Digital
Google zwischen Gut und Böse
Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 17.02.2010
Auf dem Googleplex in Mountain View sitzen die Googler (GOOG 591.53 -2.01%) unter bunten Sonnenschirmen zum Gratislunch zusammen; auf dem Parkplatz steht der mobile Coiffeurladen bereit; auf dem Sportplatz ist ein Basketballspiel im Gang, und der Biogarten gedeiht prächtig. Google ist gut in Form. Die Rezession hat der Konzern sogar noch gestärkt überstanden; von Entlassungen oder Lohnkürzungen blieben die über 20'000 Vollzeitmitarbeiter verschont.
Widerstand aus mehreren Ländern
Doch 14 Jahre nachdem die Studenten Sergej Brin und Larry Page eine Suchmaschine entwickelten, die das Internet umpflügen sollte, ziehen sich erstmals dunkle Wolken über Google zusammen. In immer mehr Ländern beginnen Kartellbehörden mit Untersuchungen wegen möglicher Verstösse gegen das Wettbewerbsrecht. Die Beziehung zu Microsoft hat sich weiter verschlechtert, und das lange Zeit freundliche Verhältnis zu Apple ist getrübt.
Der Tiefpunkt war im Januar erreicht, als Apple-Chef Steve Jobs das Google-Motto des Nichts-Böses-Tun als «Sch...dreck» abtat. Medienunternehmen sind sauer, weil sie – entgegen den Beteuerungen des Konzerns – nicht glauben, dass sie fair für die Weiterverbreitung ihrer Inhalte bezahlt werden. Und das jüngste Projekt aus Mountain View im Silicon Valley – der Versuch, das E-Mail-Programm Gmail zu einer sozialen Website zu erweitern – musste Google in wenigen Tagen mehrfach abändern, um der ungehaltenen Kritik der Nutzer Rechnung zu tragen.
Google verspricht Besserung
Daneben ist noch immer nicht völlig klar, warum Google einen Rückzug aus China ins Auge fasst; ob es wirklich nur die Sorgen um Hackerangriffe waren oder auch politische Rücksichtnahmen. Bekannt, aber nicht offiziell bestätigt, sind inzwischen nämlich auch Verhandlungen zwischen Google und dem militärischen Nachrichtendienst NSA, um Informationen über Hackerangriffe auszutauschen.
Der Konzern weiss um die wachsende Verunsicherung. «Wir haben einen Lernprozess durchgemacht und gesehen, dass wir transparenter werden müssen», sagt Google-Sprecher Matthias Graf. Er verweist auf die teilweise scharfe Kritik zur Ausweitung von Gmail und die in der Folge eingeleiteten Verbesserungen des Dienstes. Und wer seine Daten von Google abziehen will, kann dies erstmals mit der 2009 gestarteten «Data Liberation Front» tun. «Wir setzen alles daran, das Vertrauen der Nutzer zu behalten», so Graf.
Riesiger Datensammlung
Damit stellt sich die Kernfrage: Wie tief geht das Vertrauen der Nutzer in die Rechtschaffenheit des Konzerns, der wie kein anderes Unternehmen Daten sammelt, aufbewahrt und querbeet verarbeitet, um daraus optimale Suchergebnisse und maximale Werbeerträge abzuleiten? Und: Ist das Vertrauen in Google noch gerechtfertigt?
Bis auf weiteres Ja, meint Lawrence Lessig, Rechtsprofessor, Internetexperte und bekennender Aktivist eines offenen Internets. Anders als seinerzeit bei Microsoft gebe es keine Anhaltspunkte dafür, dass Google seine Macht ausnützen wolle, um die Konkurrenz zu schädigen, meint Lessig und verweist darauf, dass der offene Zugang zum Internet gerade das Kernstück des Geschäftsmodells darstellt. Ken Auletta anderseits, Medienkritiker und langjähriger Kolumnist des «New Yorker», rechnet mit einer wachsenden Bedrohung der Privatsphäre. «Jede Suchanfrage trägt zur Wertsteigerung von Googles Datensammlung bei. Die Datenmengen sind potenziell politisch gefährlich, weil sie quer durch alle Lagen des menschlichen Lebens reichen.»
Google erfasst dank der eigenen Suchmaschine (die weltweit gegen 70 Prozent aller Anfragen beantwortet), dank Gmail, Youtube und anderen Anwendungen sämtliche Lebensbereiche. Damit greift der Konzern weit tiefer ins Privatleben ein als beispielsweise Microsoft oder Apple und selbst als Twitter und Facebook. «Der Widerstand gegen Google Street View ist nur ein Symptom dafür, wie unbequem sich die Nutzer fühlen», sagt Tom Foremski, Autor des angesehenen «Silicon Valley Watcher»-Blog. «Die Sorgen um die Privatsphäre sind nicht übertrieben. Je mehr Daten Google sammelt, desto grösser wird zwangsläufig auch der Widerstand der Nutzer.»
Datensabotage wäre Selbstmord
Google weiss, dass das Vertrauen das ganze Kapital des Unternehmens ist. Als Brin und Page den Konzern an die Börse brachten (und für sich eine Kapital- und Stimmenmehrheit zurückbehielten), machten sie explizit auf das Risiko des Datenmissbrauchs aufmerksam. Das Management sei sich solcher Bedenken bewusst und messe der Datensicherheit höchste Priorität zu.
Eine Sabotage käme dem Selbstmord des Unternehmens gleich, hält Auletta fest. Anders als Yahoo hat Google beispielsweise gegenüber den chinesischen Behörden keine Nutzeridentitäten offengelegt. Und der Entscheid, nach dem massierten Hackerangriff allenfalls ganz aus China auszusteigen, ist nach Ansicht von Experten vor allem aus Sorge um das Vertrauen der Kunden und die eigene Datensicherheit erfolgt.
