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«Das E-Mail stirbt»

Interview: Reto Knobel. Aktualisiert am 20.07.2011

Vor allem junge Nutzer haben kein elektronisches Postfach und kommunizieren nur über Facebook und Co. Und das Projekt Google+ könnte der vor 40 Jahren lancierten Erfindung E-Mail definitiv den Todesstoss versetzen.

1/7 Grundlegender Bestandteil von Mail-Adressen: Das At-Zeichen, im deutschsprachigen Raum Affenschwanz genannt.
Bild: Keystone

   

Warum E-Mails mühsam sind

83 Prozent des weltweiten Mailverkehrs sind Spam. Und auch der kleine Rest an brauchbaren elektronischen Nachrichten macht den Nutzern immer mehr zu schaffen.

Laut einer Studie der Universität Cardiff gehen im Büro pro Tag 40 Minuten Arbeitszeit verloren, weil wir damit beschäftigt sind, elektronische Post zu sichten, Mails weiterzuleiten und den verstopften Maileingang zu leeren.

Kommt hinzu: Solche Nebenbeschäftigungen zerstören die Konzentrationsfähigkeit. Laut der Untersuchung brauchen wir nach einer Mail-Unterbrechung über eine Minute, um die zuvor bearbeitete Materie gedanklich wieder voll erfassen zu können.

Sie nutzen daher vermehrt Mail-Alternativen. Laut einer Studie des Marketingunternehmens Ecircle kommuniziert bereits jeder zweite Internetnutzer über soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter.

Eine andere Studie prognostiziert, dass bis in drei Jahren jeder fünfte User während der Arbeitszeit nur noch via Social-Media-Tools kommuniziert.

Klaus Eck ist Geschäftsführer von Eck Kommunikation. Seit mehr als zehn Jahren berät er kleine und mittelständische Unternehmen bis hin zum Dax-30-Konzern in den Themen Onlinekommunikation, Online-Reputation-Management und Social-Media-Strategie. Eck ist ausserdem Buchautor (Aktuell: «Transparent und glaubwürdig – das optimale Online Reputation Management für Unternehmen») und Herausgeber des meistgelesenen deutschen PR-Blogs Pr-blogger.de.

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Ist E-Mail für Sie ein Fluch oder ein Segen?

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12.3%

Ich kommuniziere immer noch per Mail, aber nutze zunehmend Social-Media-Funktionen

 
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2147 Stimmen


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Klaus Eck, ist die Erfindung E-Mail ein Auslaufmodell?
In jedem Falle verändert sich die Bedeutung des E-Mails. Die Jüngeren schreiben und lesen immer weniger E-Mails und werden erst im Beruf damit konfrontiert. Das E-Mail ist vielleicht noch nicht tot, aber es stirbt. Denn es gibt inzwischen zahlreiche Alternativen, über die wir besser und effizienter miteinander kommunizieren können. Dazu bieten sich Social Networks wie Facebook, Instant Messenger und neue Dienste wie Google Plus an.

Das Magazin «Stern» hat bereits vor zwei Jahren geschrieben: «Ein Konstruktionsfehler sorgt dafür, dass das Web an digitaler Verschmutzung leidet.» Einverstanden?
Ja, auf Facebook oder Xing kann ich mir zumindest meine Kontakte auswählen, die mir etwas zusenden dürfen. Andere Social Mails kann ich blockieren. Das ist beim E-Mail nur unter Einsatz von Filterprogrammen möglich. Davor schrecken jedoch viele Nutzer zurück, weil der Absender dann nicht weiss, ob sein Mail angekommen ist. Leider ist die E-Mail-Kommunikation längst keine verlässliche Kommunikation mehr. Niemand weiss, ob ein Mail tatsächlich empfangen und auch wahrgenommen worden ist, bis eine Reaktion darauf erfolgt. Diese bleibt jedoch oftmals aus.

Warum?
Wir kennen die Filterlösungen der Adressaten nicht, wissen nicht, wie viele E-Mails jemand jeden Tag erhält. Sind es 13, 50 oder 500, mit denen jemand umgehen muss? Das hat Auswirkungen auf die Reaktionsfähigkeiten und die Aufmerksamkeit für ein einzelnes E-Mail.

