«Die SBB können das gar nicht machen»

Drei Millionen nutzen die SBB-App – Ende Jahr soll sie umgebaut werden. Verschwindet der alte Fahrplan? baz.ch/Newsnet hat zwei Zürcher Entwickler getroffen.

In ihrem Zürcher Büro: Ubique-Geschäftsführer Mathias Wellig (rechts) und Entwickler Marc Gschwend.

In ihrem Zürcher Büro: Ubique-Geschäftsführer Mathias Wellig (rechts) und Entwickler Marc Gschwend. Bild: Doris Fanconi

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Eure Viadi-App ist dank der speziellen Touchbedienung eine der besten Fahrplan-Apps überhaupt. Nun hat die SBB euren Touchfahrplan übernommen (per «One-tap-Kauf» zum Bahnbillett). Liess sich damit alleine nicht genug Geld verdienen?
Marc Gschwend: Die SBB haben uns gefragt und nicht umgekehrt. Es war nicht unser Ziel, das zu verkaufen.

Aber wird die Viadi-App nun eingestellt?
Gschwend: Wir werden Viadi sicher weiterziehen. Wie genau, ist aber noch offen. Es gibt ja noch mehr Länder als nur die Schweiz. Kommt dazu, dass wir mit der Viadi-App freier experimentieren können. Mit einer SBB-App ist das natürlich weniger gut möglich.

Aktuell testen die SBB in einer speziellen App den von euch entwickelten Touchfahrplan. Gibt es schon Feedback?
Mathias Wellig: Schon sehr viel. Wenn wir uns die Kommentare der Nutzerinnen und Nutzer anschauen, fällt auf, dass fast alle positiv sind.

Wie gut stehen die Chancen, dass euer Touchfahrplan Ende 2016, wenn die neue SBB-App lanciert wird, der neue Standardfahrplan wird?
Wellig: Verschwinden wird der alte Fahrplan sicher nicht. Als Staatsbetrieb und mit einer der meistgenutzten Apps der Schweiz, können das die SBB auch gar nicht. Aber wir haben schon die Hoffnung, dass sich die grosse Mehrheit dann für den Touchfahrplan entscheidet.

Bei der Test-App muss man immer erst mühsam auswählen, welchen Fahrplan man nun gerne hätte. Ist da eine Option geplant, mit der man sich auf einen der beiden festlegen kann?
Gschwend: Wir wissen es nicht. Aber klar ist es ein Wunsch vieler Nutzer. Es macht ja auch Sinn, dass man mit möglichst wenig Klicks eine Fahrplanabfrage machen kann.

Ist eine Fahrplan-App überhaupt etwas, was längerfristig noch gebraucht wird? Geht das nicht in ganzheitlichen Diensten wie Google Maps oder Siri auf?
Wellig: Kurz und mittelfristig, glaube ich, hat gerade ein Fahrplan weiterhin eine App verdient. Kleinere Sachen wie etwa Ladenöffnungszeiten, die man nicht so häufig braucht, sind ja bereits von solchen Diensten aufgesogen worden. Aber beim Fahrplan wird das sicher nicht so bald passieren. Bei Wetter-Apps, die man täglich braucht, ist es ähnlich. Einfach überall da, wo der lokale Anbieter einen Mehrwert bieten kann, werden sich einzelne Apps halten können. Aber längerfristig ist alles offen. Da kann es gut sein, dass ein Dienst, den wir noch nicht mal kennen, alles aufsaugt.

Sie erwähnen Ladenöffnungszeiten nicht ganz zufällig …
Wellig: Genau, da habe ich vor ein paar Jahren an einer App herumstudiert, und jetzt bin ich ganz froh, habe ich es damals nicht gemacht. 2016 braucht es dafür keine App mehr. Man geht einfach in den Browser und gibt «Öffnungszeiten Coop oder Migros» ein.

Oder man schaut gleich bei Google Maps.
Wellig: Das ist einfach aufgesogen worden. Damals war das noch anders. Mit den teuren Datenabos hätte eine schlanke App, die wenig Daten verbraucht, sicher eine Berechtigung gehabt. Aber heute gibt es keinen Grund mehr, so eine App zu nutzen.

