Basel

«Ziel sind noch 30 Jahre für Fessenheim»

Von Peter Schenk. Aktualisiert am 15.08.2011 27 Kommentare

Fessenheim-Direktor Thierry Rosso ist von der Sicherheit des elsässischen Atomkraftwerks Fessenheim überzeugt. Im BaZ-Interview nimmt er Stellung zur Kritik an seinem AKW.

Von der Sicherheit überzeugt: AKW-Direktor Thierry Rosso vor dem Fessenheim-Maschinenhaus, in dem sich Turbinen und Generatoren befinden.

Von der Sicherheit überzeugt: AKW-Direktor Thierry Rosso vor dem Fessenheim-Maschinenhaus, in dem sich Turbinen und Generatoren befinden.
Bild: Roland Schmid

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Seit der Katastrophe im japanischen Fukushima mehren sich die Forderungen, das elsässische Atomkraftwerk Fessenheim des französischen Betreibers Electricité de France (EDF) abzustellen. Es wurde Ende der 70er-Jahre in Betrieb genommen und ist damit das älteste noch in Betrieb befindliche Kernkraftwerk Frankreichs. Direktor Thierry Rosso (43) stellt sich der Kritik.

Herr Rosso, wie geht es Ihnen mit den Forderungen, das AKW Fessenheim abzustellen?
Der Unfall von Fukushima hat in unserer Nachbarschaft Fragen aufgeworfen. Ob das jetzt in Deutschland, der Schweiz oder etwas weniger im Elsass ist. Ich verstehe das, denn Fukushima war ein schwerer Unfall, den man nicht bagatellisieren darf. Auch wir, die AKW-Betreiber, stellen uns Fragen. Es gibt sicherlich ein Vor- und ein Nach Fukushima.

Worin besteht das?
Premierminister François Fillon hat ein Audit beschlossen und der Atomaufsichtsbehörde Autorité de Sûreté Nucléaire (ASN) den Auftrag gegeben zu untersuchen, was in den französischen Atomkraftwerken bei einem Unfall wie in Fukushima passieren würde. Es geht dabei um die fünf Themen Ausfall der Kühlung, der Stromversorgung, Erdbeben, Überschwemmung und Umgang mit einer Krise nach einem Unfall. Wir sind dabei, die Themen abzuarbeiten und werden der ASN im September unser Ergebnis vorlegen. Diese hat zwei Monate Zeit für ihre Stellungnahme. Voraussichtlich Ende Jahr äussert sich die Regierung.

Fukushima hat sich in einem Land ereignet, das hoch industrialisiert ist, an der Spitze der technischen Entwicklung steht und sehr viel Wert auf Sicherheit legt. Gerade deshalb sind die Menschen verunsichert. Verstehen Sie das?
Natürlich. Ich glaube, wir müssen uns etwas Zeit lassen, um zu verstehen, was wirklich in Fukushima passiert ist. In den Medien heisst es, man muss das Unvorhersehbare vorhersehen. Ich bin mir nicht sicher, ob das in Bezug auf Fukushima stimmt. Es soll schon 1933 in Japan einen 30 Meter hohen Tsunami gegeben haben – das ist gar nicht lange her. Die französische Gesetzgebung schreibt AKW-Betreibern vor, grosse Ereignisse in den letzten 1000 Jahren zu berücksichtigen. Deshalb setzen wir uns mit Jahrhunderthochwassern auseinander und beziehen uns auf das Referenzerdbeben von Basel von 1356. Die Frage ist nicht, ob Japan ein Land an der Spitze des technologischen Fortschritts ist, sondern ob das Anforderungsniveau ausreichend war. Jetzt gab es Tsunamis von 14 Metern Höhe und der AKW-Standort war auf Wellen von sechs bis sieben Metern ausgerichtet. Deshalb kann man sich fragen, ob der Unfall von Fukushima wirklich unvorhersehbar war. Die Roboter, die in Fukushima im Einsatz waren, kamen übrigens von EDF.

Aber in Bezug auf das Erdbeben von 1356 gibt es unterschiedliche Einschätzungen: In der Schweiz geht man von einer Stärke von 6,9 aus, EDF aber von 6,5. Deshalb ist man in der Schweiz überzeugt, dass das AKW Fessenheim einem Erdbeben wie dem von 1356 nicht standhalten kann.
Die Zahl 6,9 stammt von einem Genfer Institut, ist aber bei internationalen Erdbebenexperten umstritten. Aber selbst wenn wir von einem Beben der Stärke 6,9 ausgehen, wäre das kein Problem. Wenn wir alle Sicherheitsmargen einberechnen, die wir beim Bau des AKW berücksichtigt haben, könnten wir einem Beben der Stärke 7,6 standhalten.

Der Trinationale Atomschutzverband (Tras) kritisiert, dass Fessenheim ein kumuliertes Risiko von Deichbruch und Erdbeben nicht aushalten würde. Stimmt das?
Wir analysieren die Risiken alle zehn Jahre im Rahmen der Zehnjahresinspektionen neu und haben uns auch dem Thema Dammbruch gewidmet. Demnach würde der Damm auch bei einer Bodenbeschleunigung durch das Beben von 0,5 g halten, 1356 entsprach 0,2 g. Diese grossen Margen wurden nicht nur von dem EDF-Experten, sondern auch von deutschen Instituten bestätigt. Im Rahmen des Audits werden wir trotzdem erneut untersuchen, was eine Überschwemmung durch einen Dammbruch für Folgen für Fessenheim haben könnte.

