Der Zuschauer hat auch künftig nichts zu melden

Wird die Serienhandlung bei Netflix bald vom Zuschauer bestimmt? Wir wagen eine Prognose.

Diktiert der Zuschauer den Schauspielern (hier in der Netflix-Serie «The Crown») bald, was sie zu tun und zu lassen haben?

Diktiert der Zuschauer den Schauspielern (hier in der Netflix-Serie «The Crown») bald, was sie zu tun und zu lassen haben? Bild: Netflix

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Netflix produziert Serien künftig interaktiv, verkündete «The Daily Mail» kürzlich: Heiratet Prinzessin Margaret in «The Crown» ihre Liebe Peter Townsend gegen den Willen des Establishments? Tritt Piper Chapman, die Hauptfigur von «Orange Is the New Black», einer Gefängnisgang bei oder nicht? Der Zuschauer hat es in der Hand, und zwar, dank Fernbedienung, wortwörtlich: Verschiedene vorproduzierte Handlungsstränge werden uns den Frust einer Handlung ersparen, die sich komplett in die falsche Richtung entwickelt.

Diese Woche hat eine Website namens Polygon.com widersprochen: Netflix will zwar vor allem bei Sendungen für Kinder mit neuen Möglichkeiten experimentieren, aber seine Top-Serien nicht in ein Zuschauer-Wunschkonzert verwandeln. Apple dagegen, meinte Polygon.com, sei daran interessiert, seine erste eigene Serie «Planet of the Apps» interaktiv zu machen. Das ist allerdings kein fiktionaler Stoff, sondern eine Casting-Show für Softwareentwickler und ihre App-Ideen.

Interaktive Filme sind schon einmal gescheitert

Ein Blick zurück in die 1990er-Jahre erklärt die heutige Zurückhaltung von Netflix und Hollywood bei Produktionen mit Publikumsbeteiligung: Damals kamen die CD-ROM-Laufwerke auf und sorgten für ein neues Genre bei den Videogames. Die «interaktiven Filme» waren Spiele mit real gefilmten Videosequenzen: Titel wie der Werwolf-Krimi «Gabriel Knight: The Beast Within», die Splatterorgie «Phantasmagoria» und «Tex Murphy: Under a Killing Moon», wo eine High-Tech-Variante von Philip Marlowe in einer dystopischen Zukunft ermittelt.

«Phantasmagoria» von 1995 – für Entspannung auf dem Sofa eher ungeeignet.

Dieses Videospiel-Genre ist so schnell verschwunden, wie es gekommen ist: Denn trotz grossem Produktionsaufwand waren die spielerischen Möglichkeiten eingeschränkt. Meist änderte sich in den Games bloss die Reihenfolge, in der die Rätsel gelöst werden mussten. Wenn man dem Publikum echte Entscheidungsmöglichkeiten und nicht bloss eine banale Wahl zwischen einem glücklichen und einem traurigen Ende einräumen will, dann wird ein echter interaktiver Filmstoff an jeder Weggabelung exponentiell komplexer. In einer Serie hat man nach wenigen Folgen Hunderte oder Tausende Varianten. Das ist produktionstechnisch nicht zu stemmen. Und darum bleibt Fernsehen auch im Netflix-Zeitalter eine Einbahnstrasse. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 09:19 Uhr

Artikel zum Thema

Wie Sie trotz Geosperren jedes Video sehen

Video Auch im Netz gibt es Landesgrenzen – die lästige Meldung «Dieses Video ist in Ihrem Land nicht verfügbar» kennen Sie sicher. Wir zeigen, wie Sie sie umgehen. Mehr...

Netflix gewinnt – UPC verliert

Analyse Der Vergleich von MyPrime mit dem hiesigen Streaming-Angebot zeigt, warum Provider keine guten Webanbieter sind. Mehr...

«Netflix steht in der Pflicht»

Bei der Swisscom ruckelt Netflix seit dem Wochenende stark. Die Kunden schiessen sich auf den Internetprovider ein. Er spielt den Ball weiter an den Streamingdienst. Mehr...

Kommentare

Blogs

Sweet Home Das macht Lust auf Sommer

Nachspielzeit Dorfkicker im Schaufenster der Nation

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Wellenreiter: Jonathan Gonzalez, Mitglied des spanischen Surf-Teams, übt seine Künste im Wave Garden, einem grossen Pool, der Wellen künstlich erzeugt (25. Mai 2017).
(Bild: Vincent West) Mehr...