Netzwerker für das würdige Sterben

Seit Henri Gassler Direktor des Hildegard-Hospizes ist, plant er ein Drei-Generationen-Haus. Noch aber fehlt eine passende Liegenschaft.

Familien können zerbrechen. Für Geschwister und Eltern ist die unheilbare Erkrankung eines Familienmitglieds eine grosse Belastung.

Familien können zerbrechen. Für Geschwister und Eltern ist die unheilbare Erkrankung eines Familienmitglieds eine grosse Belastung. Bild: Christian Jaeggi

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Wenn Henri Gassler durch die Gänge des Hildegard-Hospiz wirbelt, liegt ein verschmitztes Lächeln auf seinem Gesicht. Nicht dass er die Ängste und Nöte der Menschen, die hier ihre letzten Lebenstage verbringen, ignoriert – nein. Doch er vertritt die These, dass das Hildegard nicht ein Ort des Sterbens, sondern des Lebens ist. Seit er, der vor eineinhalb Jahren aus dem industriellen Management als Direktor ins Hildegard kam, am Ball ist, wird das Haus ordentlich aufgemischt. Gassler hat grosse Pläne: «Meine Idee ist, ein Dreigenerationen-Haus zu schaffen.»

Ein frommer Wunsch. Doch die Errichtung eines Palliativ-Zentrums kommt in der Gesellschaft nicht auf den ersten Blick attraktiv daher. Dabei ist es ein Segen für diejenigen, die ihre letzten Tage in Würde und selbstbestimmt verbringen wollen: das Gläschen Roten, die Zigarette auf dem Balkon, Medikamente oder keine – hier entscheidet der Patient. Trotzdem – das Hospiz mit Abteilung für Kinder ist noch nicht zustande gekommen. Das Wichtigste wäre, ein Grundstück von rund 5000 Quadratmetern oder eine Liegenschaft mit dem entsprechenden Umschwung kaufen zu können.

Gassler durchschreitet die Gänge des im Jahr 1986 erstellten Anbaus der alten Villa am St.-Alban-Ring 151, weist in ein Büro, wo sich sechs Mitarbeiter einen Raum teilen: «Es geht, doch ein wenig eng ist es schon.» Mit dem Lift geht es in den zweiten Stock, wo einige Patienten beim Mittagessen sitzen. Gelassen nehmen sie ihre Mahlzeit ein, eine ältere Dame unterhält sich mit einer Pflegeangestellten. In einem Zimmer sitzt ein Patient auf der Bettkante, sein Gesicht ist weiss und abgeklärt.

Die Kunst des Lebens

Haben die Patienten Angst vor dem Sterben? «Ja, sicher, manchmal», sagt Gassler, «doch die Akzeptanz des Sterbens ist mehr eine Frage, wie das Umfeld des Patienten dies aufnimmt.» Je besser die Angehörigen mit dem Sterben der vertrauten Person umgehen könnten, desto würdevoller gelinge das Loslassen. «Es ist nicht die Kunst des Sterbens, sondern die Kunst des Lebens», sagt der 53-Jährige.

Darum sei ihm auch wichtig, so viele Leute wie möglich damit vertraut zu machen. So hat er im vergangenen November am Zukunftstag eine Schulklasse eingeladen. «Zuerst haben alle gesagt, der spinnt, der Gassler.» Doch es sei ein sehr schönes Erlebnis gewesen. Der Umgang mit Sterbenden löse auch einen Reifeprozess aus. «Wer die Chance hat, mit ihnen zu reden und sich das getraut, der ist auch für andere Lebenssituationen gerüstet», sagt Gassler. Diese Einsicht trägt er auch in die Geschäftswelt. So hat er unter anderem Kontakt mit dem Gewerbeverband.

Mit dabei beim Gespräch ist Viola Käumlen, die vor einem Jahr ihren Mann im Hildegard in den Tod begleitet hat und sich seither für die Palliativ- Medizin engagiert: «Früher starben die Menschen zu Hause und die Familie begleitete sie», sagt Käumlen. Heute geschehe das Sterben weitgehend in der Anonymität des Spitals. Um ihm das Furchteinflössende zu nehmen, sei es wichtig und dringend, darüber zu sprechen. Beschäftige man sich intensiv damit, habe der Tod nichts Abschreckendes, sondern etwas Berührendes.