Die ASN hat von Ihnen verlangt, den Betonsockel unterhalb des AKW zu verstärken. Ist das technisch machbar?
Die ASN hat uns bereits Ende 2009 aufgefordert, uns mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es ist also nicht neu für uns. Die Arbeiten sind machbar und die Kosten dafür halten sich im Rahmen. Mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen. Wir werden unsere Vorschläge bis Ende 2011 der ASN vorlegen.

Was sagen Sie zu Forderungen, den Schutzdamm zu erhöhen?
Der Damm am Rheinseitenkanal befindet sich sieben bis acht Meter oberhalb des AKW. Dieser Damm hält extremen Druck aus. Bei einem Beben wie Basel 1356 könnten sich allerdings die Betonplatten auf dem Deich bewegen, Wasser in die Ebene durchdringen und somit auch zum AKW. Für diesen Fall haben wir einen Schutzdamm um den Standort gebaut, der ungefähr 1,3 Meter hoch ist und verhindert, dass Wasser zum Standort durchdringt. Das Eindringen des Wassers durch den grossen Damm dauert ungefähr zwei Wochen. Zusätzlich haben wir einen Entwässerungskanal angelegt, der mit autonomen Dieselpumpen ausgerüstet ist.

Fessenheim wird aufgrund der grossen Zahl von Zwischenfällen kritisiert.
Es kommt darauf an, wovon man redet. Auf der internationalen Skala zur Einstufung von Zwischenfällen INES entspricht die Stufe 1 einer Störung. Davon hatten wir 2009 eine und 2010 drei. Damit befinden wir uns im Durchschnitt der französischen AKW. Die Stufe 0 bezeichnet lediglich Abweichungen vom selbst gesetzten Qualitätsstandard. Im jährlichen Bericht der ASN hat Fessenheim hinsichtlich der Sicherheit gut abgeschnitten.

Wie lange kann Fessenheim Ihrer Ansicht nach noch Elektrizität produzieren?
Die Ambition von EDF ist es, mit den internationalen AKW-Betreibern gleichzuziehen. Die Schweiz hat entschieden, ihre Reaktoren 50 Jahre zu betreiben. In den USA oder in Schweden ist das, sogar bis 60 Jahre, bereits der Fall. Das Ziel von EDF ist es, seine Reaktoren 50 oder 60 Jahre laufen zu lassen. Dabei haben wir natürlich für weitere 30 Jahre noch keine Genehmigung. Wir müssen alle zehn Jahre nachweisen, dass wir das AKW die kommenden zehn Jahre jeweils sicher betreiben können.

Im Frühjahr 2012 sind Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Könnte ein Sieg der Sozialisten dazu führen, dass Fessenheim abgestellt wird? François Mitterrand hat nach seinem Wahlsieg 1981 auf den umstrittenen Bau des in Plogoff in der Bretagne geplanten AKW verzichtet.
Aber er hat an anderen Orten Atomkraftwerke bauen lassen – unter Mitterrand wurden mehr AKW als vorher erstellt. Aus der Atomkraft auszusteigen, ist eine politische Entscheidung. Sie betrifft mich mehr als Bürger denn als AKW-Direktor. Kohle und Gas sind teurer als Atomenergie und so wird mehr CO2 ausgestossen. Als Bürger frage ich mich: Ist die drohende Klimakatastrophe kein Thema mehr?

Insbesondere für viele Schweizer und Deutsche ist Fessenheim ein rotes Tuch. Beeinflusst Sie das?
Es bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass wir unser Sicher- heitsniveau beständig verbessern müssen. Glauben Sie, dass die Techniker von Fessenheim weniger kompetent sind als die deutschen und Schweizer Spezialisten? Ich höre immer wieder zu Fessenheim: Es ist das älteste Atomkraftwerk, gefährlich, baufällig, man muss es abstellen. Aber das stimmt so nicht. Das AKW ist modernisiert worden. Ausserdem ist es in der erweiterten Region bei Weitem nicht das älteste. In Europa gibt es sichere Reaktoren, die älter sind als Fessenheim – Beznau gehört dazu: Es wird 2019 abgestellt und ist 1969 ans Netz gegangen. Das sind 50 Jahre. Ich habe das Gefühl, Fessenheim wird in der Region als Symbol erlebt. Das hat aber mit der Realität wenig zu tun. Wir werden der Beunruhigung durch Fukushima durch zusätzliche Sicherheitsmassnahmen Rechnung tragen und abklären, ob wir bei einer Katastrophe, wie sie in Fukushima passiert ist, bestehen können. Sind wir in der Lage, innerhalb von 24 Stunden Kühlwasser und Stromversorgung bereitzustellen, damit wir das Kraftwerk in einen sicheren Zustand bringen können? Das ist die Frage, auf die wir eine Antwort geben müssen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.08.2011, 17:51 Uhr

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27 Kommentare

Michael Stenger

15.08.2011, 18:06 Uhr
Melden 38 Empfehlung 0

Der Tanz auf dem Vulkan - er ist nicht schlicht nicht "berechenbar". Da ändern auch die ganzen Wortklaubereien des Herrn Thierry Rosso wenig. Aber so ist es halt: "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" - ein Funktionär der üblichen Sorte. Herr Rosso, bei allem Verständnis für Ihre Position: Wir wollen Ihr AKW als Basler nicht - und das ist nicht verhandelbar. Also, irgendwann ist fertig. Okay? Antworten


Alfred Neumann

15.08.2011, 19:10 Uhr
Melden 20 Empfehlung 0

Glauben Sie, dass die Techniker von Fessenheim weniger kompetent sind als die deutschen und Schweizer Spezialisten?
Antwort: Auf jeden Fall !
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