«Jetzt erkennt jeder Neoliberalismus als Wahnidee»

Von Christine Richard. Aktualisiert am 13.11.2008 16 Kommentare

Heute Abend eröffnet Jean Ziegler in Basel die Buch.08. Im Vorgespräch kritisiert er angesichts von 100'000 Hungertoten pro Tag die Milliardenhilfen für die Banken.

Jean Ziegler, Professor, Politiker, Parteigänger auf Seiten der Armut.

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Als noch niemand das Wort Globalisierung buchstabieren konnte, hatte die Schweiz bereits einen Globalisierungskritiker: Jean Ziegler. Als Karl Marx in Europa abgetan wurde als totalitärer Meisterdenker, blieb einer dem historischen Materialismus und der Kritik am Profitprinzip treu: Jean Ziegler, befreundet mit Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Che Guevara. Am Finanzplatz Schweiz stand Jean Ziegler ständig parat, um daraus ein Forum der öffentlichen Debatte zu machen: über Geldwäsche, Nazigold und den Hunger in Afrika. Gutmenschentum? Ziegler verteidigte die Moralphilosophie und setzte sie in der politischen Praxis um.

Jean Ziegler, geboren 1934 in Thun, Bürger von Bern und Genf, war als SP-Mitglied im Nationalrat (1967–1983; 1987–1999). Er lehrte bis zu seiner Emeritierung 2002 Soziologie an der Universität Genf und als ständiger Gastprofessor an der Sorbonne in Paris. Im eigenen Land vielfach als Nestbeschmutzer abgetan und mit Prozessen bedacht, ist er im Ausland ein gefragter Gesprächspartner. Bis 2008 war er UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung; im März wurde Ziegler in den Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats gewählt. Zuletzt erschien der Bestseller «Das Imperium der Schande». Nach vielen Preisen und Ehrendoktorwürden erhält Jean Ziegler nächste Woche den Salzburger Landespreis für Zukunftsforschung.

BaZ: Herr Ziegler, ist die Finanzkrise eher ein Unglück oder eine Chance für einen Neubeginn?

Jean Ziegler: Die Kredite platzen, in den USA verlieren täglich 10 000 Familien ihre Wohnungen und stehen auf der Strasse. Sie sind völlig hilflos. Auch die Altersvorsorge kippt, weil sie stark an die Börsenkurse gebunden ist. Millionen von Familien sind ruiniert. Wegen der Börsen-Halunken.

Als Nächstes sind jetzt die aufstrebenden Schwellenländer dran, auch Osteuropa – und Afrika?

Ich war gerade im Sudan, in Darfur. Weit mehr als zwei Millionen Menschen leben dort in Lagern. Ihre Ernährung ist ausschliesslich von der Uno abhängig. Aber weil die meisten freiwilligen Beiträge der Staaten gestrichen worden sind, kann die Uno pro Erwachsenen nur noch 1500 Kalorien pro Tag sicherstellen, obwohl das Existenzminimum gemäss Weltgesundheitsorganisation bei 2200 Kalorien liegt. Wenn die Lastwagen nicht kommen mit dem Mehl, Wasser und Milchpulver, dann sterben die Menschen. Und die Weltgesundheitsorganisation hat die meisten ihrer Impfkampagnen unterbrechen müssen, auch hier fahren die Staaten ihre Beiträge zurück. In den Industrienationen bringt die Finanzkrise vielen Menschen ganz gewiss ein tiefes Unglück, in Afrika jedoch sterben die Menschen.

Aber gerade weil es jetzt insgesamt für alle auf der Welt so offenbar ist, dass die Weltherrschaft des Raubtier-Kapitalismus in den Abgrund führt, birgt die Finanzkrise eine Chance. Jeder kann jetzt den Neoliberalismus als Wahnidee erkennen. Am Horizont erscheint die Notwendigkeit eines neuen Gesellschaftsvertrags, eines planetaren Gesellschaftsvertrags.

Es gab 1929 den Schwarzen Freitag und als Reaktion darauf den New Deal – allerdings nur kurzzeitig. Es gab zuletzt diverse Börsencrashs, 1998, 2001, auch die Asienkrise – und der Finanzsektor hat wenig daraus gelernt...

Aber diesmal ist es anders, breiter. Wir merken dies in Europa wie in Amerika, Asien und Afrika: Die Diktatur der Finanzoligarchien schadet uns allen. Wir leben auf der gleichen Welt. Es kommt jetzt im Volk sicher zu einem Bewusstseinsprozess, jetzt ist die Sicht frei, die Maske des Neoliberalismus ist gefallen, wir sehen, wer dahinter- steht, gierige, zynische Spekulanten und Missetäter. Und weil wir in einer Demokratie leben, wo wir Meinungsfreiheit haben, kommt sicher ein Bewusstseinsprozess in Gang.

Alle schauen, ob der Staat hilft, was die Politiker tun. Hat politisches Handeln somit wieder an Bedeutung gewonnen – oder ist der Staat dermassen stark von den Banken abhängig, dass er zwangsweise handeln muss, also doch nur wieder die Ökonomie die Politik bestimmt?

In der Schweiz müssen wir unbedingt und sofort die skandalöse Subventionierung der UBS-Spekulanten durch Steuergelder stoppen. Es braucht eine Volksabstimmung.

Warum passiert das nicht?

Wir sind eben die Schweiz. Bis jetzt ist der Entscheid, der UBS mit einer Riesengeldspritze aus Steuermitteln zu helfen, am Volk und am Parlament vorbeigegangen.

