Digital
Lonely Planets Reise in die Zukunft
Von Christoph Landolt. Aktualisiert am 05.01.2010 1 Kommentar
«Bibeln» werden sie von erfahrenen Backpackern ironisch-verächtlich genannt: Die Reiseführer von Lonely Planet. Millionen von Reisenden haben mit fernen Ländern die Bücher mit dem blauen Einband entdeckt (oder umgekehrt, so genau lässt sich das oft nicht trennen), die zur Standardausrüstung von Rucksacktouristen gehören.
Dabei begann alles ganz romantisch: Anfang der siebziger Jahre durchquerte das frisch vermählte Ehepaar Maureen und Tony Wheeler von London aus ganz Asien und reiste weiter bis nach Australien. Bezahlbare Hotels waren auf dieser Route selten, verlässliche Informationen kaum zu erhalten. Der Führer, der auf den Erfahrungen der Wheelers basierte, war neu: Gepfeffert mit Meinungen, frei von Werbung und fast ohne bunte Bilder, dafür mit detaillierten Karten, die über die Lage von Waschsalons und Sammeltaxi-Standplätzen informierten.
Von der Küche zur BBC
Was folgte, ist eine Erfolgsgeschichte: Fast 270 Reiseführer sind bis heute erschienen, vor Kurzem wurde das einhundertmillionste Exemplar verkauft (angeblich mit dem Titel «Australien»), 150 Autoren reisen für den Verlag um die Welt. 2007 verkauften Maureen und Tony Wheeler, die 34 Jahre zuvor die ersten Seiten noch an der Schreibmaschine in der Küche getippt hatten, ihren Verlag für hundert Millionen Dollar an die britische BBC Worldwide. Damit solle das Unternehmen fit für die digitale Zukunft werden, hiess es damals.
Lonely Planet müsse sich wandeln, so Matt Goldberg, Geschäftsführer des Verlags, in der «Financial Times»: «Von 100 Millionen Büchern zu 100 Millionen Geschichten, welche die Reisenden austauschen.» Die Wandlung vom blossen Buchproduzenten hin zur interaktiven Plattform, die das Wissen der Nutzer kanalisiert, hat längst begonnen: Alle zwölf Sekunden verfasst einer der 659'000 registrierten User einen Diskussionsbeitrag im Reiseforum «Thron Tree», das vor dreizehn Jahren aufgeschaltet wurde. Pro Monat nutzen fünf Millionen Besucher die Informationen auf Lonelyplanet.com. Um 20 Prozent sollen die Besucherzahlen jährlich steigen, so Goldberg.
Dutzende von Apps für Apples beliebtes Smartphone bietet Lonely Planet an: Einen Bangkok-Stadtführer für 18 Franken oder ein Japanisch-Wörterbuch, das die Übersetzung gleich laut vorspricht. Die «Financial Times» berichtet von mehr als einer halben Million Downloads. Und auf dieser Schiene will Lonely Planet weiter wachsen: Man arbeite eng mit Nokia, Google oder Apple zusammen, so Chefredaktor Tom Hall. «Augmented Reality» sei ein Thema für die Zukunft, bestätigt Hall. Mit dieser «erweiterten Realität» sollen die virtuelle und die reale Welt zusammenfinden. Das Kamerahandy könnte damit zum Beispiel historische Informationen einblenden, wenn es auf eine Sehenswürdigkeit gerichtet wird.
Lonely Planet hält am Buch fest
In diesem Jahr sollen auch die Kernprodukte des Verlags, die gedruckten Reiseführer, überarbeitet werden. Die enge Integration des Internets habe Priorität, erklärt Goldberg. Wie dies geschehen soll, wollte der Geschäftsführer allerdings nicht verraten.
Obschon immer mehr Reisende in ihren Rucksäcken ein Mini-Notebook mitschleppen und drahtloser Internetzugang auch in den günstigen Entwicklungsländern zunehmend Alltag wird – glaubt Goldberg trotz Konkurrenz von Webseiten wie Wikitravel, Hostelworld oder Tripadvisor an die Zukunft des Buchs: «Es ist mobil, es ist leicht und der Akku geht nie aus.» (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.01.2010, 23:09 Uhr
Kommentar schreiben
1 Kommentar
Ich liebe jedes einzelne meiner Lonely Planet Bücher. Sie stehen jeweils für eine tolle Reise, viele Erinnerungen, Veränderungen (der Trans Siberian war völlig veraltet). Sie sind vollgekritzelt mit Adressen, Notizen. Seiten fehlen, da sie für Scherenschnitte mit Kindern benutzt wurden. Auch heute kommt immer der Lonely Planet Reiseführer mit, vielleicht noch ein anderer dazu, aber er ist dabei. Antworten





















































































