Ein Bürgermeister für dunkle Stunden

Partygänger gegen Anwohner – eine Idee aus Amsterdam könnte auch in Basel helfen.

Vermittler in der Nacht. Mit einem modernen Nachtwächter soll eine Schnittstelle zwischen Partyvolk und Anwohnern ins Leben gerufen werden.

Vermittler in der Nacht. Mit einem modernen Nachtwächter soll eine Schnittstelle zwischen Partyvolk und Anwohnern ins Leben gerufen werden. Bild: Dominik Plüss

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Er zieht durch die Clubs. Küss­chen links, Küsschen rechts. Der Mann mit dem gestutzten Bart kennt jeden im Nachtleben von Amsterdam. Er ist ihr Vertreter, Lobbyist, Vermittler – Mirik Milan ist der Nachtbürgermeister. Seit 2012 erfüllt der Eventorganisator dieses Amt, gewählt vom Partyvolk, Veranstaltern und anderen Akteuren der Ausgangsszene. Sein Ziel: eine lebendige Stadt, eine pulsierende Partyszene und ein gutes Verhältnis zu Behörden und Anwohnern. Vom echten Bürgermeister der holländischen Hauptstadt wird Milan ernst genommen. Alle paar Wochen sitzen die beiden zusammen und diskutieren Probleme und Projekte rund um Bars und Clubs. Sowohl für die Behörden, die zeitweise fürchteten, dass ihnen die Kontrolle über das Nachtleben entgleiten könnte, als auch die Clubbetreiber hat sich der Nachtbürgermeister bezahlt gemacht. Erstere haben in dem Mittdreissiger eine Ansprechperson gefunden, Letztere einen Interessenvertreter, der unter anderem für einige Betriebe Öffnungszeiten rund um die Uhr erreicht hat.

Einer, der von allen Seiten akzeptiert ist, die Partyszene und die damit verbundenen Schwierigkeiten und Emissionen kennt – so einen könnte die Stadt Basel auch gut brauchen. Das war zumindest der Tenor am vergangenen Kleinstadtgespräch, an dem Anwohner und Behördenvertreter zusammensitzen und Probleme wie eben die Lärmbelästigung durch das Partyvolk wälzen. Aufgebracht hat die Idee Matthias Nabholz vom Amt für Umwelt und Energie.

Er kennt das Konzept aus Amsterdam. Ziel des Nachtbürgermeisters sei es, ein aktives Nachtleben zu ermöglichen, wird er im Vogel Gryff zitiert – einerseits aus wirtschaftlichen Gründen, da das Nachtleben auch Arbeitsplätze schafft, andererseits vermittle der Nachtbürgermeister zwischen Anwohnern, Behörden, Nachtschwärmern und Lokalinhabern.

Auf Anfrage der BaZ wollte Nabholz sich nicht noch detaillierter zum Thema äussern. Er habe nur einmal von dem Amt in Amsterdam gehört. «Ob es einen solchen braucht und was der konkret in Basel machen soll, ist aus meiner Sicht eine Frage an die Politik», findet er.

Private Security gegen Lärm

Dass die Politik in Basel die Idee aufgreift, dafür stehen die Chancen gut. SP-Grossrätin Salome Hofer engagiert sich im Verein «Kulturstadt jetzt» für eine lebendige Stadt. Streitpunkt seien nicht in erster Linie die Lärmemissionen aus den Clubs und Bars selber, sondern der Sekundärlärm durch Menschen vor den Lokalen. Besonders in den warmen Monaten halten sich nicht nur Raucher gerne im Freien auf. Der Alkoholkonsum tut das Seine zur Lautstärke, und am Ende leiden die Anwohner, die um den Schlaf gebracht werden. Einige Betreiber haben auf eigene Faust reagiert und sorgen mittlerweile mit Sicherheitspersonal für Ruhe vor ihrer Türe. Zu ihnen gehört Robert Schroeder von der «Achtbar» in der Rheingassse.

Salome Hofer begrüsst ein solches Vorgehen. «Grundsätzlich ist aber sicher der Staat Ansprechperson, wenn es um Lärm und die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung geht.»

In Amsterdam ist der Nachtbürgermeister nicht vom Staat ernannt, wird aber finanziell unterstützt. Wer diese Rolle in Basel übernehmen und wie das aussehen könnte, dazu möchte Hofer noch nichts sagen. «Ich werde die Idee aber sicher bei ‹Kulturstadt jetzt› und der SP einbringen und dann eventuell einen Vorstoss formulieren.» Dass ein Basler Nachtbürgermeister den ewigen Interessenkonflikt zwischen Partyvolk und Anwohnern beenden kann, daran glaubt sie aber selber nicht so recht. «Der wird wohl nie ganz wegfallen», sagt Hofer.

Auch Mirik Milan kann sicher nicht alle Probleme in Amsterdam lösen. Durch sein Engagement hat er aber, zumindest sagt er das selber in Interviews, bei allen Interessengruppen eine gewisse Akzeptanz erreicht. Milan befindet sich aktuell in seiner dritten Amtszeit und will, so hat er dem Guardian kürzlich verraten, auch in Zukunft nachtaktiv bleiben.

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Was Amsterdam schon hat, soll Basel auch bekommen. Braucht es einen Nachtbürgermeister?

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 18.04.2017, 07:14 Uhr

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