Die Bibel der Rechten

Marine Le Pen und Stephen Bannon empfehlen «Das Heerlager der Heiligen». Was ist das für ein Roman?

Flotte der Elenden. Die Installation «The Law of the Journey» des Chinesen Ai Weiwei, aktuell zu sehen in der Nationalgalerie Prag.

Flotte der Elenden. Die Installation «The Law of the Journey» des Chinesen Ai Weiwei, aktuell zu sehen in der Nationalgalerie Prag. Bild: © Ai Weiwei/ National Gallery Prag

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Das Buch erschien 1973, wurde 1985 auf Deutsch veröffentlicht und ist heute gegenwärtig wie nie. Marine Le Pen, die Präsidentschaftskandidatin des Front National, bezieht sich darauf, ebenso Stephen Bannon, der Chefstratege der amerikanischen Regierung. Michel Houellebecq, der bekannteste französische Schriftsteller der Gegenwart, hat es als Inspirationsquelle für seinen Roman «Unterwerfung» bezeichnet.

Das Buch heisst «Das Heerlager der Heiligen» («Le Camp des saints»), sein Titel ist der Offenbarung des Johannes entlehnt. Geschrieben hat es der französische Schriftsteller Jean Raspail. Es handelt sich um einen Roman, seine deutsche Neuübersetzung erschien 2015, als syrische Flüchtlinge nach Europa strömten, in Ungarn steckenblieben und schliesslich nach Deutschland einreisen durften. Die Weltwoche nannte das Buch damals ein «enorm realistisches Meisterwerk», die Wochenzeitung einen «Pamphlet­roman». Der Tagesspiegel titelte: «Das Kultbuch der Neuen Rechten – eine Lesewarnung».

Im März 2017 schrieb das amerikanische Nachrichtenportal Huffington Post: «Dieser erstaunlich rassistische Roman zeigt, wie Stephen Bannon die Welt erklärt.» Asiatische, europäische und südamerikanische Zeitungen nahmen die Meldung auf. Marine Le Pen schrieb 2015 auf Twitter: «Ich empfehle den Franzosen, das ‹Heerlager der Heiligen› zu lesen oder wieder zu lesen.»

Von Leseempfehlungen bis Lese­warnungen – es ist alles zu haben.

Ein monströses Kind

Die Geschichte beginnt mit einer Hungersnot in Indien, erzählt wird sie von einem namenlosen Erzähler, der auf die Ereignisse zurückblickt. Eine Million Menschen, hauptsächlich missgebildete Geschöpfe und Mitglieder der untersten Kaste, machen sich auf den Weg in ein besseres Leben, in ein «Märchenland», wie es heisst, auf hundert alten, klapprigen Schiffen. Ihr Anführer ist ein «monströses Kind», das sich auf den Schultern eines «Kotkneters» fortbewegt und schreiend Befehle erteilt. Es hat keine Beine, nur zwei Stümpfe, keinen Hals und als Kopf einen Stummel, in dem «zwei Sehlöcher» liegen.

Vierzig Tage lang dauert die ­Irrfahrt, 200 000 Menschen sterben. Australien, Ägypten und Süd­afrika ­verweigern den Schiffen die Landung, was die Europäer empört. Australien hat ein strenges Einwanderungsgesetz, Ägypten und Süd­afrika drohen mit dem Schiess­befehl. Der südafrikanische Präsident sagt: «In diesem Rassenkrieg ist die Gewaltlosigkeit die Waffe der Massen. Die Gewalt dagegen ist die Waffe der angegriffenen Minderheiten. Wir werden uns verteidigen. Wir werden Gewalt anwenden.»

Im Westen entwickelt sich unterdessen eine Willkommenskultur. Die öffentlichen Reaktionen sind geprägt von Mitleid und starken Schuldgefühlen – viele schämen sich für das Wohlstandsgefälle, das sie von den fliehenden Indern trennt. «Kein Rassismus, kein Faschismus! Wir sind alle Menschen vom Ganges!», wird auf Demonstrationen skandiert. Die Regierungen sind untätig und hoffen, dass die Flotte der Elenden an fremden Ufern landen möge. Die Politik fährt auf Sicht.