Gschwend: Eine App muss wirklich einen Nutzen haben. Sonst bringts nichts. Ein Coiffeur in irgendeinem Dorf braucht nun wirklich keine eigene App.

Anders als viele Apps ist bei Viadi der Download gratis, nach einem Gratismonat wird eine Jahresgebühr von 3 Franken fällig. Warum keine einmalige Gebühr?
Wellig: Das Jahresabo entspricht unseren Aufwänden. Wir haben die App nicht einfach gemacht und gut ist. Wir arbeiten weiter daran und entwickeln sie weiter. Die drei Franken sehen wir auch als eine Art Unterstützungsbeitrag an diese Arbeit.

Das Abo als Förderbeitrag?
Wellig: Einmalig bezahlte Apps wurden zu Beginn des App Store mal so festgelegt. Aber eigentlich entspricht das nicht dem Markt. Eine App sollte man immer weiterpflegen. Eine App stellt einen Service zur Verfügung. Darum sollte sie auch so bezahlt werden. Adobe und Microsoft machen das ja mit ihren Desktop-Programmen auch so.

Für euch als Entwickler ist diese Art der Entlöhnung auch nachhaltiger?
Gschwend: Auch für die Nutzer. Bei einem Abo hat man die Garantie, dass es den versprochenen Dienst dann auch gibt. Bei einer Bezahl-App dagegen weiss man nie, was in Zukunft damit geschehen wird. Solange wir Abonnenten haben, werden wir unseren Dienst auch weiter anbieten. Und wenn wir ihn einstellen wollen, verkaufen wir einfach keine Abos mehr.

Ich vermute, ihr sagt nicht, wie viele Abonnenten die Viadi-App hat.
Wellig: Zahlen nennen wir nicht. Aber es steigt, und die Kurve wird je länger, je steiler, was uns auch überrascht.

Ohne Zahlen zu nennen, eure Firma mit 11 Mitarbeitern könnt ihr nicht über Viadi finanzieren?
Gschwend: Nein, dafür ist der Schweizer Markt viel zu klein.

Wo wir schon vom Markt sprechen: Apple lobt sich gerne damit, dass in Europa 1,4 Millionen neue Stellen durch den App Store entstanden seien und Entwickler über 10 Milliarden Euro damit verdient hätten. Andererseits wird die Kritik lauter, dass nur ein paar wenige damit nachhaltig Geld verdienen und die Goldgräberstimmung vorbei sei. Wie schwierig ist es, mit dem App Store Geld zu verdienen?
Wellig: Rückwirkend muss man sagen, dass wir uns als Dienstleister die lukrativste Nische ausgesucht haben. Wir machen unser Geld nicht mit App-Verkäufen, sondern indem wir Apps für Kunden, wie eben die SBB, entwickeln. Die Gewinner in den App Stores sind ein paar wenige, die ein gutes Businessmodell gefunden haben, und vor allem Unternehmen, für die Apps einfach ein weiterer Vertriebskanal sind. Aber als kleiner Entwickler heute eine Goldader zu finden, ist unglaublich schwierig. Und das ist auch kein nachhaltiges Business. Aus der Schweiz heraus ist das zusätzlich schwierig. Einerseits ist unser Markt sehr klein, und weltweit ist die Konkurrenz entsprechend gross. Nur schon wenn man etwas für Europa plant, kommen so viele kulturelle und rechtliche Schwierigkeiten hinzu, dass das Risiko sehr, sehr gross wird. Wir glauben aber auch nicht, dass Kauf-Apps die Zukunft sind. Schon heute macht der Verkauf von Dienstleistungen den Grossteil der Mobile-Economy aus. Bei Uber zum Beispiel ist die App nur das Mittel zum Zweck.

Gschwend: Früher hiess es noch: «Ich habe eine gute Idee für eine App», und daraus sollte ein Geschäftsmodell entstehen. Ich glaube, es ist umgekehrt. Man hat eine Geschäftsidee und dafür braucht es dann noch eine App.

