Basel

«Wir haben ein ganz neues Konzept»

Interview: Christian Mensch. Aktualisiert am 29.03.2010 2 Kommentare

Das Naturhistorische Museum erfindet sich neu und will dafür auch ein neues Haus. Direktor Christian Meyer (54) erklärt, was ihm vorschwebt und was es dazu braucht.

Eine genaue Analyse. Christian Meyer will die
Sammlung erlebbar und nutzbar machen.

Mischa Christen

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Das Naturhistorische Museums erarbeitet ein neues Konzept, auf dessen Basis ein neuer Standort gesucht wird. Begrüssen Sie es, dass das Museum den Berri-Bau an der Augustinergasse verlassen will?

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BaZ: Herr Meyer, das Naturhistorische Museum sucht einen neuen Standort. Weshalb eigentlich?
Meyer: Es geht bei einem neuen Standort um ein völlig neues Konzept. Heute sind weniger als ein Promille der 7,7 Millionen Objekte ausgestellt. Was wir wollen, ist eine Art «Public Collection» eine Mischung von Sammlung und Ausstellung. Vielleicht die Hälfte der Sammlungsobjekte sollen für den Besucher zugänglich sein, und die Ausstellung soll als Arbeitsort von Wissenschaftlern sichtbar werden.

Sie wollen Forschung sichtbar machen?
Was wir wollen, ist die Sammlung begehbar, erlebbar und nutzbar machen. Konservatoren sollen zur Verfügung stehen, die Leute sollen selbst Schubladen herausziehen können. Und dieses Konzept ist an der Augustinergasse nicht realisierbar.

Weshalb nicht?
Die Sammlung befindet sich heute in fünf Untergeschossen.

Dann nehmen Sie sie doch hinauf.
Dazu fehlt es zum einen an Platz. Zum anderen geht es technisch nicht: Um etwa die Gesteinsbibliothek so zu präsentieren, wie wir es uns vorstellen, müssten wir eine Bodenbelastung von einer Tonne pro Quadratmeter nutzen können. Das hält der Berri-Bau nicht aus, und das neue Konzept muss das ganze Museum durchdringen.

Ihr Konzept scheint nicht dem Trend nach mehr Event-Kultur zu folgen?

Ein Event-Museum ist kein Museum, sondern ein Shoppingcenter. Wir haben einen Bildungsauftrag. Natürlich machen wir auch publikumswirksame Produktionen wie die Tiefseeausstellung. Genauso wichtig ist uns aber die Fliegenausstellung, die nie ein Publikumsmagnet sein wird.

Ist Ihr Konzept eine Neuerfindung?
Wir arbeiten seit zwei Jahren daran. Das Londoner Darwin Center geht auch in diese Richtung, wir wollen es aber viel konsequenter umsetzen.

Inwiefern?
Nach unserem Motto «Archive des Lebens» stehen die Objekte ganz im Zentrum. Wir schliessen eine Inszenierung nicht aus, doch eine Multivision kann jeder zu Hause auch machen.

Wie viel Fläche braucht das Konzept?
Wir haben den Raumbedarf intensiv studiert und sind auf eine Fläche von 17'000 m2 gekommen. Wenn wir von drei bis vier unterirdischen und fünf oberirdischen Stockwerken ausgehen, wird das Gebäude etwa eine Grundfläche von 1600 m2 und eine Gebäudehöhe von 25 Metern haben.

Auf der Heuwaage scheint nun das Ozeanium gesetzt. Fehlt Ihnen die Lobby?
Das nicht. Aber richtig ist, dass unser Museum nicht genügend als Kultur betrachtet wird. Das ist zwar falsch, da «cultura» begrifflich «pflegen», «bebauen» bedeutet – und nicht nur Kunst. Doch das ist nicht nur in Basel so.

Eine Lobby wie das Kunstmuseum können Sie nicht vorweisen.
Das ist auch nachvollziehbar: Mit unseren Objekten gibt es keinen Handel. Kunst kann man kaufen. Wir beherbergen geschützte Arten, für die es ein Handelsverbot gibt.

Mit dem Anliegen, Forschung sichtbar zu machen, wäre die Universität eigentlich Ihr idealer Partner?
Wie haben eine lange Tradition der Zusammenarbeit, und es gibt einen Trend, universitäre Museen zu gründen. Doch wir haben es nie angedacht.

Und weshalb nicht?
Es wäre eine gefährliche Positionierung. Internationale Erfahrungen zeigen, dass bei finanziellen Engpässen rasch beim Museum gespart wird.

Wie rasch brauchen Sie Planungssicherheit?
In diesem, spätestens im nächsten Jahr. Wir müssen aber realistisch sein und sehen, dass der politische Prozess seine Zeit braucht. Unser Planungshorizont liegt irgendwo zwischen fünf und fünfzehn Jahren.

Und in dieser Zeit?
Bis wir Gewissheit haben, arbeiten wir mit nicht invasiven Zwischennutzungen. Das heisst, wir sanieren die Säle und stellen hinein, was keine komplizierten Einbauten benötigt.

Sie leben in einer Baustelle?
Beim Berri-Bau muss man investieren, ob wir nun bleiben oder nicht. Da hat man so lange nichts gemacht.

Was sind die dringlichsten Probleme?
Die Schadstoffsanierungen, die wir Saal für Saal angehen. Das Gebäude hat aber teilweise auch keine Heizung. Doch ein Einbau ist energetisch nur dann sinnvoll, wenn wir später auch die Fenster und das Dach erneuern.

Was sind Ihre nächsten Schritte?
Wir müssen die Identität des Museums weiter stärken. Da sind wir seit der klaren Trennung vom Museum der Kulturen schon ein Stück vorangekommen. Dann werden auch Politiker sehen, dass wir ein eigenständiges Museum mit eigenständigen Problemen sind. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.03.2010, 07:31 Uhr

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2 Kommentare

Peter Ammon

29.03.2010, 14:04 Uhr
Melden

Basel muss in Sachen Kultur Prioritäten setzen. Brauchen wir all diese Neubau/Ausbau Projekte? Sollen wir eine Kunststadt sein, eine Musikstadt, oder eine Museumsstadt oder alles zusammen? Wir müssen uns immer wieder unserer Grösse bzw. Kleinheit bewusst sein und dass wir somit nicht dem Grössenwahn verfallen. Antworten


rudolf thoma

29.03.2010, 14:46 Uhr
Melden

@ Peter Ammon! Bravo Herr Ammon, sie sagen es absolut richtig, offensichtlich haben das einige Zeitgenossen noch immer nicht so ganz kapiert. Geld anderer auszugeben ist halt immer noch viel leichter als in die eigene Tasche zu greifen! Antworten



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