Gleichzeitig erwachen das Selbst­bewusstsein der Immigranten im Westen und eine leise Hoffnung auf Rache. «Noch träumten sie eher davon, einer Französin ein Lächeln zu entlocken, als sie zu vergewaltigen. Oder dass sich die Edelhuren, die ‹Kameltreiber› verachteten, bald auch ihnen zur Verfügung stellen würden.»

Um die Schiffe anzufeuern und ihre Nahrung zu wärmen, benützen die Inder ihren Kot. Leichname verhungerter Passagiere werden verbrannt. Helikopter und ­Flugzeuge kreisen am Himmel, ein Journalist berichtet von einem «entsetzlichen Geruch, der über dem Meer lag und die Armada einhüllte wie eine dicke Wolke». Eine Million Flüchtlinge auf hundert Schiffen: Es ist auch ein Medienereignis.

An Bord herrscht Geilheit, der Erzähler schildert sie mit porno­grafischen Nahaufnahmen: «Jugendliche Leiber gingen von Hand zu Hand. Noch minderjährige Mädchen schlummerten, Kopf an Schenkel, eng umschlungen, in einem weichen Durcheinander von Armen, Beinen und aufgelösten Haaren, und begannen einander sanft zu lecken, wenn sie erwachten. Männliche Glieder verschwanden in tiefen Mündern, langgestreckte Zungen öffneten fleischige Spalten, Frauen befriedigten mit der Hand ihren Nachbarn. Über Körper, Brüste, Hintern, Schenkel, ­Lippen und Finger flossen Ströme von Sperma.»

Kurzum heisst es: «In dieser Orgie aus Scheisse und Lust, aber auch der Hoffnung bewegte sich die Armada der letzten Chance Richtung Westen.»

Als Südafrika die Schiffe aus der Luft mit Reissäcken, Trinkwasser und Medikamenten versorgt, schmeissen die Inder alle Hilfsgüter über Bord. Eine Zeitung titelt: «Südafrikanischer Reis im Wasser: Die Armada bekräftigt ihre Menschenwürde.» Der Erzähler bemerkt zynisch: «Lass uns an dieser Stelle der Intelligenz und der Geschicklichkeit des Tieres Beifall ­zollen!» Schliesslich landet die Flotte am Ostersonntag an der Côte d’Azur, ­zwischen Saint-Tropez und Nizza. Die meisten Franzosen sind nach Norden geflüchtet, bis auf eine kleine Gruppe konservativer Widerständler um den emeritierten Literaturprofessor Calgues.

Ausgiebig befasst sich der Erzähler mit jenen Franzosen, die nicht bereit sind, die eigene Kultur zu verteidigen. Der Präsident erklärt die Gegenwehr zur persönlichen Gewissensfrage – die meisten Soldaten und Polizisten ­desertieren. Die Landung der Flotte verläuft mehrheitlich friedlich, doch anderswo in der Welt kommt es unterdessen zu Plünderungen und Hausbesetzungen. Am Ostermontag gehen die Inder an Land. Der Erzähler kommentiert: «Die Dritte Welt trat über die Ufer, und der Westen diente ihr als Abfluss­kanal.»

Multikulturelle Komitees übernehmen in Paris die Macht, ohne auf Gegenwehr zu stossen, aber der nahezu verlassene Süden des Landes verwandelt sich in ein rechtsfreies Gebiet. Am schlimmsten ergeht es jenen, die sich auf die Einwanderer gefreut haben. Lydia hängte weis­se Laken aus den Fenstern als Zeichen des Friedens, später heisst es: «Lydia starb elend als Hure für Inder in Nizza, angewidert von der Welt und von sich selbst. Jedes Einwanderer­viertel besass nun einen Bestand an weissen Frauen, die jeder völlig legal und umsonst gebrauchen durfte. Lydia war am Ostermontag auf ihren weissen Tüchern vergewaltigt worden und anschliessend einer Gruppe kräftiger Inder in die Hände gefallen, die sie als ihr gemeinsames Eigentum betrachteten, denn sie war sehr schön und ihre Haut sehr weiss.» Es ist ein typische Szene für das Buch: Die Französin ist ein Individuum, die Inder sind Menge und Masse.