Für welchen App Store ist es einfacher zu arbeiten: Googles Play Store oder Apples App Store?
Wellig: Wenn wir nur das Publizieren anschauen: ganz klar bei Google. Da können wir eine App in zwei, drei Stunden publizieren. Google schaut sich das auch nicht an. Nur automatisiert im Hintergrund oder wenn die Nutzer reklamieren. Bei Apple ist das umgekehrt. Man reicht die App ein. Dann muss man warten, bis die App angeschaut wird. Dann gibts Feedback und entweder einen Daumen nach oben oder unten. Inzwischen haben wir uns damit arrangiert und Übung darin, aber am Anfang war das nicht immer leicht. Aber für uns als Dienstleister ist es natürlich ein Risiko. Zumal es die Kunden meist eilig haben und sie ihre App lieber schon gestern im Store hätten. Und ganz sicher ist man sich dann doch nie, was bei den Kontrollen entschieden wird.

Schlussendlich also eine Art Blackbox?
Gschwend: Es ist einfach ein Risiko. Darum müssen wir immer zusätzlich Zeit dafür einplanen. Wenn eine App wirklich präzis zu einem Datum veröffentlicht werden soll, müssen wir sicherheitshalber schon einen Monat einplanen.

Immer noch erscheinen viele Apps zuerst auf iOS und später auf Android. Woran liegt das?
Wellig: In der Schweiz liegts natürlich nur schon mal daran, dass wir ein iPhone-Land sind. Es kommt aber auch dazu, dass iPhone-Nutzerinnen und -Nutzer eher bereit sind, Geld auszugeben. Das sehen wir auch bei Viadi. Bei den Downloads ist das Verhältnis von iOS zu Android fast ausgeglichen. Von den bezahlenden Kunden nutzen drei Viertel iOS und ein Viertel Android.

Spielt es auch eine Rolle, dass es möglicherweise einfacher ist, für iOS zu programmieren?
Wellig: Das hängt natürlich davon ab, wie ein Entwickler-Team aufgestellt ist. Aber es stimmt schon. Bei iOS ist es einfacher, schöne und flüssige Animationen zu machen. Das könnte schon auch eine Rolle spielen. Aber ich könnte mir auch noch einen dritten Grund vorstellen: Viele Chefs haben iPhones. Natürlich wollen die die App dann auch zuerst haben.

Und in eurem Arbeitsalltag, hat da auch iOS Vorfahrt?
Wellig: Wir sehen das inzwischen viel seltener, dass erst fürs eine und dann fürs andere Betriebssystem entwickelt wird. In den letzten ein, zwei Jahren haben wir Apps immer für beide Plattformen gleichzeitig lanciert.

Wo wir gerade zwei Surface-Tablets von Microsoft auf dem Tisch vor uns haben, wie sieht es denn mit Windows 10 aus? Spielt das noch eine Rolle in eurem Berufsalltag?
Wellig: Wir richten uns da nach dem, was der Markt verlangt. Die Meteoswiss-App haben wir auch dafür gemacht. Anfangs dachten wir ja, das wird – zwar mit deutlichem Rückstand – die dritte grosse Plattform. Microsoft mit seinen Ressourcen wird das dieses Mal doch sicher hinbekommen. Aber es sieht einmal mehr nicht sehr gut aus. Ich habe das Gefühl, der Zug ist abgefahren. Sie haben ja spezielle Entwickler-Tools angekündigt, um iOS- und Android-Apps leicht auf Windows zu portieren. Aber da hört man jetzt nichts mehr. Das schadet ihnen natürlich, dass sie das mit grossem Brimborium angekündigt haben und nun nichts geht.

Wenn man mit Entwicklern spricht, hört man häufig den Wunsch nach mehr Möglichkeiten in den App Stores. Etwa Updates gegen Bezahlung, die Möglichkeit, auf Kundenrezensionen zu antworten, oder kostenlose Ausprobiermöglichkeiten vor dem Kauf. Teilt ihr diese Ansicht?
Wellig: Gerade die Möglichkeit, Reviews zu beantworten, und Demo-Versionen würden wir uns von Apple auch wünschen. Ersteres ist für uns als Entwickler sehr frustrierend. Da werden Sachen geschrieben, und wir können nicht dazu Stellung nehmen. Das können Sachen sein, die noch in Arbeit sind, Fehler, wo wir uns für Hinweise bedanken könnten, oder einfach nur Missverständnisse, die man leicht klären kann.

Und die Demo-Option?
Wellig: Die haben wir bei der Viadi-App sehr aufwendig selbst gelöst und ein bisschen umgangen. Aber bei Windows kann man eine App ohne weiteres als Demo anbieten und später dafür Geld verlangen. Das wäre wirklich sehr hilfreich.