«Für ein Unternehmen wie Google, das im offenen Markt des Internets agiert, ist es zwingend, so gut wie möglich auf die Bedürfnisse der Nutzer einzugehen», schreibt der französische Managementberater Bernhard Girard. Er erinnert daran, dass das Google-Kader jeden Morgen eine Zusammenfassung aller Kommentare und Kritiken in den Medien und Blogs erhält. «Von allen Kämpfen, die Google austrägt, ist jener um die persönlichen Daten der wichtigste», so Girard. «Der Ausgang wird das Wachstum von Google bestimmen.»
Technologische Arroganz
Dass sich Brin und Page als Missionare sehen, ist unbestritten, hilft aber der Sache nicht unbedingt. Auf die Dauer war noch kein Unternehmen eine soziale Einrichtung; und im Zweifelsfall gehen die eigenen Bedürfnisse jenen der Kunden immer vor. Marissa Mayer, Google-Topmanagerin der ersten Stunde und einst die Freundin von Page, verweist darauf, dass die Firmengründer als Montessori-Schüler erzogen wurden. «Sie glauben fest daran, dass die Leute selber wissen, was das Beste für sie ist.»
Diese Grundeinsicht prägt Google. So ist der Konzern nach Einschätzung von Foremski noch immer so wenig strukturiert wie zu Beginn. «Google ist das am wenigsten disziplinierte Unternehmen, das ich kenne.» Das kann auch als Lob verstanden werden.
Gefährliche Weltsicht
Eric Schmidt etwa versieht – ungewöhnlich für ein auf Transparenz ausgelegtes Unternehmen – die Doppelrolle eines CEO und Verwaltungsratspräsidenten. Seine Rolle ist auch die des «erwachsenen Aufsehers» zwischen den ungleichen Brin und Page. Das Gegenstück bildet eine gewisse «technologische Arroganz», wie Ken Auletta anmerkt. Brin und Page nehmen an, dass die Nutzer so smart sind wie sie selber und frei entscheiden können, welche Dienste sie benützen, welche Sicherungen sie einschalten und wie viele Daten sie preisgeben wollen. Diese Weltsicht indessen ist nicht nur naiv, sie ist auch gefährlich. Wie das Beispiel Microsoft vorgemacht hat, können erfolgreiche Pionierfirmen schnell in Bedrängnis geraten, wenn sie sich zu sicher fühlen.
Aufschlussreich ist das Beispiel des Einscannens alter Bibliotheksbestände. Brin verteidigte das Projekt als ernstzunehmenden Versuch, das Weltkulturerbe zu schützen. Es stehe anderen Unternehmen frei, ähnliche Projekte anzureissen. Und in einem seltsamen Vergleich fügte er an: «Das Abkommen beschränkt die Wahlfreiheit der Konsumenten bei vergriffenen Büchern ebenso wenig wie die Wahlfreiheit bei Einhörnern.» Solche Aussagen grenzen an Überheblichkeit. Zumal: So anders wie alle andern ist auch Google nicht. So sah sich der Konzern gezwungen, eine millionenschwere Lobbymaschine in Washington einzurichten, weil sich Widerstand wegen der Expansionsstrategie zu regen begann. Mehrere Google-Leute haben sich zudem direkt und indirekt in die Dienste der Regierung Obama begeben, auch dies ein Vorgang, in dem sich der Konzern nicht von der Konkurrenz unterscheidet. Und wie Microsoft oder Cisco rückt auch Google in die Liga der strategisch unverzichtbaren Unternehmen auf, die den besonderen Schutz der Regierung geniessen.
Kollaboration mit Geheimdienst
Dennis Blair, Direktor der National Intelligence, verdeutlichte diese besondere Rolle, nachdem die jüngsten Hackerangriffe auf über 30 Tech-Firmen in den USA bekannt wurden. Die Attacke sei ein «letzter Weckruf», so Blair, «der Cyberspace kann ohne einen gemeinsamen Effort des Privatsektors und der internationalen Verbündeten nicht mehr länger geschützt werden».
Noch 2008 weigerte sich Google, am Terroristenüberwachungsprogramm der US-Regierung teilzunehmen. Inzwischen stehen gemäss einem Bericht der «Washington Post» Google und die National Security Agency, der Nachrichtendienst der US-Army, in Verhandlungen, um sich besser gegen künftige Hackerangriffe abzusichern. Die Kooperation wird von beiden Seiten nicht kommentiert, doch sagt der NSA-Experte Matthew Aid, es sei schon etwas befremdlich, wenn eine Firma wie Google, die so viel Wert auf Unabhängigkeit lege, mit dem Geheimdienst zusammenarbeite.
Für den König des Internets sind die unbeschwerten Anfangsjahre definitiv vorbei. Internetnutzer sind gut beraten, so wenig persönliche Daten preiszugeben wie möglich und bei allen Anwendungen, nicht nur von Google, sondern auch von Facebook oder Twitter, die höchsten Sicherheitseinstellungen einzurichten. Für künftige Archäologen werde Google trotzdem unendliche Schätze bereithalten, sagt Tom Foremski. «Dank Google werden kommende Generationen ein Psychogramm unserer Zeit zeichnen können, wie es die Welt noch nie gesehen hat.»
Ken Auletta: Googled. The end of the world as we know it. Penguin Press, New York 2009. Bernard Girard: The Google Way. No Starch Press, San Francisco 2009.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.02.2010, 04:00 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





