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«Eine ganz schön bescheuerte Entschuldigung der Blamage»
Interview: Christian Lüscher. Aktualisiert am 08.11.2011
Zur Person
Thomas Fischermann studierte in Sussex und Köln Ökonomie und Politik. Nach Studium und Kölner Journalistenschule war er zuerst Korrespondent in London, später in New York. Seit Mai 2008 ist er stellvertretender Leiter des Wirtschaftsressorts der «Zeit». Zusammen mit Götz Hamann schrieb er das Buch «Zeitbombe Internet - Warum unsere vernetzte Welt immer störanfälliger und gefährlicher wird.»
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Herr Fischermann, seit Wochen sorgt das Hacker-Kollektiv Anonymous für Schlagzeilen. Wie nehmen Sie diese Bewegung wahr?
Bereits in der Frühphase des Internets gab es die sogenannten Cyberpunks. Sie entdeckten die Möglichkeit, mit Hilfe des Internets Aktivismus gegen Nationalstaaten zu betreiben. Die ersten Cyberpunks waren 1993 auf dem Cover von «Wired» vermummt zu sehen und haben im Interview schon das erzählt, was die Anonymous-Bewegung heute sagt: ‹Staatliche Strukturen werden verschwinden, gemeinsam können wir alles verändern.› Das war damals eine ziemlich romantische Idee und sie wird heute wieder etwas aufgekocht. Interessant ist heute allerdings, dass Anonymous nicht von einer Elite angeführt wird. Anonymous ist eine Massenbewegung.
Welche Ziele verfolgt diese Bewegung?
Das ist schwierig zu beantworten, weil es eine breite Bewegung ist. Es gibt nicht einzelne Operationen und Anliegen, sondern gleich mehrere.
Die Aktionen reichen von Protest bis Selbstjustiz.
Die Wahrnehmung des Demonstrationsrechtes ist ganz in Ordnung. Sitzstreiks und Meinungsäusserung sind rechtlich unproblematisch. Aber es geht bisweilen bis zur Lynchjustiz. Man freut sich in der Regel zunächst mal und denkt «Da tut einer was». Aber es handelt sich - und das muss man betonen - oft um mittelalterliche Verhaltensweisen.
Selbstjustiz-Aktionen haben eindeutig zugenommen.
Im Moment beobachte ich viele unreife Dinge. Wenn man auf den einschlägigen Chatforen liest, warum Anonymous Hackerangriffe startet, dann habe ich das Gefühl, dass 16-Jährige am Werk sind, die zu viel hinter ihren Bildschirmen sitzen. Andere Kampagnen sind wiederum viel reifer: Respektabel finde ich Aktionen, die auf demokratische Missstände aufmerksam machen. Zum Beispiel mit der Veröffentlichung von Geheimdokumentationen über Wikileaks.
Gibt es kein primäres Handlungsmotiv?
Ein Grossteil der Mitglieder sieht sich als Entrechtete an, die jetzt ein bisschen Macht in der Hand haben. Das ist ein Jugendphänomen. Es werden auffallend oft Sprüche aus Videospielen zitiert. «Wir werden niemandem verzeihen» heisst es oft. Ein prominentes Mitglied der Cyberpunks hat Anonymous kürzlich darauf hingewiesen, dass der Spruch aus der Mode sei und zitierte Gandhi: «Nur die Schwachen können nicht verzeihen». Zu Ihrer Frage: Es gibt kein zentrales Motiv. Wir haben auf der Welt im Augenblick so viel Potenzial zu demonstrieren, dass Anonymous als moderne Form des Protestes genutzt wird.
Sehen Sie in Anonymous allenfalls ein kurzfristiger Trend?
Das kann ich nicht beurteilen. Man sollte die Anliegen der Gruppe so ernst nehmen, wie jede ernsthafte Bürgerinitiative. Die Bewegung ist ein Verhaltensmuster oder ein Protestmuster, das für verschiedene Anliegen steht.
Wo ordnen Sie Anonymous eher ein: Bei den modernen Robin Hoods oder den Krawallmachern?
Wenn jemand ein gut begründetes Anliegen - egal auf welchem Kanal - auszudrücken weiss, dann nehme ich ihn auch ernst. Für Spionage oder Sabotage habe ich kein Verständnis. Wenn Leute beispielsweise an Flughäfen hängen bleiben, weil Mastercard gehackt wurde, dann verurteile ich das.
Verstösst die Mehrheit der Aktionen nicht gegen das geltende Recht?
Das ist schwierig einzuschätzen, da viele Gerichtsurteile hängig sind. Bestimmte Arten von Attacken haben beispielsweise etwas von Sitzstreiks. Dazu gibt es noch keine geltende Rechtssprechung.
Ich vermute, dass viele Hacker ungestraft davonkommen.
Nein. Ich führe oft Gespräche mit Polizeibeamten und ich weiss, dass sie Hacker verfolgen und festnehmen.
Am 5. November wollte Anonymous Facebook
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hacken. Bekanntlich ist es bei der Drohung geblieben. Hat Anonymous an Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit verloren?
Das Wort Ernsthaftigkeit sagt mir in diesem Zusammenhang nicht viel - aber an Glaubwürdigkeit hat die Gruppierung auf jeden Fall verloren. Vor allem, weil so eine eigenartige Kommunikation ablief. Meistens betont Anonymous, dass man ein nicht-hierarchiches Kollektiv sei. Dann aber treten Sprecher der Gruppe auf und sagen, dass andere «nicht autorisiert» gewesen seien. Das spricht gegen das Nicht-Hierarchische. Und klingt wie eine ganz schön bescheuerte Entschuldigung der Blamage. Vergessen darf man aber nicht: Da sind noch sehr viele protestbereite Scriptkiddies unterwegs, die sich grob «Anonymous» zurechnen, und einige sehr ernstzunehmende Hacker. Beim nächsten Mal können die wieder ernst machen.
Gibt es neben Anonymous noch andere Bewegungen, die für eine ähnliche Idee stehen?
Es ist die Einzige, die noch übrig ist. Es gab andere Gruppierungen, die etwas straffer organisiert waren. Aber von denen hört man gar nichts mehr, weil viele der Hacker inzwischen verhaftet wurden. Ich möchte betonen, dass Anonymous nicht die grösste Geissel der digitalen Gegenwart ist. Es sind Hackergruppen aus kriminellen Kreisen und womöglich Militärs. Anonymous ist schlimm genug, aber andere Gruppierungen sind technisch weiter und aggressiver unterwegs.
Wie muss man sich das Durchschnittsmitglied von Anonymous vorstellen?
Es sind Geeks mit einem sozialen Bewusstsein. Ich würde von technisch halbwegs gebildete Leuten sprechen, die jedoch keine herausragenden Programmierfertigkeiten haben. Ein Superhacker, der Schaden anrichten kann, macht bei Anonymous nicht mit. Der kann richtig Geld verdienen und geht eher zur Mafia oder programmiert Staatstrojaner. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.11.2011, 14:49 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.