Gschwend: Gerade für Apps, die etwas mehr als ein, zwei Franken kosten. Da ist die Hemmschwelle natürlich höher. Mit einer Demo könnte man die senken. Für einen Kaffee oder ein Bier geben die Leute ohne zu zögern Geld aus, aber bei Apps erlebe ich immer wieder, dass sich Leute lang überlegen, ob sie jetzt die zwei Franken bezahlen sollen.

Bei einer 10-Franken-App muss man sich dann schon gut informieren, dass man auch wirklich das bekommt, was man will.
Wellig: Mir gehts bei Bezahl-Apps genau gleich. Wenn man sie nicht ausprobieren kann, bin ich automatisch vorsichtiger. Als Lösung haben viele Entwickler sich für In-App-Käufe entschieden. So gibts die App erst mal gratis, und bezahlt wird dann später. Das ist aber nicht ideal. Da es Nutzerinnen und Nutzer frustriert, wenn die vermeintliche Gratis-App dann doch kostet.

Mit den Apps ist auch ein ganz neues Preisgefühl entstanden. Ich glaube, ich habe noch für keine App mehr als 10 Franken bezahlt.
Wellig: Da es ein weltweites Geschäft ist, findet da schon ein Preisdumping statt. Die Folge ist, dass es etwas komplexere Apps, die so um die 30 Franken kosten sollten und nicht so ein grosses Publikum ansprechen oder lokal beschränkt sind, sehr schwer haben. Es lohnt sich einfach nicht, solche Apps zu entwickeln. Wir können zum Beispiel darum jetzt nicht kommen und sagen, wir lancieren speziell für die Schweiz eine Reihe wirklich hochwertiger Apps, die dann auch entsprechend viel kosten. Selbst die grossen wie Microsoft oder Adobe nutzen Gratis-Apps als Zugang zu ihren kostenpflichtigen Angeboten.

Dass eine gute App zum Selbstläufer wird, ist genauso unwahrscheinlich wie bei einer guten CD. Ohne Marketing geht wenig. Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht?
Wellig: Das mussten wir auch erst lernen. Wir waren ja immer etwas verwöhnt. Wer fürs Bundesamt für Meteorologie eine App macht, braucht kein Marketing. Da reicht eine Pressemitteilung und man ist auf Platz 1 für eine Woche. Bei der Viadi-App haben wir erst mal mit ganz wenig Marketing gestartet und dann erst gemerkt, dass es gerade für neue Ideen mehr braucht. Wir haben dann aufgestockt und sofort gemerkt, dass mehr zurückkommt. Schliesslich wurden wir dann von Apple auch prominent im App Store angepriesen. Das ist natürlich noch mehr wert als jede andere Marketingmassnahme.

Das kann man auch nicht kaufen oder einplanen, das passiert einfach?
Wellig: Man erfährt im Voraus von der Redaktion, die das macht, dass die Möglichkeit besteht, dass man etwa App des Monats wird. Aber wirklich sicher kann man sich da nicht sein.

Gschwend: Solche Empfehlungen und Marketingmassnahmen sind heute deutlich wichtiger geworden. Früher hatte man eine Handvoll Apps, heute gibt es Tausende. Da muss man sich etwas einfallen lassen, um noch aufzufallen. Kein Wunder, sieht man inzwischen sogar im TV Werbung für Apps.

Stichwort «Clash of Clans».
Gschwend: Um Marketingmassnahmen kommt man heute einfach nicht mehr herum. Einfach eine gute Idee zu haben und eine App zu machen, die sich dann wie ein Lauffeuer verbreitet, das klappt heute kaum noch.

Wellig: Zu Beginn des App Store hat es nur schon gereicht, wenn Apps von einer prominenten Firma waren: etwa von einer Gewürzmarke oder von einem Supermarkt. Heute muss eine App auch etwas bieten, sonst hat sie keine Chance. Die Phase ist ganz sicher durch. Am Mittagstisch reden wir zum Beispiel viel weniger über Apps als noch vor fünf Jahren, wo wir uns ständig neue Apps gezeigt haben.