Dass das Drei-Generationen-Haus noch nicht zustande gekommen ist, liegt nicht am Kanton. Dieser hat dem Hildegard-Direktor signalisiert, dass auch ein Kinder-Palliativ-Zentrum – welches übrigens das erste in der Schweiz wäre – ohne grosse Umstände ebenfalls auf die Spitalliste kommen würde. «Diese Bestätigung habe ich», sagt Gassler. Auch die Finanzen sind ein lösbares Problem: «Man muss den Mut haben, Brötchen zu backen. Wenn einmal der Duft durch die Backstube zieht, so läuft die Geschichte.»

Die grösste Herausforderung ist die Standortsuche. Doch Gassler gibt nicht auf, wie könnte er auch. Es sei ein verrückter Seitenwechsel, den er vollzogen habe, als er als Personaldirektor der Endress+Hauser Flowtec AG zum Hildegard gekommen sei. Doch er habe es keine Sekunde bereut: «Weil das ein Ort ist, der viel Energie und Lebenskraft ausstrahlt.» So leiste er noch so gerne jeden Tag seinen Beitrag, damit es den Menschen möglichst gut geht. Und deshalb werde er auch weiter für das Drei-Generationen-Haus kämpfen.

«Wenn es jemand schafft, dann er», sagt Käumlen. «In Deutschland gibt es 14 Kinderhospize, in der Schweiz kein einziges. Das Geld für so etwas sollte doch locker sitzen», sagt Käumlen. An der Pflege von schwer kranken Kindern könnten Familien zerbrechen. «Viele schaffen das nicht, das ist so belastend.»

Dem Kind die Wahrheit sagen?

In Basel hat sich vor sechs Jahren die Stiftung Kinderhospitz Schweiz konstituiert. Dies mit dem Ziel, das erste schweizerische Palliativ-Zentrum für Kinder und Jugendliche auf die Beine zu stellen. Immerhin seien in der Schweiz mehrere Tausend Kinder und Jugendliche von lebensbedrohlicher Krankheit und kurzer Lebenserwartung betroffen, steht auf der Homepage. Doch wenn ein Kind und seine Familie erfahren, dass es sterben wird, beginnt ein Prozess, der sich über Jahre hinziehen kann. Es sind grosse Herausforderungen und schwierige Fragen. Sollen die Eltern dem Kind die Wahrheit sagen? Weiss das Kind, was sterben ist, hat es Angst? Und wer hilft bei der Pflege, damit beispielsweise auch die Geschwister nicht vergessen werden?

Bisher kümmern sich in der Schweiz Spitäler, Spitex und Ärzte um solche Fragen. Nötig wären jedoch gemäss der Stiftung Kinderhospiz Schweiz zweckmässig eingerichtete Orte, wo sich Profis um die Kinder und ihre Angehörigen sorgen und sie unterstützen können. In einem Kinderhospiz kann die ganze Familie frei von Alltagssorgen miteinander Zeit verbringen oder das Kind auch nur ein paar Tage in Obhut geben, um sich von der strengen Pflege zu erholen oder mit den Geschwistern in die Ferien zu fahren. Doch noch ist es nicht so weit.

Es sei auch schon gesagt worden, dass man doch vorerst einfach mal zwei Vier-Zimmer-Wohnungen zum bestehenden Haus dazu mieten solle: «Das geht nicht. Da handelt es sich um ­Kinder, die teilweise schwerstbehindert sind», sagt Gassler. Diese benötigen eine medizinische Infrastruktur. Auch das Hildegard sei ein funktionierendes Spital. Gibt es da einen antroposophischen Einfluss? «Nein, wir praktizieren hier Schulmedizin. Es heisst lediglich Hildegard, weil die Gründerinnen, ehemalige Gemeindeschwestern, Hildegard von Bingen (1098–1179) zum Vorbild nahmen», sagt Gassler.

Kein Grund, traurig zu sein

Nun hoffen alle, dass es mit dem Drei-Generationen-Haus bald so weit ist. «Auch finanziell ist es attraktiver», sagt Käumlen. «Die Palliativmedizin ist ein Beitrag zur Kostendämpfung gegenüber der Medizin mit all ihren Schläuchen und Apparaten, die oft selbst dann noch eingesetzt werden, wenn klar ist, dass kurativ nichts mehr zu machen ist.»

Doch zuvorderst steht der emotionale Aspekt. So sagte eine Schülerin, die das Hospiz besuchte: «Es war zwar sehr schwer für mich und ich war zum Teil den Tränen nah. Doch die Harmonie, die in diesem Haus herrscht, hat mir gezeigt, dass es keinen Grund gibt, traurig zu sein.»

Umfrage

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 01.11.2016, 07:04 Uhr

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