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Google-Vize: «Wir sind Teil des Problems»

Von Walter Niederberger, Mountain View. Aktualisiert am 11.09.2008

Mit dem neuen Chrome-Browser will das Unternehmen in neue Sphären vorstossen. Vizepräsident Urs Hölzle zur Heimlichtuerei und neuen riesigen Datenzentren des Internet-Konzerns.

«Chrome eignet sich für alle Internetanwendungen»: Urs Hölzle.

«Chrome eignet sich für alle Internetanwendungen»: Urs Hölzle.

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Zur Person

Urs Hölzle gehört als einer der ersten zehn Angestellten zur Gründer-Generation von Google. Nach dem Studium der Computerwissenschaften an der ETH Zürich ging er 1988 in die USA, wo er doktorierte. Bevor er 1999 zu Google wechselte, arbeitete Hölzle unter anderem als Assistenzprofessor an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara. Bei Google ist Hölzle Vizepräsident, Mitglied des Topmanagements und Chefingenieur.

Der Googleplex in Mountain View, eine knappe Fahrstunde südlich von San Francisco, gleicht einer bunten Spielwiese. Auf einem Sandplatz balgen sich Burschen um einen Volleyball, nebenan steht ein zum mobilen Coiffeursalon hergerichteter Bus, auf dem Parkplatz sind Mechaniker mit dem Ölwechsel an den Autos der Googler beschäftigt. Die Kühlschränke in den Eingangshallen sind frisch aufgefüllt, mit feinen Fruchtsäften aus dem Bioanbau. Auch sie sind kostenlos. Auf einem elektrogetriebenen Roller flitzt eine junge Frau vorbei.

Urs Hölzle erscheint pünktlich. Er hat einen Hund mitgebracht, den er an die neue Umgebung an seinem Arbeitsplatz gewöhnen will. Der Computeringenieur ist einer der älteren Garde bei Google, er arbeitet seit acht Jahren für den Konzern und ist mit den Gründern Larry Page und Sergey Brin gut bekannt. Zum zehnten Geburtstag von Google, das im September 1998 ins Handelsregister eingetragen wurde, erklärte sich Hölzle zu einem Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» bereit.

Herr Hölzle, Sie haben den grössten Teil der Entstehungsgeschichte von Google miterlebt. War abzusehen, wie rasch das Unternehmen an die Weltspitze vorgestossen ist?
Larry und Sergey hatten sicher eine Vision, dass Google es so weit schaffen würden. Aber das Wachstum hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen. Google hat die Welt verändert, keine Frage. Ein Beispiel nur, vor einigen Jahren hatte ich mich damit abgefunden, dass die Suchmaschinen nicht in der Lage sein würden, die Datenflut zu bewältigen. Als Computerwissenschafter hätte ich zwar für mich eine Lösung finden können, aber nicht für meine Mutter. Heute kann sie problemlos das Internet durchstöbern, E-Mails verschicken oder digitale Fotos bearbeiten. Ohne bessere Suchmaschinen wäre das Internet für die meisten heute nicht brauchbar; und dies sehe ich als wesentliches Verdienst von Google.

Google hat in The Dalles (Oregon) ein riesiges Datenzentrum für die Bewältigung der Suchanfragen gebaut, wurde aber wegen der Geheimniskrämerei stark kritisiert. Warum diese Verschwiegenheit?
Oregon war ein Spezialfall, weil es das erste von Grund auf neu entwickelte Datenzentrum war. Die Anlage in The Dalles war ein Prototyp, und wir waren ehrlich gesagt froh, dass wir ihn fast zwei Jahre unter dem Deckel halten konnten. Unsere Konkurrenten habe vermutlich unterschätzt, wie stark der Markt wachsen würde. Wir wollten nicht diejenigen sein, die sie mit einem Einblick in unsere Pläne aufklärten.

Wie viele solche Server-Farmen planen Sie?
Wir werden in Zukunft offener über unsere Pläne orientieren. Aber Gerüchte über angebliche Standorte, von denen übrigens viele nicht zutreffen, kommentieren wir nicht. Sobald die entscheidenden Verträge unterschrieben sind, werden wir dies bekannt geben. Geheimhalten lassen sich die Anlagen ohnehin nicht, sie sind viel zu prominent.

Warum sind diese Anlagen weniger effizient als die meisten herkömmlichen Haushaltgeräte?
Die Datenzentren wurden in den letzten 35 Jahren weitgehend auf die gleiche veraltete Art gebaut. Was zählte, war die Zuverlässigkeit, nicht aber die Energie-Effizienz. Nach dem Platzen der Internetblase waren viele Datenzentren unausgelastet, und wir konnten sie günstig mieten. Das änderte vor drei Jahren. Die Mieten haben sich seither um das Drei- bis Vierfache erhöht. Wir haben dies kommen sehen und früh entschieden, eigene Zentren zu bauen. Ich bin mir sicher, dass unsere neuen Anlagen die mit Abstand sparsamsten der Branche sind.