Dass eine App zu einem Überraschungshit wird, ist in der Entwicklerszene ein verbreiteter Wunsch. Der andere ist, dass man aufgekauft wird. Etwa wie die Zürcher von Bitspin, die mit ihrer Wecker-App bei Google gelandet sind.
Gschwend: Da kommen wir in den klassischen Start-up-Bereich hinein. Wir sehen uns viel mehr als Dienstleister. Darum ist so eine Übernahme für uns auch kein Thema. Wir wollten nie etwas aufbauen, was man dann einfach vertschutten kann. Wir wollen das lieber nachhaltiger angehen, das passt auch viel mehr zu unseren Schweizer Wurzeln.

Anfangs sah man auf Smartphone-Bildschirmen viel Leder- und Holzimitat und noch mehr Knöpfe. Das Leder- und Holzimitat ist inzwischen verschwunden, aber die Knöpfe sind immer noch da. Ihr habt mit der Viadi-App und dem neuen SBB-Fahrplan die klassischen Knöpfe durch Wischgesten ersetzt. Wie schwierig war das?
Wellig: Bis anhin waren Fahrplan-Apps ja einfach auf Handygrösse eingedampfte Websites. So gesehen ist die Viadi-App eine viel Mobile-tauglichere Variante. Die Idee dazu hatten wir schon lang, schwieriger war es, das neue Bedienkonzept den Nutzerinnen und Nutzern zu vermitteln. Wir alle sind ja so gewöhnt an die vielen Knöpfe. Bis wir da angekommen sind, wo wir heute sind, hat es einige Zeit und Nutzertests gebraucht. Ursprünglich konnte die App noch viel mehr. Aber das mussten wir wieder streichen, da es zu kompliziert wurde. Man konnte in einer früheren Phase zum Beispiel auf einzelne Kacheln drücken, um Abfahrtszeiten zu sehen. Das hat aber dazu geführt, dass die Leute nur noch gedrückt und nicht mehr gewischt haben.

Tatsächlich habe ich mich sehr schnell daran gewöhnt und möchte es auch nicht mehr missen.
Wellig: Das Einzige, was wir machen mussten, war eine ganz kurze Einführung. Wir sind da eigentlich keine Fans davon. Eine App sollte selbsterklärend sein, und lange Anleitungen werden sowieso weggeklickt. Darum verlangen wir von neuen Nutzerinnen und Nutzern nur, dass sie zwei Bahnhöfe verbinden, danach erscheinen schon die Abfahrtszeiten und man weiss alles, was man über die App wissen muss.

Ohne diese kurze Anleitung gings nicht?
Wellig: Nein, das war sehr spannend zu beobachten. Ohne die Anleitung fielen die Nutzertests sehr schlecht aus. Mit der kleinen Anleitung klappte es dann aber sehr schnell und sehr gut.

Gibt es Überlegungen, dieses Bedienkonzept auch für ganz andere Bereiche zu nutzen? Wischgesten funktionieren doch sicher nicht nur bei Fahrplänen.
Wellig: Marktreif ist noch nichts. Aber klar, wir machen uns da schon unsere Gedanken. Mit einem Touchscreen haben wir ja wirklich ein Eingabegerät, das so viel mehr möglich macht, als wir aktuell nutzen.

Inzwischen sind einzelne ja sogar druckempfindlich und unterscheiden, ob man fest oder leicht drückt. Aber werden wir uns je von den Knöpfen lösen können, oder ist das ein Bedienkonzept, das uns noch über Jahre erhalten bleiben wird?
Wellig: Es gibt Konzepte, wo ein Knopf immer die beste Lösung ist. Aber es wird immer mehr auch Konzepte geben, die darüber hinausgehen. Apps und Benutzeroberflächen werden je länger, je ergonomischer. Da spielt die heutige Hardware sicher eine entscheidende Rolle. Die Wischgesten, die wir in der Viadi-App verwenden, wären früher gar nicht möglich gewesen. Da musste man es einfach über Knöpfe lösen. Je länger, je mehr werden neue Konzepte nach und nach möglich. In den nächsten zehn Jahren wird da noch einiges gehen. Gewisse Sachen haben sich inzwischen etabliert. Zum Beispiel Multitouch. Unsere Wischgesten bei Viadi brauchen sicher noch eine Weile, bis sich das etabliert. Bei anderen Sachen wie Sprachsteuerung lässt sich noch schwer abschätzen, wie gut das dereinst funktionieren wird und wofür es sich eignet.

