«Wenn Tim Cook anruft, würde ich nicht sofort Nein sagen»

Der TAG-Heuer-Chef hat mit Google und Intel am Vierwaldstädtersee eine neue Smartwatch präsentiert. Mit baz.ch/Newsnet sprach er im grossen Interview.

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Sie sammeln Patek-Uhren und besitzen auch sonst ein paar der schönsten und teuersten Uhren, die es gibt. Was motiviert sie, trotzdem eine Smartwatch zu tragen?
Die Zukunft motiviert mich. Die junge Generation, Kreativität, Innovation und Technologie begeistern mich – genauso wie alle Leute, die in diesem Jahrhundert leben. Nur die alten sind nicht motiviert für morgen. Darum sind sie ja auch alt. Und man wird ja nur alt, wenn man sich nicht mehr für die Zukunft begeistern kann. Wenn man nur noch in die Vergangenheit schaut und sich mit Nostalgie beschäftigt, dann ist man alt.

Als Traditionsunternehmen muss man aber auch nach hinten schauen, oder nicht?
Ich beschäftige mich mit beidem: Ich respektiere Nostalgie, Tradition und die Kunst von gestern. Aber: Ich bin voll motiviert, die Kunst von morgen kennen zu lernen. Ein Streetpainter ist für mich auch ein Künstler, ein Rapper ist für mich auch ein Musiker usw. Darum ist es auch überhaupt kein Widerspruch, wenn man Patek oder Oldtimer-Autos sammelt und gleichzeitig mit einem elektrischen BMW durch London fährt. Das ist kein Widerspruch. Das ist Komplementarität.

Was machen Sie denn mit ihrer Smartwatch, wenn Sie sie tragen?
Ich schaue auf die Uhr, statt das Telefon ständig aus der Tasche zu nehmen. Es ist viel angenehmer, schnell auf das Handgelenk zu schauen, als das Telefon zu suchen.

In fünfzig Jahren, sehen Sie da Sammler Unsummen für die erste TAG-Heuer-Smartwatch bezahlen, wie sie es heute für alte Heuer-Uhren tun?
Ohne Zweifel!

Warum?
In fünfzig Jahren werden 99,9999 Prozent der Leute ihre erste Connected Watch weggeschmissen haben. Sodass die verbliebenen einen enormen Wert bekommen. Genau dasselbe ist mit Apples ersten Mac-Computern passiert. Alle wurden weggeworfen, und die paar, dies noch gibt, sind sehr, sehr teuer. Das wird bei der Uhr genauso sein.

Bei der ersten Connected Watch haben Sie die Nachfrage unterschätzt. Wie mutig sind Sie dieses Mal?
Wir sind immer noch relativ zurückhaltend. Wir haben das Budget verdreifacht. Bei der ersten haben wir 50'000 verkauft. Jetzt wollen wir 150'000 verkaufen. Also besonders mutig sind wir noch nicht, aber immerhin schon ein bisschen. Wir sind immer noch vorsichtig, aber es gefällt uns, vorsichtig zu sein. Denn es gehört zu unserer Mark, exklusiv zu sein. Exklusivität und Prestige haben eine Grenze. Wenn sie 10 Millionen Uhren herstellen, können Sie nicht sagen, dass sie exklusiv ist.

Ja, dann ist es damit schnell vorbei.
Aber mit 150'000 für die ganze Welt, da können wir immer noch von Exklusivität sprechen.

Apropos exklusiv, wie schwierig war es, Ihren Partnern Google und Intel beizubringen, was eine schöne Uhr ausmacht?
Das war nicht schwierig. Die waren begeistert. Darum haben sie sich ja mit uns zusammengetan. Um eben schöne Uhren zu machen und einen Prestigetransfer zu bekommen. Als Prestigemarke haben wir einen Ruf, eine Geschichte, wir sind 150 Jahre alt. Da sie genau das brauchen, haben sie auch genau das von uns erwartet.

