Eine Gefahr für die Demokratie

Verschwörungstheorien, Unwahrheiten und Falschaussagen verbreiten sich rasant im Internet. Wie sich Medien und private Initiativen jetzt dagegen wehren.

Sammelt und widerlegt in Deutschland, Österreich und der Schweiz Gerüchte über Asylsuchende: die «Hoaxmap».

Sammelt und widerlegt in Deutschland, Österreich und der Schweiz Gerüchte über Asylsuchende: die «Hoaxmap».

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Gerüchte und Verschwörungstheorien können sich heutzutage mithilfe sozialer Netzwerke rasant verbreiten und sind inzwischen so allgegenwärtig, dass sie eine Gefahr für unsere Gesellschaft darstellen. Zu diesem Schluss kommt das World Economic Forum (WEF) in seinem «Global Risks Report 2016». Das WEF stützt sich darin vor allem auf Studien des italienischen Labors für Computer-Sozialwissenschaften in Lucca. Dieses fand heraus, dass User von Facebook, Twitter oder Youtube immer mehr dazu tendieren, Informationen so auszuwählen, zu suchen und zu interpretieren, dass diese ihre eigenen Erwartungen erfüllen. Dazu bekommen sie täglich Inhalte vorgesetzt, bei denen sie nicht wissen, ob sie wahr oder frei erfunden sind.

Empörung über unwahre Geschichten

So war es zum Beispiel beim Fall eines Bürgers, der sich auf Facebook darüber aufregte, dass Flüchtlinge in einem Luzerner Swisscom-Shop mit Geld der Caritas teure Gratishandys erhalten hätten. Der Eintrag wurde tausendfach geteilt, und die Empörung war gross – bis sich das Hilfswerk gezwungen sah, zu reagieren. Die Caritas zahle Asylsuchenden keine Handys, liess sie offiziell verlauten. Zudem stellte sich heraus, dass den Verantwortlichen des genannten Swisscom-Shops kein solcher Fall bekannt war. Da war der Eintrag jedoch bereits rege gelikt und kommentiert worden, wodurch der Eindruck einer wichtigen und verlässlichen Information entstand. Verschwörungen, Falschmeldungen und Schwindeleien schaffen es auf diese Weise immer wieder, grosse Verbreitung zu finden und sich teilweise hartnäckig zu halten.

Gerade in Zeiten der Flüchtlingskrise haben solche Geschichten Hochkonjunktur. Initiativen wie «Hoaxmap» machen es sich deshalb zur Aufgabe, Gerüchte zu widerlegen. Private haben dafür schon über 260 Meldungen über Asylsuchende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gesammelt, bei denen es sich nachweislich um Unwahrheiten handelte. Auch der weitverbreitete Leserbrief einer Zürcher Pensionärin, die behauptete, dass Asylbewerber dank Sozialhilfebeiträgen fast gleich viel Geld zur Verfügung hätten wie Pensionierte, wurde als Erfindung entlarvt. Zuvor wurde er aber tausendfach auf Facebook geteilt, sogar Zeitungen sprangen auf den Zug auf.

Politisches Fact-Checking

Genauso wie für private User sozialer Netzwerke wird es auch für etablierte Medien zunehmend schwieriger und aufwendiger, Einträge im Internet auf deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen – gerade heute, wo es unter Journalisten einen Wettkampf um die schnellste Erkennung von News und Trends gibt.

In letzter Zeit konnte aber ein Gegentrend festgestellt werden. Die Medien haben erkannt, dass die unvorsichtige Übernahme nicht überprüfter Aussagen ein Risiko für die unabhängige Berichterstattung sein kann. Das können Interneteinträge Privater sein, aber auch erfundene oder falsche Behauptungen von Politikern auf Social Media, Pressekonferenzen und bei Debatten. Das politische Fact-Checking hat laut der amerikanischen Duke-Universität im vergangenen Jahr weltweit um 50 Prozent zugenommen. Sie zählt in ihrer kürzlich veröffentlichten Liste fast 100 entsprechende Internetseiten in 37 Ländern auf. Immer mehr Medien setzen demnach Mitarbeiter oder ganze Teams ein, die (auch online verbreitete) politische Fakten auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen sollen.

In Deutschland unterhalten beispielsweise das ZDF, die «Zeit» und der «Spiegel» solche Formate. Schweizer Fact-Checking-Seiten kommen in der Liste der Duke-Universität noch nicht vor. baz.ch/Newsnet unterzieht aber unter anderem die Aussagen in den Debatten der politischen SRF-Sendung «Arena» einem Faktencheck. (baz.ch/Newsnet)

(Erstellt: 24.02.2016, 14:49 Uhr)

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