Die Obstbaum-Revolution scheitert an der Wirklichkeit

Experten halten Ideen von Urban Agriculture Basel für untauglich. Die Pflege sei aufwendig und bedarf Fachkenntnissen. Ausserdem berge das Projekt auch gesundheitliche Risiken.

Ungeeignet für die Stadt: Damit Apfelbäume Früchte tragen, braucht es viel Wissen und Pflege.

Ungeeignet für die Stadt: Damit Apfelbäume Früchte tragen, braucht es viel Wissen und Pflege. Bild: Archiv BaZ

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Die Gruppe Urban Agriculture Basel hat bereits ein Konzept für eine Apfelblüten-Stadt. Frei nach dem Motto «Weg von den Rosskastanien, Platanen und Zürgelbäumen hin zu mehr Landwirtschaft zwischen den Häusern und Strassen» fordert die Organisation eine Offensive für mehr Obstbäume in Basel. «Ob Nieder- oder Hochstamm, das müsste je nach Lage abgeklärt werden. Eine Zusammenarbeit mit Pro Specie Rara wäre hierfür sinnvoll, um zugleich lokale, vom Aussterben bedrohte Baumsorten zu fördern», sagt Tilla Künzli von Urban Agriculture Basel.

Und so sieht das Obstbaum-Modell konkret aus: Am Strassenrand und in Parks sollen grössere und kleinere Apfel-, Birn- oder Kirschbäume stehen, um die sich Nachbarn und Interessierte kümmern; die Ernte würde dann geteilt. Das entspreche dem Zeitgeist, sagt Künzli: «Generell beobachtet Urban Agriculture Basel ein Interesse an einer essbaren Bepflanzung der öffentlichen Flächen.»

Für Urban Agriculture Basel liegt es vor allem an den Behörden, dass nicht mehr Obstbäume gepflanzt und die grüne Revolution zur Blüte gelangen kann. «Leider sind von der Stadtgärtnerei Basel öffentliche Obstbäume wenig willkommen, da diese scheinbar Wespen anlocken sollen, sobald die Früchte fallen und auf dem Boden liegen. Unser Ziel und unsere Idee wäre jedoch, dass es gar nicht erst zu Fallobst kommt, da schon vorher begeisterte Städter die Bäume abernten», sagt Künzli.

Obstbäume brauchen viel Wissen

So gut das Konzept klingt, es hat einen Haken. «Wir stehen der Idee grundsätzlich offen gegenüber. Wenn aber Obstbäume im urbanen Umfeld, dann müsste es eigentlich ein traditioneller Obstgarten sein», sagt Emanuel Trueb, Leiter der Stadtgärtnerei Basel. Es gebe gewisse Orte, an denen sich ein solcher Obstgarten auch geschichtlich herleiten lasse, nämlich auf den Villen­anwesen mit den grossen Landschaftsgärten, zum Beispiel im Schwarzpark. Das Ziel müsse immer die Obstproduktion sein, erst dann würden die ökologischen und landschaftlichen Aspekte kommen, so Trueb.

Deshalb sei die Pflege dieser Bäume enorm wichtig. «Pflege wiederum setzt ein hohes Fachwissen voraus», sagt Trueb. «Es ist eine Illusion zu glauben, dass sich das einfach so machen lässt. Wer ansprechendes Obst will, wie es uns der Markt bietet, der muss das erforderliche Fachwissen für die Produktion haben.»

Ähnlich klingt es im Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain in Sissach. Andreas Buser, der unter anderem für die Erforschung von Obstbäumen und Obstkulturen zuständig ist, glaubt nicht, dass sich Nahrungsmittelproduktion und Obstanbau in der Stadt etablieren lassen. «Bei derartigen Projekten braucht es eine hohe Verbindlichkeit der involvierten Personen, ihre Aufgaben dauerhaft wahrzunehmen», sagt Buser. Das sei bei der städtischen Bevölkerung nicht zu gewährleisten.