Private – vor allem Junge – nutzen schon jetzt kaum mehr Mails, sie kommunizieren über Facebook und Co. Die meisten Unternehmen aber setzen weiterhin auf Mails. Warum?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Es hat auch länger gebraucht, bis der Fax von E-Mails abgelöst wurde. Deshalb wundert mich das nicht. Unternehmen benötigen einen sicheren Kommunikationskanal und müssen dafür Sorge tragen, dass die E-Mails archiviert werden. Wenn die Informationen auf unterschiedlichen Kanälen wie Twitter, E-Mail, Facebook, Xing und Co. verteilt werden, sind die Prozesse sehr schnell unübersichtlich und schwer nachvollziehbar. Im Prinzip bedarf es neuer Regeln und einer Veränderung der Unternehmenskultur(en), um erfolgreich Social Media nutzen zu können. Change Management benötigt viel Zeit. Dennoch gibt es immer mehr Unternehmen, die erste und zweite Schritte weg vom E-Mail gehen.

E-Mails sind im Arbeitsalltag alles andere als «ökonomisch». Wie sähe die perfekte Alternative aus?
Unsere Mailboxen füllen sich schneller, als sie sich leeren lassen. Eine Lösung besteht darin, im Browser mit unterschiedlichen Instrumenten – Google Reader, iGoogle und so weiter – via RSS Inhalte zum Lesen zu erhalten, ohne dass sich jemand mit der Technik beschäftigen müsste. Schöne Ansätze dafür bietet beispielsweise das App Flipboard auf dem iPad. Kurze Informationen lassen sich sehr gut per Google Talk, Facebook Chat oder Twitter austauschen. Für «to do's» gibt es zahlreiche Projektmanagement-Tools. Und in das E-Mail gelangen nur Bestätigungsnachrichten für die Registrierung auf verschiedenen Plattformen. Alternativ könnte ich mir auch eine Verbindung von E-Mail und Social Media vorstellen, bei welcher Nutzer alle Informationen auf einer Plattform wie Google Plus erhalten.

Nach dem Brief kam der Fax, nach dem Fax das Mail und jetzt die sozialen Medien. Welche Kommunikationsform kommt danach?
In Kürze startet Google Plus weltweit und wird es möglich machen, uns leichter per Text, Video und Bild auszutauschen. Wir werden den Absender einer Nachricht immer besser identifizieren können, sehen, welche digitale Identität derjenige hat, und erhalten einen ersten Eindruck seiner Online-Aktivitäten.

Das ist viel Transparenz, die aber auch Vertrauen voraussetzt.
Wir werden ein Stück weit alle transparenter und glaubwürdiger, weil man unsere Beweggründe und Interessen nachvollziehen kann. Das ist kein Ende der Privatsphäre, wird aber von uns abverlangen, genau darüber nachzudenken, was wir veröffentlichen wollen. Es entstehen neue Informationsplattformen auf Facebook und Google. Der bessere Anbieter wird hierbei gewinnen.

Ist Facebook vielleicht bald ein alter Hut?
Neue Zahlen machen deutlich, dass das Wachstum weitergeht. Bislang sind es 750 Millionen Facebook-Mitglieder. Das ist eine enorme Masse, an der niemand vorbeikommt. Erst wenn neue Social Networks mit guten Services entstehen, die für viele attraktiv sind, dürfte das Ende des Wachstums bevorstehen. Doch noch sehen wir allenfalls in gesättigten Märkten wie den USA eine gewisse Stagnation. In anderen Regionen ist das Wachstum weiterhin enorm. Aber wer weiss, wenn Google Plus seine Nutzer überzeugt, könnten sich die Rahmenbedingungen zuungunsten von Facebook entwickeln. Bisher ist das jedoch noch nicht zu erwarten.

Schon heute werden wir mit elektronischen Nachrichten zugemüllt. Besteht nicht die Gefahr, dass noch mehr Schrott kommuniziert wird, wenn die Kommunikation noch schneller, noch einfacher wird?
Das Schöne an Facebook und Twitter ist, dass ich den Updates zwar folge, aber längst nicht alles lesen muss. Ganz im Gegenteil. Die meisten Nutzer lesen nur einen Bruchteil der Newsstreams. Anders sieht es bei Directmessages auf Twitter und Facebook, Mails/Chats aus. Auf Facebook erhalte ich in den Hauptmeldungen aufgrund des sogenannten Edge-Ranks nur die Informationen von meinen Kontakten, mit denen ich tatsächlich interagiere. Das dürften allenfalls fünf Prozent der Botschaften sein. Somit bekomme ich hier schon gefilterte Informationen, die sich an meinen Interessen und an meinem Verhalten orientieren. Diese schöne neue Welt hat deshalb auch schon wieder ihre Kritiker. Anscheinend geht es nicht ganz ohne irrelevante Information, das erklärt auch das Interesse an Boulevardthemen auf allen Kanälen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.06.2011, 10:20 Uhr

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