Mehr offenes Betriebsystem denn Browser

Vor kurzem brachte Google einen eigenen Internet-Browser, Chrome, auf den Markt, und zwar in einer Beta-Version, die noch nicht voll ausgereift ist und von Datenschützern in Europa wegen angeblicher Sicherheitslücken kritisiert wurde. So auch vom Schweizer Datenschutzbeauftragten. Unter Druck entschied Google, die Suchanfragen und IP-Adressen statt 18 Monate künftig nur noch 9 Monate zu speichern und einige Funktionen zu entschärfen. Chrome ist indessen weniger ein Browser als ein offenes Betriebsystem. Es dient Google dazu, alle Anwendungen vom Computer der einzelnen Nutzer hin ins Internet zu verlagern.

Marc Andreessen, der Pionier der Suchtechnologie und Erfinder des Netscape-Browsers, bezeichnet Chrome als «aussergewöhnlich kühnes Unterfangen». Google habe erkannt, dass die Zukunft der Datenverwaltung im Internet liege, nicht mehr beim einzelnen Computer. «In fünf bis zehn Jahren werden drei Milliarden Menschen Zugang zum Internet haben. Darauf baut Google sein Geschäftsmodell auf.» Chrome wird andere Anwender zwingen, so Andreessen, ihre Suchmaschinen zu verbessern und für andere Anwendungen zu öffnen. Derzeit wird der Markt vom Browser von Microsoft, dem Internet Explorer, mit einem Anteil von über 70 Prozent dominiert.

Warum hat Google einen eigenen Browser gebaut?
Es ist ein natürlicher Trend, dass die Anwendungsprogramme weg vom Computer ins Internet ziehen. Chrome ist eine völlig offene Plattform, die so optimiert wurde, dass sie für Internetanwendungen aller Art geeignet ist. Die Basis bildet die Programmiersprache Java. Sie wurde 1995 eingeführt, aber nicht wirklich weiterentwickelt. Dieses Versäumnis holen wir mit Chrome nach.

Ist Chrome nicht auch ein weiterer Versuch, die Dominanz des Konkurrenten Microsoft zu brechen?
Nein. Es gibt viele Wege zum Erfolg. Microsoft macht es auf ihre Weise, wir auf unsere. Es wäre natürlich schön, wenn irgendwann auch der Browser von Microsoft unter die Haube von Chrome gebracht würde, weil so die Nutzung des Internets erleichtert würde. Man kann auf die Dauer auf dem Internet nicht mit geschlossenen Anwendungen gewinnen.

Wie stark soll Chrome Ihrer Meinung nach wachsen?
Wenn wir mit Chrome einen Marktanteil von einem Prozent erreichen, wäre dies ein grosser Erfolg. Für uns steht die bessere Nutzung des Internets im Zentrum, also eine höhere Stabilität und Geschwindigkeit. Uns ist es letztlich egal, ob die Nutzer Chrome zusammen mit Anwendungen von anderen Anbietern ergänzen oder mit unseren eigenen. Deshalb kann man Chrome auch völlig neutral herunterladen, ohne das Branding von Google. Was für uns zählt, ist der Wachstum des Internets; wenn andere Anbieter mitziehen, umso besser.

Die Google-Gründer habe sich das Motto «Tue nichts Böses» vorgegeben. Was heisst dies eigentlich?
Wir sind uns bewusst, dass wir nicht nur Probleme lösen, sondern auch Teil des Problems sind. Nehmen Sie unsere Investitionen in nachhaltige Energieprojekte. Natürlich hoffen wir, irgendeinmal Geld damit zu machen. Aber wir sehen den sparsameren Umgang mit Energie als Teil eines umfassenden Problems, zu dem wir mit unserem enormen Stromverbrauch beitragen. Wir fühlen uns verpflichtet, effizientere Technologien zu entwickeln. «Tue nichts Böses» ist bei uns nach wie vor stark verankert.

Kritiker sehen in dieser Leitlinie eher einen Public-Relation-Gag.
Bis zu einem gewissen Grad mag das sein. Ich bin in der Schweiz aufgewachsen, wie Sie wissen, wo alle ein wenig zynischer sind als hier. In der Schweiz ist es unmöglich, zu sagen, man wolle die Welt ändern. Hier wollen viele die Welt verändern, und einige tun dies auch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2008, 09:22 Uhr

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