Gschwend: Es ist eine Entwicklung. Früher hatten Kaffeemaschinen Knöpfe. Heute haben sie Touchscreens, die immer noch Knöpfe haben. Irgendwann gibt es dann Kaffeemaschinen mit Touchscreens, wo der dann auch Sinn macht. Aber da sind nicht nur die Hersteller gefragt, sondern auch Nutzerinnen und Nutzer, die dafür erst eine Intuition entwickeln müssen.

Es braucht sicher eine Eingewöhnungszeit. Das hat man ja auch gesehen, als Apple und Google das digitale Leder- und Holzimitat haben verschwinden lassen und die aktuellen Designs von Android und iOS lanciert haben (iOS 7 ist sehr gewöhnungsbedürftig).
Gschwend: Es braucht einfach viel Zeit. Andererseits lernen Kinder heute von klein auf, wie ein Touchscreen funktioniert. Ich habe kürzlich ein kleines Kind beobachtet, das in einer Zeitung das Bild eines Tablets sah und darauf mit den Fingern eine Zoom-Geste gemacht hat.

Ich ertappe mich ja hin und wieder auch dabei, dass ich in der Zeitung ein kleines Bild vergrössern möchte oder im Büro an den PC-Bildschirm fasse.
Gschwend: Andererseits tun sich kleine Kinder schwer, wenn man ihnen eine Maus gibt. Aber klar, das ist einfach nicht so intuitiv und muss erst geübt werden. Schlussendlich setzt sich das durch, was intuitiv ist. Und so ist es auch bei unserem Fahrplan: Man verbindet mit dem Finger zwei Bahnhöfe und bekommt dann die Zugverbindungen angezeigt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2016, 06:18 Uhr

Der Fahrplan einmal anders

Viadi: Die Fahrplan-App der Zürcher Entwickler Ubique macht das Eintippen von Bahnhöfen fast ganz überflüssig. Einmal die am häufigsten verwendeten Haltestellen gespeichert, kann man Verbindungen dazwischen elegant und schnell per Wischgeste abfragen. Gerade wenn man es eilig hat, ist man um jede von dieser App eingesparte Sekunde froh. Die App gibts für Android und iOS. Der erste Monat ist gratis, danach kostet sie drei Franken pro Jahr.

SBB Mobile Preview: Mit 6,5 Millionen Downloads ist die SBB-App eine der beliebtesten Apps der Schweiz. Ende 2016 wollen die SBB die App generalüberholen. Schon jetzt kann man auf Android und iOS die Test-App ausprobieren. Mit dabei ist auch der Touchfahrplan von Ubique – kostenlos.

Departures: Ebenfalls ein innovatives und intuitives Fahrplankonzept zeigt ein Zürcher Entwickler mit der Departures-App. Die App nutzt das Livebild der Handykamera und projiziert darauf die nächsten Haltestellen und ihre Abfahrtszeiten. So muss man nur die App öffnen und schon sieht man, wo und wann der nächste Bus fährt. Die App kostet 2 Franken und gibt es aktuell nur fürs iPhone.

Von der ETH zu Ubique

Mathias Wellig und Marc Gschwend (beide 29) sind zwei der drei Ubique-Gründer. Mit inzwischen elf Mitarbeitern entwickelt Ubique für Kunden und arbeitet an der eigenen Viadi-App. Das Team besteht zum grössten Teil aus ETH-Abgängern. Ihr Büro haben die Jungunternehmer in Zürich an der Talstation der Polybahn. Zu ihren Kunden gehören unter anderem die ETH, der Akademische Sportverein oder das Schweizerische Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie. Für letzteres haben sie die MeteoSwiss-App entwickelt. Für die Viadi-App wurde Ubique im letzten Jahr mit drei Best-Of-Swiss-App-Awards ausgezeichnet. Ende 2015 haben die SBB ihre Pläne für eine überarbeitete App vorgestellt. Dabei spielen die Entwickler von Ubique eine Schlüsselrolle: übernimmt die neue App doch zahlreiche Funktionen und das Bedienkonzept der Viadi-App.

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