«Jahrelang keinen Ertrag»

Heute Hochstämmer als erstrebenswerte Obstkulturform zu propagieren, blendet zudem den Arbeitsaufwand sowie die historische Komponente komplett aus. «Der Hochstammbaum ist eine von Menschen geschaffene ehemals rentable Kulturform, die wegen Unrentabilität langsam wieder verschwindet – sie kommt natürlicherweise nicht vor», sagt Buser. «Der Hochstamm muss fachgerecht erzogen werden. Deshalb gibt es zuerst jahrelang keinen Ertrag, nur Arbeit.»

Zudem gehöre zur Obstbaumpflege auch Pflanzenschutz. «Egal, ob konventionell, Bio oder Demeter, wenn essbare Produkte entstehen sollen, müssen die Bäume behandelt werden», sagt Buser. Nicht behandelte Bäume können rasch zu einer Brutquelle von Schadinsekten werden. «Nehmen Sie einen Kirschbaum», sagt Trueb. «Wenn dort nicht rechtzeitig und korrekt Massnahmen beispielsweise gegen die Essigkirschfliege getroffen werden, sind die Früchte nicht geniessbar. Und was dann?» Wenn die Leute deshalb die Kirschen einfach hängen lassen würden statt sie abzunehmen, so sei das eine wunderbare Voraussetzung für die Entwicklung einer weitere Generation dieses Kirschenschädlings.

Bezüglich Obstbäumen am Strassenrand sieht Trueb neben Verantwortlichkeit und Pflege weitere Probleme: «Es besteht das Risiko, dass jemand vom Baum stürzt, da sich Leitern nur schwierig anstellen lassen. Ausserdem achten wir bei der Wahl der Strassenbäume darauf, dass sicher nichts herunterfällt und zum Sicherheitsproblem im Strassenverkehr wird», sagt Trueb. Auch die Frage nach der Geniessbarkeit des Obstes sei wegen der Schadstoffe ungeklärt.

Parks für alle offen halten

Die Stadtgärtnerei sieht sich nicht nur mit der Forderung nach mehr Obstbäumen konfrontiert – politische Vorstösse der Grünen wollen das Urban Gardening stark ausbauen. Darum soll die Stadtgärtnerei Parks und Blumenrabatten für den Gemüseanbau zur Verfügung stellen. Und fachliches Betreuungspersonal müsste die Urban-Gardening-Gemeinde unterstützen. «Dazu benötigen wir einen politischen Auftrag. Es ist aber sehr fraglich, ob das Parlament dafür Geld ausgeben will», sagt Trueb.

Er plädiert dafür, die Parkanlagen, die für vielfältigen Gebrauch angelegt sind, zur allgemeinen Nutzung offen zu halten und möglichst nicht mit Sonderbereichen für spezifische Nutzungsformen zu versehen. «Wir werden in den grosszügigen Parkflächen keine kleinräumige Unterteilung vornehmen, um die unterschiedlichsten Partikularinteressen zu bedienen. Dadurch würde das öffentliche Grün den öffentlichen Charakter verlieren», sagt Trueb.

«Entlastet fliegen»

Wer Obst und Gemüse anbauen wolle und keinen privaten Boden dazu habe, könne das in den Gemeinschafts- und Freizeitgärten auf über 100 Hek­taren Gartenareal tun. Für Trueb ist die Urban-Gardening-Bewegung zwar ein interessantes Phänomen, da die Bewegung nicht einer Notlage bei der Versorgung der Stadtbevölkerung von Basel mit Lebensmitteln entstamme, sondern eher ein Ausdruck für einen Lebensstil sei. «Man möchte damit zeigen, wie wichtig Ernährung ist, und möchte bewirken, dass sich möglichst viele Menschen in Gemeinschaft mit dem Thema ‹gesundes und ökologisches Essen› befassen» sagt Trueb.

Für Buser dient das Interesse an Urban Farming vor allem dazu, «sein durch die Polemik von Natur- und Umweltverbänden belastetes Gewissen zu beruhigen, damit man entlastet wieder in die Ferien fliegen kann». (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.07.2015, 17:17 Uhr

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