Der Erzähler sitzt in der Schweiz, wohin sich Menschen wie er aufgemacht haben, um ihr altes Leben weiterzuführen – «nach west­licher Art und unter Menschen gleicher Rasse». Inzwischen sind auf der ganzen Welt multikulturelle Gesellschaften entstanden, und das Buch endet damit, dass auch die Schweiz diesem Beispiel folgt. Es heisst: «Heute Nacht um 0 Uhr wird sie ihre Grenzen öffnen.»

Ein Unbehagen bleibt

Was ist das? Eine klassische Dystopie? Literarisch verbrämter Rassismus? Cécile Alduy, Professorin für französische Literatur an der Universität Stanford, sagte zur Huffington Post: «Dieses Buch ist rassistisch im eigentlichen Sinn des Worts. Es benützt Rasse als Hauptmerkmal der Charaktere» und erkläre alles «zu einem Todeskampf zwischen den Rassen».

Robert Kopp, emeritierter Professor für französische Literatur an der Universität Basel, ist anderer Meinung: «Rassismus ist ein Begriff, der im Strafrecht einigermassen genau definiert ist», sagt er. «Frankreich kennt Anti­rassismus-Gesetze. Wäre das Buch rassistisch, wäre es verboten.»

Raspail selbst schrieb 2011 im Vorwort einer Neuauflage, zwei juristische Gutachter seien zum Schluss gekommen, dass sein Buch, «würde es heute zum ersten Mal erscheinen, nicht mehr publizierbar wäre». Er deutet dies als Zeichen, «wie stark die Meinungsfreiheit, insbesondere zu diesem Thema, seither eingeschränkt» worden sei.

Ein Unbehagen bleibt. Im letzten Kapitel sagt der Erzähler, «dass die verschiedenen Rassen inkompatibel sind, wenn sie im selben Raum leben müssen». Es ist eine Aussage, die keine Relativierung kennt. Das friedliche Zusammenleben ist demnach keine Frage von Mass und Menge, sondern von Dominanz und Behauptung. Die Möglichkeit friedlicher Koexistenz wird von vornherein ausgeschlossen.

Kopp schlägt eine andere Lesart vor: Das Buch beinhalte «Variationen zum Thema der Apokalypse», sagt er. Das erstaune nicht, wenn man wisse, dass Raspail «ein zutiefst katholischer Autor» sei. Kopp kennt Raspail, er hat ihn in den Neunzigern ­mehrmals an Literaturveranstaltungen getroffen und schildert ihn als «freundlich, normal, humorvoll, absolut kein Ideologe. Man hatte nicht das Gefühl, es mit einem eminent politischen Temperament zu tun zu haben.» Er sieht ihn eher als neugierigen Ethnologen. ­«Raspail interessiert sich für Kulturen, die verschwunden oder am Verschwinden sind.»

Lorenz Jäger, der lange das Ressort Geisteswissenschaften der Frankfurter Allgemeinen Zeitung leitete und das «Heerlager» zweimal besprochen hat, sieht es ähnlich: «Raspail ist rechts auf eine Weise, wie man das nur in Frankreich sein kann. Er ist Royalist, sehr katholisch, traditionell und gleichzeitig ein grosser Weltreisender.» Er habe viele Reportagen geschrieben, über Südamerika, ­Patagonien, man könne ihm keinen «dumpfen Provinzialismus» unterstellen. Ob das Werk rassistisch sei? Jäger will sich nicht recht festlegen und sagt: «Das Buch ist von einer gros­sen Obszönität. Es schwelgt im Schmutz, ist gross in der Satire.»

