«Man kann nicht sagen, man hätte nichts gewusst»

Bankenspezialist Maurice Pedergnana analysiert für die BaZ die Aussagen von Regierungsrätin Eva Herzog in der Bankrats-Affäre.

Maurice Pedergnana ist Spezialist für Bankmanagement und Corporate Governance am Institut für Finanzdienstleistungen Zug.

Maurice Pedergnana ist Spezialist für Bankmanagement und Corporate Governance am Institut für Finanzdienstleistungen Zug. Bild: zVg

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Regierungsrätin Eva Herzog (SP) hält an ihrer Bankrätin Priscilla Leimgruber fest. Nachdem die Finanzdirektorin erstmals den Bankrat in Eigenregie auswählen durfte und auf die Frauenquote setzte, muss sich Herzog mit dem Vorwurf auseinandersetzen, bei der Bank­ratswahl zu wenig sorgfältig vorgegangen zu sein. Grund ist die Rolle von Leimgruber in ihrer Funktion als Geschäftsleitungsmitglied bei der Glarner Kantonalbank (GLKB). Leimgruber war damals Leiterin des Bereichs Finanz und Logistik und damit in die Kreditvergaben involviert, die am Ende zum Knall führten: Die GLKB musste fast 97 Millionen Franken abschreiben, weil ihre Investitionsstrategie nicht aufgegangen war. Herzog hat die Wahl von Leimgruber stets mit der Begründung verteidigt, dass Leimgruber nie verurteilt wurde wegen ihrer Rolle in Glarus – obwohl ihr Ex-Bankräte den Streit erklärt haben – und sie sei nicht direkt in die Kreditvergabe involviert gewesen.

Zur Südostschweiz sagte Leimgruber 2009, wenn sie von den Krediten gewusst hätte, «hätte ich Alarm geschlagen». Bank­räte haben Leimgruber als rechte Hand vom damaligen CEO Bernt Arpa­gaus beschrieben und als eine Person, die genau gewusst habe, was in Sachen Kreditvergabe lief (BaZ berichtete).

Maurice Pedergnana ist Spezialist für Bankmanagement und Corporate Governance am Institut für Finanzdienstleistungen Zug. Die BaZ fragte nach, wie er die Argumente von Herzog einschätzt und was Leimgruber gewusst haben dürfte und was nicht.

BaZ: Herr Pedergnana, Frau Herzog sagt, Priscilla Leimgruber hätte in ihrer Funktion gar nichts von den Fehlinvestitionen durch Kredite wissen können. Was halten Sie von dieser Darstellung?

Maurice Pedergnana: Wer in der Funktion einer Leitung Bereich Finanz und Logistik bei einer Bank zuständig ist, kann nicht so tun, als hätte er von den Kredit­vergaben nichts gewusst.

Mit anderen Worten: Sie hat es gewusst?

Unter CEO Bernt Arpagaus wurden jeweils Kredite in Tranchen von bis zu 9,9 Millionen Franken vergeben. Das wurde bewusst so gemacht, um die Zehn-Millionen-Limite nicht zu erreichen. Wären es zehn Millionen Franken gewesen, so hätte das dem Bank­rat und dem Bankratspräsidenten vorgelegt werden müssen, hiess es bei der Konkurrenz. Es ist also naheliegend, dass jemand von der Geschäftsleitung, der eng mit Arpagaus zusammengearbeitet hat, wusste, dass Kredite vergeben werden, in welcher Höhe und wofür.

Leimgruber selber hat gesagt, dass bei ihr die Alarmlampen aufgeleuchtet hätten, wenn sie von diesen Investitionen gewusst hätte. Was sagen Sie dazu?

Wenn jemand in einer Finanz- oder Risikofunktion einer Bank sitzt und keine Kenntnisse von solchen Vergaben gehabt hat, hat man den Job nicht richtig ausgeübt. Der ganze Markt, auch die Konkurrenz, von der zum Teil fragwürdige Kredite abgelöst wurden, wusste von der Praxis. Einfach nur sagen, man hätte reagiert, wenn man davon gewusst hätte, greift hier zu kurz. Die Struktur dazu ist immer gegeben. Kein Organigramm ist ein Schutz vor dem selbstständigen Denken und Handeln. Es war in der Bankenszene bekannt, welche Kreditrisiken die GLKB in dieser Phase und unter diesem Führungsgremium tätigte.