Was hat Sie an Google und Intel am meisten überrascht?
Ich hatte überhaupt keine Ahnung, dass die 62 Milliarden Umsatz machen. Das ist dreimal mehr als die ganze Schweizer Uhrenindustrie. Ich hatte keine Ahnung, dass sie in drei Monaten einen Gewinn machen, der fast so gross ist wie der Jahresumsatz unserer Branche. Ich hatte keine Ahnung, dass Google eine Kantine hat, wo man 10 verschiedene ländertypische Küchen probieren kann. Da gibt es einfach alles. Ich fragte, ob das alles nötig sei. Sie erklärten mir, die ganze Welt arbeite hier. Wir können ja nicht nur amerikanisch kochen, wenn die Leute von überall her kommen.

Bei der Connected Watch spielt nebst Hardware, wo Sie Expertisen haben, vor allem Software eine zentrale Rolle, wie sind Sie da drangegangen?
Für die Schweizer Uhrenindustrie ist das etwas ganz Neues. Und für TAG Heuer ist es noch neuer als für die ganze Industrie. Wir haben darum unseren Forschungs- und Entwicklungschef Guy Semon beauftragt, die richtigen Partner zu finden, die uns helfen können. Er kam auf die Idee, eine Partnerschaft mit Intel einzugehen. Schliesslich sind sie führend bei Mikroprozessoren. Und Google hat die am weitesten verbreitete Software der Welt vor iOS.

Schon bei Ihrer ersten Uhr hat Google Android Wear ein bisschen individualisiert. Was bei anderen Uhren weiss war, war bei ihnen schwarz. Wie kam es dazu?
Wir haben gesagt, wissen Sie, wenn Schweizer Uhrenmarken zum Beispiel ein Uhrenwerk der ETA kaufen, dann macht jede Firma kleine Änderungen, Spezialitäten oder andere Dekorationen. Das wäre toll, wenn wir das mit Android Wear auch machen könnten. Das haben sie akzeptiert. Da jedoch Android Wear offen ist, kann jeder diese Änderungen in seiner Uhr dann auch übernehmen. Wir haben das auch irgendwie akzeptiert. Hauptsache, wir waren die Ersten. Es geht mir ja nur darum. Ich will immer der Erste sein. Wenn das andere später auch tun, ist mir das egal. Solange ich während 6 oder 9 Monaten davon profitiert habe, der Einzige zu sein.

Haben Sie das bei der neuen Uhr auch wieder gemacht?
Klar. Bei uns können Sie Ihr Zifferblatt selber machen. Sie können zum Beispiel Ihre Kinder ein Zifferblatt zeichnen lassen und das dann auf die Uhr übernehmen.

Haben Sie keine Angst, dass die Leute dann mit schönen TAG-Heuer-Uhren mit grässlichen Zifferblättern rumlaufen werden?
Ja. Aber wir müssen dem Kunden seine Freiheit geben. Und das wollen die Kunden. Jeder Kunde will sich mit seiner Uhr identifizieren und will sein eigenes Design haben. Und das können wir sowieso nicht verhindern.

Sie haben Apples iOS angesprochen. Wenn nun Ihr Telefon klingelt, Tim Cook ist dran und bietet ihnen die Apple-Software für Ihre Uhr an. Was sagen Sie da?
Ich würde nicht sofort Nein sagen. (lacht)

Aber auf Google würden Sie dann verzichten?
Ich habe nicht gesagt, dass ich Ja sagen würde.

Ich verstehe: Die Schweizer Neutralität.
Ja genau.

Aber ich glaube nicht, dass dieser Anruf kommen wird. Sie?
Nein. Nein, ich glaube nicht, dass das möglich ist.

Sie sind ein Marketing-Profi. Ihnen ist es damals gelungen, James Bond zum Omega-Botschafter zu machen. Nun lassen Sie Ihre Connected Watch in Ihrer Fabrik in La Chaux-de-Fonds zusammensetzen. Wie viel davon ist Marketing, und wie hoch ist der tatsächliche Nutzen?
Die Entwicklungskosten der Uhr lagen im zweistelligen Millionenbereich. Wir haben da sehr viel reingesteckt. Entsprechend viel Substanz hat sie. Marketing dient nur dazu, die Uhr bekannt zu machen. Wenn Sie zum Beispiel eine Pille gegen Hepatitis erfunden haben, ist sie nutzlos, solange keiner davon weiss. Mit Marketing können wir aber andersherum keine Sachen verkaufen, die keine Substanz haben. Da macht es Puff wie bei einem Feuerwerk, und dann ist es wieder vorbei.

