Autos sollen nachts nur noch Tempo 30 fahren

Der Grosse Rat will die Basler Strassen in der Zeit zwischen 22 und 6 Uhr zu Schulwegen umfunktionieren.

Wie beim Isaak-Iselin-Schulhaus könnten die Signale von Tempo 50 auf Tempo 30 wechseln.

Wie beim Isaak-Iselin-Schulhaus könnten die Signale von Tempo 50 auf Tempo 30 wechseln. Bild: Florian Bärtschiger

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Im Auto mit Schneckentempo 30 Kilometer pro Stunde über die Dreirosenbrücke schleichen, obwohl das Fahrgefühl wegen der Breite und Übersicht der Strasse nach Tempo 80 schreit: In Basel könnte dieses Szenario dereinst Realität werden. Der Grosse Rat hat am Mittwoch einen entsprechenden Anzug in den Händen der Verwaltung belassen. Diese soll prüfen, ob in Basel nachts zwischen 22 und 6 Uhr flächendeckend Tempo 30 eingeführt werden kann. Eingereicht hatte das Begehren die ehemalige SP-Grossrätin Brigitte Heilbronner.

Tempo 30 soll den Lärm von Autos und Motorrädern reduzieren, damit die Bevölkerung ruhig schlafen kann. Heilbronner: «Es geht nicht an, dass Leute, die vom Ausgang nach Hause fahren, nachts Gas geben, zu schnell fahren und damit mehr Lärm verursachen.»

Ihr gehe es vor allem um die Ausfall- strassen wie die Allschwilerstrasse, den Wasgenring, die Feldbergstrasse oder die Nauenstrasse. «Studien aus Deutschland zeigen, dass Tempo 30 eine starke Lärmreduktion mit sich bringt. Mir ist aber schon klar, dass 30 km/h mit einem aufgemotzten Auto nicht gleich viel Fahrvergnügen bereitet, wie mit 80 zu fahren.» Ob auch die Gemeinden Riehen und Bettingen von diesem Temporegime betroffen sein könnten, will Brigitte Heilbronner der Regierung überlassen.

«Ideologischer Vorstoss»

Für keine gute Idee hält Christophe Haller Tempo 30 in der Nacht. Der Präsident des Touring Clubs der Schweiz Sektion beider Basel: «Weder lärmtechnisch, noch bezüglich Sicherheit oder weniger Abgasen spricht etwas dagegen, mit 50 Stundenkilometern zu fahren.» Einerseits habe es in der Nacht keine Kinder auf der Strasse, andererseits belegten Studien, dass Tempo 30 mehr Lärm verursache als Tempo 50. FDP-Grossrat Haller hat gegen den Anzug gestimmt.

Doch die Linke behielt am Ende die Überhand. Haller: «Das zeigt, dass dieser Vorstoss ideologisch geprägt ist und bei gewissen Leuten eine gesunde verkehrspolitische Diskussion ein Ding der Unmöglichkeit ist.»

Heilbronner wehrt sich gegen diese Darstellung: «Ich gehöre nicht zu den Fundamentalisten in der Verkehrspolitik. Mir geht es um den Lärmschutz und die Verkehrssicherheit. Auf die ideologische Schiene kann man alles schieben.»

Wie der TCS brechen auch die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) nicht in Begeisterungsstürme aus. Gemäss Sprecher Benjamin Schmid würde Tempo 30 auf dem ganzen Stadtgebiet den öffentlichen Verkehr stark beeinträchtigen. «Es käme zu entsprechenden Fahrzeitverlängerungen auf den Bus- und Tramlinien. Fahrplananpassungen wären unumgänglich und mit Mehrkosten verbunden, wenn das attraktive ÖV-Angebot auch nachts erhalten bleiben soll.» Wie hoch diese Kosten wären, liesse sich zum heutigen Zeitpunkt nicht sagen, sagte er.

Im Gegensatz zu den BVB hätte Tempo 30 in der Nacht keinen Einfluss auf Fahrten mit Blaulicht bei der Polizei, Sanität oder Feuerwehr. «Die Fahrzeugführer dürfen unter Wahrung der gebotenen Sorgfalt von den Verkehrs­regeln abweichen», sagt Polizeisprecher Toprak Yerguz. Es seien keine Fälle bekannt, in denen die Basler Blaulichtorganisationen wegen einer Tempo-30-Zone ihre Aufgaben und Dienstleistungen nicht rechtzeitig hätten erbringen können.

Weniger Lärm in Zürich

In der Nacht Tempo 30 einzuführen, war auch in der Stadt Zürich einmal ein Thema. Heilbronner hat das im TagesAnzeiger gelesen und darauf ihren Vorstoss eingereicht. Auch dort zeigen die Verkehrsbetriebe Zürich keine Freude an der Temposenkung. Die verminderte Geschwindigkeit würde zu einem Spannungsfeld führen. So würde Tempo 30 für den öffentlichen Verkehr Zeit- und Attraktivitätsverluste bedeuten.

Allerdings zeigt ein Versuch zu Tempo 30 in der Kalchbühlstrasse aus dem Zürcher Quartier Wollishofen, dass die Reduktion um 20 Kilometer pro Stunde die Lärmbelastung um einen Wert von 2,4 bis 4,5 Dezibel senken würde. Wie das Zürcher Tiefbauamt in einer Broschüre schreibt, entspreche dies für das Gehör in etwa einer Halbierung des Verkehrs.

Dass allerdings in Zürich flächen­deckend Tempo 30 in der Nacht eingeführt werden soll, verneint Mediensprecher Pio Sulzer vom Tiefbauamt. Geplant sei ein weiterer Pilotversuch für vier Abschnitte in der Stadt. Es handle sich dabei um vier unterschiedlich geartete Strassenabschnitte.

Pio Sulzer weiter: «Die temporären Verkehrsvorschriften sind öffentlich ausgeschrieben worden. Allerdings ist das Verfahren noch hängig. Es sind dagegen Rechtsmittel ergriffen worden.» Der Versuch soll zum Schluss wissenschaftlich ausgewertet werden, bestätigt er.

Wie der Basler Regierungsrat in einem Bericht auf den Anzug von Brigitte Heilbronner schreibt, bestehe in Basel noch keine gefestigte Rechts­praxis bezüglich Einführung von Tempo 30 aus Lärmschutzgründen.

Frage des Tages:

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Soll in der Nacht Tempo 30 auf den Basler Strassen eingeführt werden, so wie dies ein Anzug verlangt?

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 17.02.2017, 07:20 Uhr

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