Herzog verteidigt ihre Bankrätin auch mit dem Argument, dass die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) nichts gegen die Wahl von Leimgruber eingewendet habe und sie Leimgruber aufgrund ihrer Rolle in der GLKB nicht mit einem Gewährsbrief sanktioniert habe. Wie wichtig ist dieser Gewährsbrief tatsächlich und was sagt er aus?

Wenn die Finma den Gewährsbrief ausstellt, so nutzt sie das schärfste Sanktionsinstrument, das ihr zur Verfügung steht. Wenn jemand den Gewährsbrief nicht bekommt, kann man davon nicht ableiten, dass er nichts über die Kreditvergaben gewusst hat oder mit der Kreditstrategie nichts zu tun hatte. Die meisten Gewährsverfahren wurden früher jeweils sistiert, aber nicht ordentlich mit einer rechtskräftigen Verfügung abgeschlossen. Das wird auch kritisiert, denn es entspricht so ungefähr weder schuldig noch unschuldig – irgendwo dazwischen

In einem Interview mit der Tageswoche hat Frau Herzog sich wie folgt über die Rolle von Priscilla Leimgruber zitieren lassen: «Sie hat in dieser Sache keine Fehlentscheidungen getroffen. Sie war im Risikobereich tätig und nicht in der Kreditvergabe.»

In der Bankenwelt wird seit vielen Jahren nach den Grundsätzen der Three-Lines-of-Defense operiert. Natürlich fällt die erste sorgfältige Risikoprüfung bei jenen Personen an, welche die Kredite vergeben, das heisst, sie müssen einschätzen, ob Risiken vermieden oder eingegangen werden können, dürfen und sollen. Die zweite Linie aber ist dann die Fortsetzung. Nicht selten befindet sich diese Position in einer kleineren Bank in der Geschäftsleitung, da kann man sich nicht rausreden und sagen, man habe von der Risikopolitik und der damit verbundenen Kreditvergabepraxis nichts gewusst.

Was hätte die zweite Linie also tun ­können?

Im vorliegenden Fall der GLKB muss man sich fragen: Warum haben die erste, zweite und dritte Linie kumuliert versagt? Wieso ist man mit der offensiven, auf Volumen- und Marktwachstum ausserhalb des angestammten Gebietes ausgelegten Strategie nicht an den Bank­rat und Bankratspräsidenten gelangt – mit ungeschönten, risikoadjustierten Einschätzungen? Das wäre nach dieser Defense-Strategie und angesichts der knappen Eigenmittel nur logisch gewesen. Die Alarmlampen sind zu ihrer Zeit schon ausserhalb der Bank angegangen. Wer in der Geschäfts­leitung seine Möglichkeiten der Einflussnahme nutzen wollte, hätte die zweifelhafte Kreditvergabepraxis als risiko­verantwort­liche Fachkraft eskalieren lassen müssen, wie man sagt.

Kommt das oft vor?

Das ist zumindest gängige Praxis. Im Risikobereich wird man dafür bezahlt, kritisch die jeweilige Bankpraxis zu beleuchten. Auch in einem Bankrat braucht es genau diese Fähigkeit. Wer in seiner Karriere nicht durch kritische Analysefähigkeiten aufgefallen ist, hat in einem Aufsichtsgremium nichts zu suchen. Die Zeit der Kopfnicker- und Schönwetter-Gremien ist definitiv vorbei. Man muss bei der Auswahl von Verwaltungsräten äusserste Sorgfalt walten lassen. Das gilt selbstverständlich auch für Kantonalbanken und ist unabhängig davon, ob ein Wahlvorschlag von der Exekutive oder von der Legislative herkommt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.01.2017, 10:44 Uhr

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