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«Uns wundert dieser iPhone-4-Ausrutscher»
Interview: Reto Knobel. Aktualisiert am 20.07.2010 40 Kommentare
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Handy- und Hardwareexperte Wolfgang Pauler. (Bild: Chip.de)
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Wie «Ars Technica» berichtet, laufen in den USA aufgrund von Empfangsproblemen beim iPhone 4 bereits fünf Sammelklagen gegen Apple. (AAPL 562.29 -0.54%)
Der Vorwurf: Der Konzern habe unausgereifte Geräte in den Verkauf gebracht. Auch Ingenieur Wolfgang Pauler, Testchef bei «Chip online» mit den Fachgebieten Handy und Hardware, findet es erstaunlich, dass das Gerät mit diesem Problem auf den Markt gekommen ist.
Wolfgang Pauler, Apple verschenkt in den USA laut US-Quellen Schutzhüllen an unzufriedene Kunden, wenn diese nachweisen können, dass die Probleme beim
Smartphone mit der integrierten Antenne zusammenhängen. Ein Beweis, dass die Empfangsprobleme auf die Hardware zurückzuführen ist?
Ein direktes Eingeständnis ist das nicht. Falls das aber nicht nur ein Einzelfall ist, sondern von Apple jetzt generell so gehandhabt wird, ist es schon ein starkes Indiz.
Was ist denn aus Ihrer Sicht das Hauptproblem des iPhone 4?
Das Hauptproblem scheint darin zu liegen, dass die Antennen im Metallrahmen verbaut sind und dieser Rahmen nicht elektrisch isoliert wurde. Ein Anfassen des Rahmens des iPhone 4 (was beim ganz normalen Halten des iPhones beim Telefonieren automatisch der Fall ist) kann dann die Antennencharakteristik verändern und eine massive Dämpfung des empfangenen respektive gesendeten Signals bewirken.
Apple will das Problem mit einem Softwareupdate beheben. Ist das möglich?
Ich glaube nicht. Wie gesagt sind aus unserer Sicht die Probleme – die wir mit unseren Test-iPhones übrigens sehr gut nachvollziehen können – durch das Hardware-Design bedingt. Das von Apple angekündigte Firmware-Update soll nur die Anzeige des Signalpegels verändern. Das kann zwar dazu führen, dass die Nutzer nicht mehr das Gefühl haben, durch «falsches» Anfassen des iPhone 4 massiv Signalstärke einzubüssen, weil das Handy nach dem Update dann nur noch zwei statt vier Balken verliert. Aber es wird keinerlei Auswirkungen auf die tatsächliche Empfangs- respektive Sendecharakteristik des Gerätes haben.
Firmenchef Steve Jobs hat sich in einem offenen Brief entschuldigt, Apple sei «perplex» angesichts der Erkenntnis, dass die Formel zur Berechnung der Netzstärke «komplett falsch» sei – dies treffe bereits für das erste iPhone zu. Wie ist es möglich, dass Apple den Fehler erst jetzt entdeckt?
Wir haben keinen Einblick in die inneren Abläufe bei Apple. Übrigens hat Apple nicht gesagt, die Formel zur Berechnung der Netzstärke sei falsch, sondern die Formel zur Zuordnung der angezeigten Balken zum Signalpegel: «The formula we use to calculate how many bars of signal strength to display is totally wrong.» Diese Formulierung ist erstaunlich.
Warum erstaunlich?
Weil es hier eigentlich kein falsch oder richtig gibt. Mit wie vielen Signal-Balken der gemessene Pegel dargestellt wird, obliegt den Geräte-Herstellern und ist reine Ermessenssache, es gibt keinen Industriestandard für diese Visualisierung.
Apple-Geräte haben ihren Preis, dafür – so die Fans – stimmt die Qualität. Das kann man beim iPhone 4 nicht mehr behaupten, oder?
Grundsätzlich bieten Apple-Produkte unserer Erfahrung nach eine sehr hohe Verarbeitungsqualität. Daher wundert uns dieser «Ausrutscher» mit der iPhone-4-Antenne. Deswegen würden wir Apple aber nicht gleich ein grundlegendes Qualitätsproblem unterstellen, wir empfehlen erst einmal abzuwarten, wie das Unternehmen mittel- bis langfristig mit diesem Thema umgeht.
Testet Apple Geräte zu wenig gut?
Dies können wir nicht beurteilen. Wir können nur sagen, dass wir es erstaunlich finden, dass das Gerät mit diesem Problem auf den Markt gekommen ist.
Wie gut ist das iPhone 4 aus technischer Sicht, die Empfangsschwäche mal ausgeklammert?
Das iPhone 4 ist ein gutes Smartphone, bei dem die Bedienung und viele Funktionen sehr gut umgesetzt wurden, das aber – neben der Antennenproblematik – auch einige Schwachstellen besitzt. Diese sind aber im Vergleich zu den millionenfach verkauften Vorgängermodellen eher weniger geworden. Abgesehen von der Antennen-Thematik ist das iPhone 4 mit Sicherheit das bislang beste iPhone.
Ein sehr grosser Konkurrent ist Google. In welchen Bereichen sind Android-Handys Apple überlegen?
Es gibt eine wesentlich grössere Auswahl an Android-Handys von vielen verschiedenen Herstellern in unterschiedlichen Preiskategorien und ohne Netzsperre auf einen einzelnen Netzbetreiber. Zudem sind die Geräte offener, Zusatzsoftware kann «freier» als beim iPhone heruntergeladen und installiert werden, der Android-Markt wächst ständig und kann durchaus mit Apples App Store konkurrieren. Zudem können die Geräte die immer noch auf sehr vielen Webseiten eingesetzten Flash-Inhalte wiedergeben, wogegen sich Apple dem Thema Flash total verweigert. Aber natürlich bleibt bei Google aufgrund der Datensammelwut des Unternehmens auch immer ein etwas schaler Nachgeschmack.
In der Schweiz ist das iPhone 4 noch nicht erhältlich. Was raten Sie potenziellen Käufern?
Das muss natürlich jeder selbst entscheiden. Ich persönlich würde es erst einmal nicht kaufen, sondern abwarten, ob es nicht in einigen Wochen respektive Monaten ein überarbeitetes Design des iPhone 4 gibt, etwa mit vom direkten Fingerkontakt isolierten Antennen/Metallrahmen oder mit einem kostenlosem «Bumper Case», das den Rahmen abdeckt.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.07.2010, 15:41 Uhr







