«Man muss sich sagen: Jetzt will ich das Gegenteil lesen»

Verstärkt Facebook politische Vorurteile und beeinflusst unsere Meinungsbildung? Nur wenn wir es zulassen, sagt Internetsoziologe Stephan Humer.

Gefangen in einer Blase? Trump-Unterstützer feiern den Wahlsieg in Washington D.C.

Gefangen in einer Blase? Trump-Unterstützer feiern den Wahlsieg in Washington D.C. Bild: Jim Lo Scalzo/Keystone

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Facebook steht in der Kritik, mit personalisierten Inhalten unsere Meinungsbildung zu beeinflussen. Lesen wir zunehmend nur noch, was unsere Ansichten bestätigt?
Diese Personalisierung gibt es, aber sie ist nicht gefährlich oder dramatisch. Jeder kann frei wählen, ob er etwas anderes sehen oder sich anderweitig informieren will. Wir können da mit Leichtigkeit ausbrechen. Nur: Häufig wird das nicht gemacht.

Warum?
Hier spielt die Bequemlichkeit, die niedrige Hürde eine Rolle. Man lässt sich gerne so versorgen und erliegt durch Bestärkung einem süssen Reiz. Wir alle müssen der Versuchung widerstehen, sich dem leicht Bekömmlichen, Angenehmen zu ergeben und uns öfter sagen: «Jetzt will ich mal das Gegenteil lesen.»

Was wäre nötig, um objektiver zu urteilen?
Das Ziel von medialer Auseinandersetzung ist ja, dass man sich ruhig und besonnen eine Meinung bilden kann, weil man Pro und Kontra hört. Das geht auf Facebook oft im Gefühligen unter – wir lassen uns emotional einlullen. Das ist das grosse Problem: Alles ist emotional, alles ist gefühlsgetrieben.

Trump, Pegida oder die AfD scheinen es zu verstehen, Emotionen zu aktivieren.
Das ist ihr Erfolgsgeheimnis. Pegida gäbe es nicht ohne Facebook. Hier gibt es einen Verstärkereffekt, der es schwierig macht, besonnen zu bleiben. Wenn ich 100 Beiträge sehe, in denen vermeintlich Flüchtlinge etwas Böses mit armen deutschen Menschen machen, fällt es schwerer, daraus auszubrechen und sich objektiv zu informieren.

Radikalisieren die sozialen Medien unser politisches Klima?
Unabhängig vom Thema zeigt sich: Wenn ich es zulasse, ist das Internet Radikalisierung auf Speed, die sozialen Netzwerke eine Art Brandbeschleuniger. Wenn ich will, kriege ich Bestärkung in viel höheren Dosen, als das früher möglich war. Das hilft dem IS genauso wie der AfD oder Trump. Die heutigen extremen Meinungsangebote im Netz fanden Sie früher nicht, weder bei den Printmedien noch im Fernsehen.

Und diese neuen Angebote liefern auf Wunsch einfache Antworten?
Das ist das Skurrile. Etwas Komplexes wie das Internet reduziert Komplexität. Viele Menschen haben Angst vor dem Internet, gleichzeitig benutzen sie es aber und fallen auf die Versuchung herein, sich simple Antworten zu holen. Dabei würde nur eine intensive Beschäftigung mit Themen für eine Auflösung sorgen. Man macht es sich zu einfach – und wählt die Heilsversprecher und Populisten.

Muss Facebook etwas gegen die Polarisierung in seinem Angebot unternehmen?
Das muss man immer einfordern, aber wichtiger ist die Eigeninitiative. Facebook muss sich an Gesetz und Moral halten, aber das grössere Problem liegt bei uns selbst.

