Craigslist verbannt Sexanzeigen

Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 07.09.2010

Das weltweit grösste Onlineanzeigen-Portal beugt sich der US-Justiz und verzichtet auf Sexinserate. Für ein offenes Internet kämpft der Firmengründer aber weiter.

Verbannt Sexanzeigen: Craigslist-Gründer Craig Newmark.

Verbannt Sexanzeigen: Craigslist-Gründer Craig Newmark.
Bild: Keystone

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Craig Newmark konnte sich des Ansturms kaum erwehren. Der Gründer der weltweit grössten Online-Inseratefirma erhielt Dutzende von aufmunternden Mitteilungen auf Twitter, nachdem er übers Wochenende die Rubrik für Sexinserate geschlossen und mit einem Zensurbalken ersetzt hatte. «Ich schätze euren Support sehr», schrieb Newmark gestern. «Wir werden uns treu bleiben (und später mehr dazu sagen).»

Zu den Gründen, ab sofort auf eine Sparte zu verzichten, die rund ein Drittel des Umsatzes von 130 bis 140 Millionen Dollar generiert, schwieg sich Newmark zunächst aus. Eine Sprecherin der in San Francisco niedergelassenen Firma sagte nur, man wolle sich «zu einem späteren Zeitpunkt» ausführlich äussern. Die Zurückhaltung ist erklärbar: CNN hatte Newmark unlängst nach einem Wohltätigkeitsanlass zugunsten von Kriegsveteranen, einem der grossen Anliegen des Internetpioniers, aufgelauert und mit dem Vorwurf konfrontiert, er trage mit den Sex-Kontaktanzeigen direkt zur Kinderprostitution bei. Newmark schien verwirrt und gab keine überzeugende Antwort, wie er später selbst einräumte. «Ich bin erstarrt, sah ahnungslos aus und unbekümmert.» Wer ihn kenne, wisse aber, dass er sich um die Anliegen des Kinderschutzes ernsthaft kümmere. «Ich bin ein hartgesottener Computerfreak, mit Anzeichen des Asperger-Syndroms. Das heisst, ich bin zu vertrauenswürdig, sozial oft ungeschickt und habe Mühe, meinen Fokus zu verändern.»

Zähmung des Widerspenstigen

Solch offene Worte sind typisch für den 58-jährigen Newmark. Schon früh erklärte er, im Internet nicht aufs schnelle Geld aus zu sein und andere, soziale Anliegen neben dem Inserategeschäft verfolgen zu wollen. Die operationelle Führung von Craigslist gab er vor zehn Jahren bereits an seinen Kollegen Jim Buckmaster ab. Er selbst beschäftigte sich zunehmend mit typischen Nutzerproblemen wie Hacker- und Spammer-Angriffen sowie mit politischen Fragen rund um ein offenes Internet. So berät er den ersten Technologiechef der US-Regierung, Vivek Kundra. Zudem ist Newmark direkt in die Sunlight-Stiftung involviert, die zum Ziel hat, mehr Transparenz in die Arbeit von Regierung und Kongress zu bringen.

Das Unternehmen selber mit knapp 30 Angestellten führt er als familiären Betrieb. Sämtliche Anfragen, Craigslist an die Börse zu bringen und wahrscheinlich mehrere Hundert Millionen Dollar einzustreichen, hat er bisher kategorisch zurückgewiesen. Profit sei nicht alles, betont Newmark, wichtiger seien ihm Transparenz und Offenheit in der Politik. Mit einem börsenkotierten Unternehmen im Rücken wäre er massiven politischen Pressionen ausgesetzt, wie das Beispiel Google zeigt.

Vor diesem Hintergrund sehen Medienexperten den Kampf um die Sexanzeigen auch als Versuch, die erfolgreiche, aber unberechenbare Craigslist in den Senkel zu stellen. Jeff Jarvis, Journalismus-Dozent in New York und einer der besten Internetkenner, sprach gestern davon, dass die Justiz das Unternehmen in den USA ähnlich zu dämonisieren versuche, wie dies mit Google in Deutschland geschehe. Der Vorwurf, Craigslist fördere den Schmuggel minderjähriger Sexsklaven, sei schon deswegen absurd, weil Newmark in der Vergangenheit offen mit der Polizei kooperiert habe. «Es ist eben leichter, eine Firma anzugreifen, die sich wie ein ungezogenes Kind verhält und nicht nur durch Gewinn getrieben wird.»

Sexinserate in Hülle und Fülle

Die Klage von Generalstaatsanwälten in 17 US-Bundesstaaten hat durch den Fall eines angeblichen Sexualmörders an Beachtung gewonnen. Der 24-jährige Philip Markoff war angeklagt, eine Masseuse ermordet zu haben, die er durch ein Sexinserat auf Craigslist kontaktiert hatte. Noch vor dem Prozess brachte er sich aber im Gefängnis um. Hinter der Klage stehen auch Menschenrechtsgruppen wie das Rebecca Project for Human Rights. Dessen Direktorin Malika Saada Saar erklärte gestern, ihr Kampf richte sich nicht nur gegen Craigslist, sondern gegen alle Firmen, die dem Sexgeschäft mit Kindern Vorschub leisteten.

Von einem solch systematischen Vorgehen der US-Justiz kann jedoch keine Rede sein. Selbst auf der amerikanischen Craigslist-Seite ist es mit wenig Fantasie weiterhin möglich, Sexkontakte über andere Rubriken zu finden. Zudem hat die auf alternative Zeitungen spezialisierte Village Voice Media einen Craigslist-Klon mit dem Namen Backpage ins Internet gestellt, wo Sexkontakte in Hülle und Fülle angeboten werden. Der auffällige Zensurbalken auf der Craigslist erscheint deshalb mehr als eine versteckte Kritik an der Doppelbödigkeit der Justizbehörden denn als Versuch, das älteste Gewerbe der Welt eingrenzen zu wollen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2010, 10:13 Uhr

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