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Bootsdrama: So könnte der flüchtige Fahrer aufgespürt werden
Von Kristiani Lesmono. Aktualisiert am 24.07.2010 12 Kommentare
Mit Schweizer Geld gefördert
Der 32-jährige promovierte Physiker Riley Crane forscht seit 2009 am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA. Zuvor war er drei Jahre an der ETH Zürich tätig. Derzeit wird Riley Crane durch die Schweizer Branco-Weiss-Stiftung «Society in Science» gefördert. Das Programm honoriert seine Arbeit über die Verbreitung von Information über das Internet und soziale Netzwerke. In seiner aktuellen Forschung nutzt Crane unter anderem Daten von Smartphonesfür Echtzeitsimulationen von sozialen Mustern. (kle)
Erforscher der Informationsflüsse im Internet: Riley Crane.
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Zurzeit sucht die ganze Schweiz nach einem flüchtigen Bootsfahrer, der vor zwei Wochen eine Frau auf dem Bielersee zu Tode gefahren hat. Sogar eine Facebook-Gruppe hat sich zum Ziel gesetzt, den Täter aufzuspüren. Diese Methode könnte zum gewünschten Erfolg führen. Der amerikanische Physiker Riley Crane ist Experte auf dem Gebiet der sozialen Netzwerke und erforscht die Informationsverbreitung im Internet. Letztes Jahr gewann er einen ungewöhnlichen Wettbewerb des Pentagons. Es sollte derjenige 40 000 Dollar erhalten, dem es zuerst gelang, zehn über die ganze USA verteilte rote Ballons zu orten. Riley Crane und seine Gruppe schafften dies in unglaublichen 8 Stunden und 52 Minuten. Sie programmierten dafür eine intelligente Internetseite und erzählten ihren Freunden von der Suche. Die Nachricht breitete sich durch E-Mails, Facebook und Twitter über ganz Amerika aus. So rekrutierten sie 4665 Helfer, deren Hinweise zu den Ballons führten.
Herr Crane, hat Sie diese enorme Resonanz überrascht?
Absolut! Und die fast 5000 Helfer waren nur die Besucher, die sich registriert hatten. Insgesamt haben mehr als 100 000 Leute unsere Internetseite besucht. Das Interesse war wirklich enorm.
Was war Ihr Erfolgsgeheimnis?
Es lag wohl daran, dass wir die Leute für ihre Informationen belohnten – und zwar alle Beteiligten. So haben wir nicht nur dem Finder eines Ballons einen Teil des ausgesetzten Preisgeldes versprochen, sondern allen, die auf den Finder hingewiesen hatten. Alle Beteiligten der erfolgreichen Hinweiskette erhielten so einen Teil des Preisgeldes, je nachdem, an welcher Position der Kette sie sich befanden. Dazu war es noch nicht einmal notwendig, in den USA zu sein.
Wie das?
Die Botschaft mit dem Link zu unserer Webseite musste ja einfach nur weitergegeben werden. Viele taten dies über die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter. Unser System verfolgte dann den Weg der Information. Wenn dies zu einer Person in den USA führte, die einen Ballon gesehen hatte, konnte der Weg dabei auch über die Schweiz führen. Durch unser Belohnungssystem haben sich sehr viele Leute innerhalb kürzester Zeit an unserer Suche beteiligt. Das hat uns am Ende den Sieg gebracht.
Könnte man Ihr System auch verwenden, um irgendwelche Personen aufzuspüren?
Viele Leute kamen nach dem Ballonwettbewerb auf uns zu und fragten, ob man mit unserem System nicht auch Terroristen suchen könnte. Meine Antwort darauf war stets: auf keinen Fall. Der Aufwand und auch das Risiko für Leib und Leben wären einfach zu gross. Die Menschen müssten ja nicht einfach nur einen Ballon zufällig entdecken, sondern einen gut bewachten Terroristen aufspüren. In der Konsequenz würde man vermutlich nur wenige und dazu unzuverlässige Hinweise erhalten.