Erschreckend war im US-Wahlkampf die Verachtung in der Rhetorik. Woher kommt dieser Hass?
Hauptsächlich wohl aus Hilflosigkeit. Man schlägt umso wilder um sich, je mehr man sich in die Ecke gedrängt fühlt. Wir leben eigentlich in historisch wunderbaren Zuständen. Seit Jahrzehnten gibt es keinen Krieg in Europa, wir werden immer älter, wir haben immer höhere Einkommen und Bildung auf hohem Niveau. Trotzdem sehen wir nur das, was Angst macht oder chaotisch erscheint. Dafür hat man weder Strategien noch Lösung und ist auch zu faul, sie zu entwickeln – und delegiert die Verantwortung. Wer bewusst alle negativen Seiten Trumps ignoriert und ihn wählt – der denkt nicht gemeinschaftlich.

Als müssen wir dem Protestwähler sagen, er solle sich besser informieren?
Wenn das so einfach wäre. Der hat natürlich einen tief sitzenden Frust, den er fairerweise auch kommunizieren darf. Wir alle müssen realitätsnäher und toleranter werden. Politiker dürfen nicht länger Menschen, die sich gesetzeskonform verhalten, herabsetzen oder ihnen Misstrauen entgegenbringen. Politiker dürfen sich nicht sagen, «mir passt deine Lebensweise nicht, deswegen versuche ich, dich kleinzukriegen».

Können Sie Beispiele nennen?
Etwa Waffenbesitzer, die als potenzielle Amokläufer stigmatisiert werden oder weisse Polizisten, die pauschal als Rassisten verdächtigt werden. Wenn Sie Leute herabwürdigen, die nichts falsch machen, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn diese irgendwann aufbegehren. Da liegt der Anfang des Hasses, was man auch bei Trump sieht. Wenn sich die Weissen zurückgesetzt und betrogen fühlen – ob das stimmt oder nicht – dann hat man ein Problem.

Was fehlt?
Dieser gegenseitige Respekt und die Demut sind uns abhandengekommen. Wir dürfen die eigene Lebensweise nicht zur Norm erheben und andere verachten, weil uns ihr Lebensstil nicht passt. Das bringt uns als Gemeinschaft nicht nach vorne.

Was würde helfen?
Wir müssen visionärer leben. Politik hatte in den letzten 25 Jahren nicht wirklich eine Idee, wo es hingeht. Einen Job und Gesundheitsvorsorge zu bieten, ersetzt nicht, die Sinnfrage zu beantworten. Es fehlt eine politische Erzählung. Ohne diese greifen die Menschen im Zweifel auch zu schlechten Visionen. Das sehe ich in der Sicherheitsforschung nicht nur beim IS, der Sinnsuchenden eine «Lösung» angeboten hat, sondern auch bei der AfD oder anderen Rechtspopulisten. Sie bieten eine Geschichte von Nation, Volk oder Heimat, die viele Leute anzieht.

Ist das fehlende Ernstnehmen dieser Lager etwas, das Sie den Medien vorwerfen würden?
Nicht pauschal. Und der Vorwurf der Lügenpresse ist natürlich Quatsch. Aber es erhielten viele Urteile medialen Raum, die überheblich herüberkamen. Und der Weg, sich angegriffen zu fühlen, ist kurz. In der Summe bilden solche Angriffe einen stetigen, erodierenden Prozess: Wenn man immer wieder gepiesackt wird und es heisst «Du bist als weisser Mann an allem schuld. Und du fährst auch noch Auto und zerstörst die Umwelt» sorgt das für Polarisierung. Beide Seiten müssen sich beruhigen, um das in den Griff zu bekommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.11.2016, 17:07 Uhr

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Stephan Humer

Stephan G. Humer (Diplom-Soziologe und Informatiker) ist Gründer des ersten Arbeitsbereichs Internetsoziologie in Deutschland. Er lehrt und forscht an der Hochschule Fresenius in Berlin. Stephan Humer ist Gründungsvorsitzender des Netzwerk Terrorismusforschung e. V., Mitgründer der Deutschen Gesellschaft für Informationsfreiheit e.V., Mitglied im Forschernetzwerk «Surveillance Studies» und in der Arbeitsgruppe «Identitätsschutz im Internet».

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