Götz Kubitschek, der deutsche Verleger des Romans, legt sich fest: «Der Rassismus-Vorwurf ist lächerlich», sagt er. Kubitschek hat das Buch in seinem kleinen Antaios-Verlag neu aufgelegt. Die deutsche Erstausgabe war seinerzeit in einem rechtsextremen Verlag erschienen, um ein Viertel gekürzt und von Raspail nicht autorisiert. ­Kubitschek hat seit Sommer 2015 rund 10'000 Exemplare verkauft und sagt: «Das ‹Heerlager der Heiligen› ist bei uns ein Dauer­-Seller.» Vor anderthalb Jahren sei es besonders gut gelaufen. Das war die Zeit der Flüchtlingskrise.

Kubitscheck gilt als Vertreter der Neuen Rechten in Deutschland. «Es ist so, dass Literatur, die bei uns erscheint, gewissermassen als kontaminiert wahrgenommen wird», sagt er. «Wäre das ‹Heerlager› bei Rowohlt erschienen, hätten es Hunderttausende gekauft.» In Frankreich sei es «Standardlektüre».

Der Schweizer Jürg Altwegg berichtet für die Frankfurter Allgemeine über Frankreich. Er sagt, das Buch werde dort weniger kontrovers wahrgenommen als in Deutschland und sei in der Debatte nicht sonderlich präsent. Seit es 2011 neu erschienen ist, hat es sich 40 000-mal verkauft. Altwegg schrieb zur Neuauflage: «Es ist ein bisschen wie in ‹Animal Farm› und ‹1984›.» Also doch: eine klassische ­Dystopie?

Eine verletzte Seele

Dystopien funktionieren nie ohne Schrecken, Gewalt und Übertreibung. Es handelt sich um Literatur – und Literatur hat keinen Vorstellungen von Political Correctness zu folgen und ist keine Handlungsanleitung für das Leben. Aber es ist Raspail selbst, der dieser Deutung etwas im Weg steht.

Noch 2011 schrieb er im Vorwort zur französischen Neuauflage: «‹Das Heerlager der Heiligen› ist ein Roman ohne Botschaft.» Nach der Flüchtlingskrise und der Ankunft einer Million Asylsuchenden in Deutschland gefiel er sich plötzlich in der Rolle des Propheten. Die Flüchtlingskrise, sagte er, inzwischen 90-jährig, setze «30 Jahren der Beleidigungen und Verleumdungen ein Ende». Da meldete sich eine verletzte Seele, die ihre Literatur plötzlich, zumindest teilweise, als Abbild der Wirklichkeit verstanden haben wollte.

Ohnehin ist die Rezeption des Buches fast interessanter als das Buch selbst. Rechte und Rechts­extreme fliegen um das «Heerlager» aufgeregt wie Fliegen um einen Kuhfladen. Sie lesen es als Bestätigungsliteratur, manche linke Rezensenten heulen auf. Ein «übles Machwerk», urteilt die Zeit. Die Wochenzeitung: «Ein solches Werk kann sich kein seriöser Verlag antun.»

Martin Lichtmesz, der Übersetzter der deutschen Neuausgabe, schreibt im Vorwort: «Im Jahr 2015 bedarf der vielgepriesene ‹prophetische› Charakter dieses legendären Buches keiner Erläuterung mehr; es liest sich heute verblüffender, hellsichtiger und erschreckender als je zuvor.» Die Dystopie sieht er durch die Wirklichkeit noch überboten: «Anders als bei Raspail sind die Invasoren jedoch in der Mehrzahl junge, kräftige Männer.»

Es hat etwas Naives, ein Buch als Prophezeiung zu lesen. Es erinnert an das Bestreben, die Bibel oder den Koran wörtlich zu nehmen – oder an den Reflex, «1984» zu rufen, wenn es um die staatliche Anwendung moderner Überwachungstechnik geht.

Auf die Frage, ob das Werk rassistisch sei, lässt sich eher antworten: Es gibt eine rassistische Lesart, nämlich jene, die partout Wirklichkeit lesen will und keinen Sinn für das Groteske hat. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.04.2017, 08:36 Uhr

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