Wie kann der Bürger seine Macht wenigstens als Konsument nützen, was kann er als Kunde tun?

Jeden Kontakt zu Grossbanken und zur Börse vermeiden. Wer Erspartes hat, soll zur Raiffeisenbank gehen.

Politische Debatten bleiben aus, es gibt keine Symposien über neue Wirtschaftsmodelle, es geht derzeit nur um Risiko-Management im Wirtschaftssektor.

Da haben Sie recht. Aber wir brauchen einen planetaren Gesellschaftsvertrag, die derzeitige Wirtschaftsordnung ist irrational. Von der Produktivität her gesehen, und wenn wir unsere Ressourcen und den Überfluss betrachten, könnten wir alle materiellen Probleme auf der Welt lösen. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 100 000 Menschen sterben täglich am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. 923 Millionen Menschen sind permanent schwerst unterernährt. Berechnungen der Uno besagen: Für einen Zeitraum von fünf Jahren bräuchte es nur einen Betrag von 82 Milliarden Dollar im Jahr, um den Hunger definitiv aus der Welt zu schaffen. Am 12. Oktober haben die EU-Staatschefs in Paris 1700 Milliarden Euro freigestellt für die Hilfe an ihre Banken.

Ist der neue US-Präsident Obama eine Hoffnung für Afrika und für eine grundlegende Reform des Finanzsystems?

Nein, ich glaube nicht. Ich glaube, dass die USA ihre imperialen Strukturen behalten werden. Die USA importieren 61 Prozent ihres Erdöls und hält zu dessen Verteidigung die grösste Armee der Welt. Deshalb ist das Militärbudget unverhältnismässig hoch und das Sozialbudget beängstigend niedrig. 47 Millionen Amerikaner leben in bitterster Armut. Ich bezweifle, dass eine Umschichtung des Budgets weg vom Militär und hin zu Sozialausgaben gelingen wird. Ich bezweifle auch, dass Obama die Allianz der USA im Mittleren Osten mit den Halunkenregimes am Arabischen Golf auflösen kann.

Wie soll es dann zu so einem weltweiten Gesellschaftsvertrag kommen, wie er Ihnen vorschwebt?

Indem das Kollektivbewusstsein vom Solidaritätsgedanken erfasst wird. Die Uno muss zum Leben erwachen als effiziente planetarische Ordnungsmacht. Dabei gibt es grundlegende Ziele. Erstens: Totale Entschuldung für die ärmsten Entwicklungsländer. Zweitens das Primat der Nahrungsmittelsouveränität eines jeden Landes. Drittens das Primat des öffentlichen Sektors, auf existenziell wichtigen Gebieten darf also keine Privatisierung geschehen. Viertens: Vollkommene Anerkennung der territorialen Souveränität der Staaten, also dass Staaten sich auch wehren können gegen multinationale Konzerne.

Die Buchhandlungen verkaufen wieder «Das Kapital» und andere Werke von Karl Marx...

Ich habe 1992 ein Buch geschrieben mit dem Titel: «Marx, wir brauchen Dich».

Obwohl die DDR den Marxismus obsolet gemacht hat, ist der Marxismus jetzt wieder eine Denkmode geworden?

Nicht nur eine Mode, Karl Marx ist einer der wichtigsten Denker in dieser Krisensituation, er ist absolut aktuell. Seine Kritik der politischen Ökonomie zeigt die Barbarei der Warengesellschaft auf. Seine Bücher sind Waffenkammern für den kommenden Aufstand des Gewissens.

Was Ihre politische Philosophie angeht, knüpfen Sie eher an Rousseau an; Ihre Idee vom planetaren Gesellschaftsvertrag ist ein gigantischer Contrat Social. Wer ist wichtiger: Marx oder Rousseau?

Beide. Im Pariser Exil ist Karl Marx als Erstes nach Ermenonville gefahren ans Grab von Rousseau. Ohne Rousseau gäbe es Marx nicht.

Welche Bücher würden Sie heute einem Banker als Lektüre ans Herz legen?

Bertolt Brecht mit seinen gesamten Gedichten. Erinnern Sie sich an Mackie Messer aus Brechts «Dreigroschenoper» mit seinem Spruch: «Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?» Und dann sollten die Banker den ganzen Noam Chomsky lesen. Und auch mal ein Buch von mir, zum Beispiel «Das Imperium der Schande» oder «Die neuen Herrscher der Welt».

(Basler Zeitung)

Erstellt: 13.11.2008, 10:52 Uhr

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16 Kommentare

Christina Bonderer

13.11.2008, 11:32 Uhr
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"Jeden Kontakt zu Grossbanken und zur Börse vermeiden. Wer Erspartes hat, soll zur Raiffeisenbank gehen." - Wieviele Arbeitsplätze daran hängen, und wieviele Mia. Steuereinnahmen in den letzten Jahren und Jahrzehnten durch die Grossbanken generiert worden sind, übersieht Herr Ziegler grosszügig. Erstaunlich, dass sich ein emeritierter Professor so undifferenziert und unqualifiziert äussert. Antworten


Dr. Harald Wozniewski

13.11.2008, 11:48 Uhr
Melden

Den Menschen wäre das, was Jean Ziegler meint, verständlicher, wenn er unsere Gesellschaft heute nicht als Kapitalismus, sondern als Neofeudalismus bezeichnen würde, so, wie er es schon in "Das Imperium der Schande" tat. Auch Raubtier-Kapitalismus bringt längst nicht das zum Ausdruck, was moderner Feudalismus beschreibt, nämlich die Knechtschaft der breiten Bevölkerung unter wenigen Superreichen. Antworten



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