärenbabys Urs und Berna für Schlagzeilen (BaZ von gestern). Bis in anderthalb Jahren muss der Berner Bärenpark ein neues Zuhause für sie gefunden haben. Andernfalls müsste man sie einschläfern. Der Basler Zolli musste bereits im Jahr 2000 drei Bärenjungen töten. Damals noch mit einer Faustfeuerwaffe, wie die BaZ berichtete. Weitere aufsehenerregende Tötungen im Basler Zolli waren das Einschläfern von sechs Wildhundwelpen (2006) oder jenes von zwei Löwenbabys (2007).
Es war eine traurige Nachricht für den Basler Zolli. Panzernashorndame Quetta brachte letzte Woche ihr Kalb tot zur Welt (die BaZ berichtete). Aber die nächste Geburt bei den Panzernashörnern steht kurz bevor. Denn auch Ellora, Quettas Mutter, ist trächtig. «Wir rechnen mit der Geburt in den nächsten Tagen», sagt Tanja Dietrich, Sprecherin des Zoos Basel. Eine exakte Prognose sei natürlich nicht möglich. Sicher aber ist: Das Jungtier wird langfristig in Basel keine Zukunft haben, egal ob männlich oder weiblich. Nach einigen Jahren würde der Jungbulle zur Konkurrenz des Vaters werden. Bei einem Weibchen bestünde die Gefahr der Inzucht mit dem eigenen Vater.
Im Notfall, das heisst, wenn kein Platz in einem anderen Zoo gefunden wird, muss der Basler Zolli Jungtiere umbringen. Die Tötungsnachricht, oder allein deren Ankündigung, löst jeweils eine Welle der Empörung aus (siehe Kasten). Für das Panzernashornbaby sieht es aber nicht schlecht aus. «Bis jetzt war das Platzieren von jungen Panzernashörnern kein Problem», sagt Dietrich. Vor 54 Jahren gab es im Basler Zolli zum ersten Mal Nachwuchs bei den Panzernashörnern, seither kamen 32 Jungtiere auf die Welt. Laut Dietrich konnten alle platziert werden.
Töten, Kehrseite der artgerechten Haltung
Da sieht es für den bald zweijährigen Flusspferdbullen Farasi weniger rosig aus. «Wir suchen noch immer einen Platz für ihn», sagt Dietrich. Wenn überhaupt, wird das nur im Ausland der Fall sein. «Momentan kommen Vater, Mutter und Farasi alle noch gut miteinander aus», sagt Dietrich. Wann es zu Konflikten komme, sei schwierig zu sagen. Als Konkurrenz für das erwachsene Männchen wird Farasi wohl erst mit fünf werden. Im schlimmsten Fall droht Farasi die Giftspritze. «Die Tötung von Farasi steht aber noch nicht zur Diskussion», so Dietrich. Das Fleisch von manchen Zootieren, für die kein Platz gefunden wurde – dazu gehörten auch Ziegen und Mufflons – bleibe im zollieigenen Nahrungskreislauf. Das heisst: «Sie werden an Raubtiere verfüttert», so Dietrich. Ob das auch Farasi betreffen könnte, sei derzeit noch völlig offen.
Von der weltweit grössten Tierrechtsorganisation Peta werden die Zoos jeweils harsch kritisiert, wenn sie Nachwuchs töten. «Verlogen» und «skrupellos» nannte Frank Albrecht von Peta den Basler Zoo, der eine Nachzucht zugelassen hat und dann die mögliche Tötung von Farasi bedauert. Eine pragmatischere Haltung als Peta nimmt der Schweizer Tierschutz (STS) ein. «Unsere Grundsatzforderung ist», sagt Peter Schlup, Wildtierexperte des STS, «dass die Tiere in Zoos artgemäss gehalten werden.» Dazu gehöre auch die Möglichkeit der Fortpflanzung, die für Tiere ein zentraler Lebensinhalt sei. Allfällige Tötungen seien die Kehrseite davon.
Aber wie der Zoo Basel vertritt auch Schlup die Haltung: Als Ultima Ratio lieber töten, als die Tiere an einen Ort geben, wo sie nicht artgemäss gehalten werden. «Für die genetische und psychische Gesundheit der Tierbestände in den Zoos ist die Fortpflanzung unabdingbar», sagt Dietrich, und durch die Vernetzung der Zoos könne man die Inzucht minimieren. Trotzdem gehört das Einschläfern zum Zoo-Alltag. Aber werden Nager oder Ziegen im Zoo getötet oder ungeeignete Tiere in der Pferdezucht, gibt es kaum einen Aufschrei in der Öffentlichkeit. Bei Flusspferd- oder Bärenbabys hingegen schon.
Verantwortung übernehmen
Schlup fordert, dass die Zoos vorher klären, was mit dem Nachwuchs geschehe. «Dies tun die Zoos», entgegnet Dietrich. Weiter betont Schlup, dass Zoos die Tötungen ehrlich kommunizieren müssten, sodass die Besucher Vor- und Nachteile kennen. Das hat sich in den letzten zehn Jahren stark geändert, zuvor waren Tötungen in Zoos viel stärker ein Tabuthema.
«Zoos sind ein gesellschaftliches Bedürfnis und haben eine wichtige Funktion», ist Schlup überzeugt, etwa die Faszination und das Verständnis für Tiere zu wecken, was wiederum Projekten zum Schutz der Tiere in der Natur zugutekomme. Aber die Zoos müssten ihre Verantwortung wahrnehmen, fordert der Wildtierexperte. Das heisst: Vorbild in Sachen artgemässer Haltung sein und die Fortpflanzung nicht uneingeschränkt zulassen. (Basler Zeitung)
Erstellt: 24.07.2010, 09:01 Uhr
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29 Kommentare
Ich bin erstaunt, welche Vorstellungen gewisse Personen von der Natur haben. Die natürliche Umgebung ist effeltiv kein "Lebensraum", sondern ein "Todesraum" - und schon gar nicht ein Paradies. Man bedenke: Um das Überleben der Art in der Natur zu sichern, müssen, wenn einmal die Eltern sterben, mindestens zwei Nachkommen überlebt haben. Alle anderen (tausende oder millionen) sterben. vorher. Antworten
Überschuss durch Vermehrung ist ein Grundprinzip der Natur. Sonst hätte es keine Evolution gegeben (mit Mutation und Selektion!). Fortpfanzung mit dem dazugehörigen Verhalten der Aufzucht gehört elementar zu einer artgemäßen Haltung. Das Leben ist tierschutzrelevant - nicht der Tod. Jedes Lebewesen muss sterben. Als Futtertier lieber ein gut gehaltenes Zootier als eines aus der Massentierhaltung. Antworten
Basel
Familie, Beruf und Studium
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