In der Schweiz hat sich ein Fall von Fahrerflucht auf einem See ereignet, in dem der Täter noch immer nicht gefunden ist. Nun haben besorgte Bürger eine Facebook-Gruppe gegründet. Könnte diese Erfolg haben?
Ja, sicher. Denn anders als bei der Suche nach Terroristen wäre der Aufwand für die Schweizer Bevölkerung überschaubar. Man könnte so durchaus eine Menge hilfreicher Hinweise sammeln.
Wie genau könnte man das Internet und die sozialen Netzwerke für die Suche nach dem Täter einspannen?
Zunächst einmal müssten möglichst viele Leute davon überzeugt werden, ihre Informationen bezüglich des Unfalls zu melden. Dabei könnte ein Belohnungssystem ähnlich wie im Fall unserer Ballons helfen. Jeder Beteiligte in der Kette zum entscheidenden Hinweis müsste einen Anteil an der von der Polizei ausgesetzten Belohnung erhalten. Nur dann würden auch Leute mit vermeintlich unwichtigen Hinweisen sich melden. Aber gerade diese Informationsbruchstücke könnten zusammengenommen zur Aufklärung des Falles beitragen.
Sollte die Polizei also soziale Netzwerke für ihre Ermittlungen nutzen?
Ja, auf jeden Fall. Natürlich müsste der Informationsfluss durch die Polizei reguliert werden. Sie sollte weiterhin die zentrale Autorität sein, die die Information aus den Netzwerken sortiert und auf deren Relevanz überprüft.
Wie kann die Polizei nützliche von unnützer Information unterscheiden?
Die gesammelte Information zu filtern, ist enorm wichtig, gerade wenn man mit sozialen Netzwerken im Internet arbeitet. Während des Ballonwettbewerbs filterten wir zum Beispiel geografisch: Direkte Hinweise auf einen Ballon berücksichtigten wir nur von Personen, die in der Nähe des angegebenen Fundortes lebten. Einen Hinweis aus Hongkong auf einen Ballon in New York etwa verfolgten wir nicht weiter. Diese Methode hat sich als extrem effektiv herausgestellt.
Sie sind Physiker. Wie kommt es, dass Sie soziale Netzwerke undden Informationsfluss im Internet erforschen?
Die Verbindung von Physik und sozialen Netzwerken ist zwar eher konzeptionell, aber vorhanden. Einzelne Teilchen in Supraleitern etwa können – je nach Temperatur – als einzelne Partikel agieren oder sich synchronisieren. Mit sozialen Dynamiken im Internet ist es ähnlich: etwa wenn ein bestimmtes Video auf Youtube plötzlich sehr häufig angeklickt wird.
In vielen Ihrer Projekte – wie etwa eine UNO-Kampagne gegen den Welthunger – zeigt sich Ihr humanitäres Engagement. So haben Sie zum Beispiel das restliche Preisgeld des Ballonwettbewerbs gespendet. Warum ist Ihnen das wichtig?
Ich möchte Systeme entwickeln, bei denen jeder gewinnt. Im Grunde sind die meisten Menschen eher eigennützig – was nicht schlecht sein muss. Denn auch wenn jeder nur das Beste für sich herausholen will, kann es insgesamt der Gemeinschaft nützen – wie etwa im Fall der Ballonsuche: Jeder konnte Geld verdienen, aber gleichzeitig wurde das Ballonproblem gelöst. Und es gingen 14 000 Dollar an wohltätige Zwecke.
Sie waren bis vor kurzem an der ETH in Zürich und forschen nun in Boston. Vermissen Sie manchmal Zürich und die Schweiz?
Natürlich (lacht)! Ich hatte wirklich drei wundervolle Jahre an der ETH und habe dort noch viele Freunde. Ausserdem wurde meine Forschungsfreiheit erst durch die Finanzierung des Branco-Weiss-Förderprogramms möglich. Ich bin der Schweiz mehr als nur freundschaftlich verbunden – sie hat mein Leben verändert.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.07.2010, 06:47 Uhr
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