Solothurn um 1830 aus der Vogelperspektive
Google Earth macht es möglich: Solothurn in 3D anno 1830.
Solothurn , mal ehrlich, ist ein globaler Klecks. Während dem 15'000-Seelen-Ort mit seinen eben beendeten Filmtagen, der barocken St. Ursenkathedrale und dem Rockmusiker Chris von Rohr durchaus nationale Bedeutung zukommt, schert sich die weite Welt wenig um das Städtchen an der Aare. Ein Pionierprojekt könnte dies nun ändern.
Die Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik in Muttenz hat ein Modell der Solothurner Altstadt von 1830 digitalisiert. Entstanden ist eine virtuelle Zeitmaschine: Per Mausklick schwebt man über Dächer und durch Gassen, vorbei an der mittelalterlichen Festungsmauer, die längst abgerissen wurde.
Das Resultat ist so professionell und detailgetreu, dass sich der Internetriese Google für das Projekt interessiert. Rund drei Monate nach dem antiken Rom findet nun das historische Solothurn Einzug in die virtuelle Welt von Google Earth – Silicon Valley meets Mittelland. Da ist etwas Überschwang nicht fehl am Platz, fand die Stadtkanzlei, und die Medien folgten ihrer «Einladung zur Weltpremiere» nach Solothurn.
Digitale Vermessung
Möglich gemacht hat diese dreidimensionale digitale Rekonstruktion ein 1920 erstelltes Kartonmodell, das die Stadt um 1830 im Massstab 1:500 zeigt. Ein Glücksfall für Stephan Nebiker, Professor für Vermessung und Geoinformation an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Zusammen mit einer Geomatik-Abschlussklasse hat er das Modell vermessen, digital aufbereitet und in eine comicartige Welt verwandelt, wie man sie sonst nur aus Computerspielen kennt.
Millimetergenau
Mit einem handgeführten Laserscanner haben die Studenten das Modell millimetergenau abgetastet – eine Methode aus der Industriemesstechnik, die für «3D Solothurn 1830» erstmals in diesem Rahmen angewandt wurde. Zusätzliche Fotografien von Schräg- und Senkrechtansichten ergänzen das digitale Rohmaterial des Projekts. Nun ist aus rund 80 Millionen Laserscanning-Punkten eine historische Stadtansicht entstanden, die nicht nur eine geometrische Genauigkeit von 0,05 Millimeter hat, sondern am Bildschirm eine fast physische Qualität erreicht.
«Super», entfährt es mehrmals einem verblüfften Direktor von Region Solothurn Tourismus. Jürgen Hofer ist begeistert. «Das Projekt bietet Anschaulichkeit und Emotion. Man hat das Gefühl, in die Stadt eintauchen zu können.» Bereits sieht er das Projekt verlinkt mit seiner Website, ein historischer Stadtrundgang schwebt ihm vor. Hofers Begeisterung trifft eine wesentliche Stärke von «3D Solothurn 1830». Als Google Earth das antike Rom in seine Website eingebaut hatte, monierten Kritiker die flache, unsinnliche Darstellung der Modelle. In Muttenz dagegen haben wissenschaftliche Mitarbeiter in wochenlanger Arbeit von 900 Gebäuden die Oberflächentexturen – Farben, Strukturen, Schatten – erfasst, die vor knapp 90 Jahren auf die Kartonhäuschen gemalt wurden.
Wo die einen erste Schritte in Richtung Cyber-Tourismus planen, interessieren sich andere für die wissenschaftliche Relevanz des Projekts. Für Erich Weber, Konservator am Museum Blumenstein, ist es ein ideales Modell für Geschichtsforschung. «In Solothurn haben wir das Glück, dass uns reiche Daten aus dem 19. Jahrhundert vorliegen: Erfassungsbögen aus Volkszählungen mit detaillierten Angaben zur Bevölkerung.»
Ziel ist es, diese Daten ins digitale Modell einzuarbeiten, um so Veränderungen der Sozialtopografie sichtbar zu machen. «Wo war das Gewerbe angesiedelt? Wo lebten die Reichen? Wo war das Bordell?», nennt Weber die Fragen, die Historiker ebenso wie Museumsbesucher interessieren. Vorerst aber ist «3D Solothurn 1830» eine rein visuelle Zeitreise.
Internationales Niveau
Weitere Anwendungsmöglichkeiten sieht Stephan Nebiker im Bildungsbereich, Stichwort Heimatkunde. Ausserdem schwebt ihm ein Schieberegler vor, mit dem der Betrachter durch die Jahrhunderte scrollen kann. Dass das Projekt nun von Google Earth aufgenommen wird, sei für ihn eine «Goodwill-Aktion», es zeuge aber vom internationalen Niveau der 3-D-Rekonstruktionen in Muttenz.
Bei Google ist man daran, einen historischen 3-D-Layer zu schaffen, in den auch «3D Solothurn 1830» integriert werden soll. Da dies technisch sehr komplex ist, ist das Projekt vorerst nur über den Link der Fachhochschule Nordwestschweiz einzusehen.
Eine Dokumentation berichtet heute in der Sendung «Einstein» auf SF 1 (21 Uhr) über den Verlauf des Projekts. Einmal mehr macht Solothurn nationale Schlagzeilen: global ein Klecks, virtuell ein Vorreiter.
(Basler Zeitung)
Erstellt: 29.01.2009, 15:24 Uhr
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