Wie profitiert denn die neue Uhr davon, dass Sie die neue Produktionsstrasse im gleichen Gebäude wie Ihr Büro haben.
Zum einen ist es angenehmer, Prozesse gehen schneller, man kann einfacher mit den Leuten sprechen, wir haben mehr Flexibilität, und last but not least, wir haben das Recht, Swiss made draufzuschreiben.

Das ist sehr viel wert?
Oh ja.

Und wie sieht das mit Arbeitsplätzen aus?
Bis heute sind es über 50, und bis Ende Jahr hoffe ich 100.

Werfen wir einen Blick auf die Konkurrenz. Sie kennen die Swatch Group und Nick Hayek sehr gut. Warum warten die mit Smartwatches?
Ich weiss es wirklich nicht. Bin aber sicher, dass sie stark am Entwickeln sind.

Aber sie zeigen es nicht.
Vielleicht sind sie noch nicht bereit. Aber sie entwickeln mit Sicherheit etwas. Aber warum sie warten, weiss ich wirklich nicht.

Wo wir von der Swatch Group und James Bond gesprochen haben, wäre der nicht der beste Markenbotschafter für die Connected Watch?
Ja. Er wäre gut. Aber Omega hat den.

Und den werden sie nie wieder hergeben.
Nein. Aber die Connected Uhr wäre ideal für ihn. Auch für Kingsman wäre sie sehr gut geeignet.

Aber die hatten im letzten Film ja Bremont.
(lacht verschmitzt, sagt aber nichts)

Auf jeden Fall ein toller Film. Ich freue mich schon auf den nächsten Ende Jahr. Sprechen wir noch über die anderen Marken Ihres Konzerns. Eine Connected Zenith oder Connected Hublot, wäre das denkbar?
Für Zenith auf keinen Fall.

Warum?
Weil Zenith eine pure Manufaktur und eine pure Kunstmarke ist. Zenith steht für Ewigkeit. Das ist die DNA. Eine Connected Watch kann nicht ewig sein. In fünf oder zehn Jahren ist sie obsolet. Darum können wir das mit Zenith gar nicht machen. Und so ist es auch ein bisschen mit Hublot.

Ein bisschen?
Hublot hat ja leicht austauschbare Armbänder. Wenn wir Technologie auf das Band bringen könnten, hätten Sie im selben Etui nebst dem Kautschuk- oder Lederband ein zweites Band mit Zusatzfunktionen.

So etwas habe ich vor einem Jahr einmal für meine mechanische Uhr selbst gebastelt und fand es ziemlich toll.
Genau so etwas könnte Hublot machen.

Machen Sie es?
Sie werden es tun.

Da bin ich aber gespannt. Wann?
Ich denke Ende des Jahres.

Was war die Hauptidee hinter den neuen Connected Watches?
Die Modularität. Wenn ich zum Beispiel für die Oper keine Connected Watch möchte, kann ich einfach ein anderes Modul einsetzen.

Sie verzichten entgegen dem Trend auf einen Pulssensor, warum?
Die sind einfach nicht präzise. Das misst man besser mit einem Brustband als am Handgelenk.

Einerseits sind Android-Uhren ziemlich gross. Andererseits werden analoge Uhren gerade wieder ein bisschen kleiner. Können Sie mit der Connected Watch dem Trend folgen?
Da müssen Sie bis Herbst warten, bis wir eine kleinere Dimension bringen.

Wie steht es um Damenmodelle? Wie lange muss man darauf noch warten?
Herbst.

Es ist also ein Bedürfnis, wieder kleinere Uhren zu haben?
Ja. Gerade auch in Asien. Es gibt einen Markt dafür.

Auch für Hublot?
(lacht) Nein! Hublot ist eine Nischenmarke. In diesem Sinne ist es weniger wichtig für Hublot.

Sprechen wir wieder über TAG Heuer. Sie haben verschiedene Modelle. Sie haben die Carrera als Basis für die Connected Watch gewählt. Wäre nicht auch zum Beispiel eine Autavia denkbar?
Nein. Obwohl alles denkbar ist, aber es steht nicht auf dem Programm. Wir wollen die Carrera als Connected Uhr behalten.

