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Viel Mussolini für 79 Cent
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 04.02.2010
iMussolini – eine Sammlung von Reden des Faschisten.
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Nachtrage
Der Italiener Luigi Marino hat die von ihm für das iPhone entwickelte Anwendung iMussolini am 4. Februar zurückgezogen.
Besonders originell scheint die Idee nicht. Erstaunlich aber ist ihr Erfolg: In Italien hat ein unschönes Zusatzprogramm für das schöne iPhone, ein sogenanntes Applet, (AAPL 493.42 0.05%) in kurzer Zeit die Spitze der Download-Rangliste erklommen. Es heisst iMussolini und bietet 120 Reden des italienischen Faschistenführers Benito Mussolini (1883–1945). In Text, Audio und Video – für 79 Cent.
Das App-Symbolbild auf dem Handy zeigt den kinnmächtigen und klein gewachsenen Duce, von unten aufgenommen, wie immer. Seit eineinhalb Wochen steht es zum Verkauf und bricht Rekorde. Auf dem italienischen Onlineladen von Apple schlägt Mussolini nun sogar «Avatar».
Vom Erfolg überrascht
Auch der Erfinder des Applet ist vom Erfolg überrascht: Luigi Marino, ein 25-jähriger Programmierer aus Neapel, sagt: «Am ersten Tag haben es nur 55 Leute heruntergeladen, ab dem dritten Tag waren es jeweils mindestens tausend.»
Marino erhält 70 Prozent des Erlöses. Er versicherte den Medien, sein Antrieb sei ein historischer und kommerzieller, kein politischer und ideologischer. Er wähle stets christdemokratisch. Im Begleittext zum Applet auf iTunes heisst es: «Mussolini – der Mann, der die Geschichte Italiens verändert hat». Und: «Bitte vermeiden Sie unpassende Kommentare, die den Faschismus verherrlichen.»
Doch der Aufruf verhallte natürlich ungehört. Die Apologeten des Duce reihten schnell all dessen Slogans auf, was Apple dazu drängte, einzugreifen und einige Einträge zu löschen. Eine amerikanische Vereinigung von Angehörigen von Holocaust-Opfern forderte die Computerfirma am Wochenende auf, das Applet ganz zu verbieten. Doch Apple beschränkt die Zensur zunächst auf rassistische Kommentare. Die Reden Mussolinis gelten als historisches Material. Marino sagt, er habe es aus Archiven im Internet – und vom Zeitungsstand, wo stapelweise Filme, Kalender und Bücher zum Duce aufliegen.
Verwunderte Politologen
An den Souvenirständen und in den Autobahnraststätten Italiens kann man auch Bronzestatuen des Kinnladigen, Bildchen und Gesangsbücher mit faschistischen Hymnen kaufen, ohne dass das für Aufregung sorgen würde. Und trotzdem sind die Politologen nun über den Erfolg von iMussolini verwundert, muss man doch annehmen, dass auch in Italien eher jüngere, urbanere, bessergestellte Bürger ein Handy von Apple haben und Applets herunterladen. Eher wahrscheinlich als jene Kategorie von Italienern, die sich den Duce zurückwünschen – die Nostalgiker des Faschismus also. So genau weiss man das aber nicht.
Marino plant nun ein Upgrade des Programms. Mit noch mehr Material zu Mussolini, für 1,59 Euro. Und vielleicht, sagt er, wird er bald auch ein Applet zu Mahatma Gandhi machen, «um Polemiken zu vermeiden». Die Polemiken, muss man dazu sagen, befeuerten wohl das Geschäft.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.02.2010, 10:44 Uhr
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