Andererseits die Monaco, wäre ja auch eine Überlegung wert. Die ist quadratisch, was für einen Bildschirm ja ideal wäre. Warum trotzdem die Carrera?
Die Carrera ist unser Leadermodell. Das ist unser meistverkauftes Modell. Wir haben uns gesagt, wenn wir eines Tages 100'000 oder gar 200'000 Connected Watches verkaufen, ist es besser, wenn wir das mit unserem Topmodell und nicht einem Nischenmodell machen wie der Monaco.

Wie wichtig ist es bei Uhren, Armbänder einfach wechseln zu können?
Das ist sehr sehr wichtig. Darum haben wir das bei der neuen Connected Watch eingebaut. Sie können ja sogar die Schliessen und die Anstösse wechseln, ohne einen Uhrmacher um Hilfe zu bitten.

Apple hat da sicher einen Beitrag geleistet, dass heute mehr über einfache Mechanismen zum Wechseln von Armbändern nachgedacht wird. Oder würden Sie dem widersprechen?
Mit Hublot machen wir das schon ewig. Das war schon immer ein Bedürfnis.

Aber nicht jeder hats einfach gemacht. Ich nerve mich jedes Mal, wenn ich mit dieser Spezialgabel das Armband meiner nicht ganz billigen mechanischen Uhr wechseln möchte.
Ja, das ist schlimm.

Bei der Präsentation Ihrer ersten Connected Watch haben Sie gleich gesagt, wann die nächste kommt. Machen Sie das erneut?
Ja klar. Die nächste kommt Ende 2018.

Warum sind Sie da so offensiv? Apple und andere Hersteller machen da immer ein grosses Geheimnis darum. Was spricht für Ihre Strategie?
Man nimmt den Kunden ernst. Wir verkaufen ihm nicht nur eine Uhr, wir wollen ihn auch informieren. Jeder weiss, alle zwei Jahre ändert sich die Technologie. Wenn ich dann nichts dazu sage, verkaufe ich den Kunden für dumm. Wenn ich dagegen sage, in zwei Jahren kommt eine neue, gebe ich dem Kunden auch die Möglichkeit, noch zwei Jahre zu warten.

Nicht dass er dann zwei Monate vorher die Uhr kauft und sich dann ärgert.
Genau. Es ist ehrlich und authentisch. Aber das sind Werte, die findet man immer weniger. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.03.2017, 12:05 Uhr

Die neue Uhr

TAG Heuer hat heute in Brunnen zusammen mit Google und Intel eine neue Smartwatch vorgestellt. Die Connected Modular 45 (ab 1650 Franken) gibt es in insgesamt 56 Varianten. Möglich macht dies ein modulares Design bei dem man nebst Armbändern auch die Schliessen und die Anstösse (der Teil der Uhr, an dem die Armbänder befestigt werden) individuell wählen (Titan, Keramik, Gold usw.) und selber austauschen kann. Interessantes Detail: Das modulare Konzept wird auch auf ein paar mechanische Uhren der Firma ausgeweitet. So lassen auch die sich mit den Bändern und Anstössen kombinieren.

Bei der Hardware kommt ein Intel Atom-Prozessor und ein Oled-Bildschirm zum Einsatz. Softwaremässige gibt es das neuste Android Wear 2.0 von Google. Auffällig ist das Fehlen eines Pulssensors. Wie Firmenchef Jean-Claude Biver im Interview mit baz.ch/Newsnet erklärt, seien Pulssensoren am Handgelenk einfach zu unpräzis. Darum hätten sie keinen verbaut.

Besonders stolz ist man bei TAG Heuer auf die neue Produktionsstrasse in La Chaux-de-Fonds. Dort ist es nun möglich die Uhr selbst zusammenzusetzen. Beim Vorgängermodell musste Intel diesen Arbeitsschritt übernehmen. Abgesehen, davon dass die neue Produktionsstrasse am eigenen Hauptsitz mehr Flexibilität erlaube, kann TAG Heuer nun auch Swiss Made auf die neuen Uhren schreiben. Mit einem Durchmesser von 45 Millimeter ist die neue Uhr eher auf der grossen Seite. Doch laut Jean-Claude Biver soll im Herbst ein kleineres Modell nachgereicht werden. (zei)

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